07:42 01 Dezember 2020
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    Hamsterkäufe, leere Stadien bei den Fußballspielen und abgesagte Konzerte? In Russland scheint die Furcht rund um die Verbreitung des neuartigen Coronavirus anders als in der EU zu wirken. Dafür sorgt wohl eine Mischung aus der Staatspolitik und der allgemeinen Gelassenheit der Russen. Ein Annäherungsversuch.

    In der Nacht zu Montag ist die offizielle Anzahl von Corona-Infizierten im China-Nachbar Russland auf 20 Personen gestiegen, wobei alle neuen Fälle auf die Italien-Rückkehrer zurückzuführen sind. Damit ist sie seitdem nicht gestiegen. Zum Vergleich: weltweit sind nach den Angaben der Weltgesundheitsorganisation schon 119.027 Fälle registriert worden, allein in Deutschland 1296, in Italien schon über 8000 Infizierte mit 463 Todesopfern. In manchen italienischen Gefängnissen würden selbst die Häftlinge aus Angst vor der tödlichen Infektion für Amnestie streiken und werden tödlich verletzt, schreibt die Zeitung Corriere della Sera, im Iran starben sieben offenbar gesunde Menschen laut der Nachrichtenagentur ISNA an Methanolkonsum, mit dem sie sich vor dem Virus schützen wollten. 

    Eigentlich haben die Deutschen und Russen in der Corona-Frage schon Gemeinsamkeiten. So halten lediglich 31 Prozent der in einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos befragten Deutschen das Coronavirus für eine hohe oder sogar sehr hohe Bedrohung für Deutschland. In Russland zeigte eine ähnliche Umfrage des Levada-Zentrums, dass nur 30 Prozent der Russen die Ansteckungsgefahr ernst nehmen würden. Insgesamt 68 Prozent der Befragten haben entweder eher keine Angst davor oder lehnen diese Gefahr entschlossen ab. 

    Hat Russland tatsächlich alle Flüge nach China eingestellt? 

    Russland gehört zu denjenigen Ländern, dessen „aggressiven“ Kampf gegen den Coronavirus vom Direktor der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom, gelobt wurde. Dieser habe ihre positiven Früchte getragen, so Adhanom auf einer Pressekonferenz Ende Februar. Russland hatte Ende Januar tatsächlich das Überqueren der Landesgrenze mit China bzw. die Flugverbindungen mit diesem Land aufgrund der anhaltenden Coronavirus-Epidemie stark beschränkt, aber noch nicht komplett untersagt. Die Maßnahme ist kürzlich bis zum ersten April verlängert worden und streckt sich unter anderem auf die regulären Flugreisen abgesehen von den Aeroflot-Flügen über das Terminal F im Moskauer Flughafen Scheremetjewo bzw. der Flüge etlicher chinesischen Fluggesellschaften. 

    Die Beschränkungen an der Landesgrenze wurden ebenfalls gelockert, nachdem sich die Bewohner des Fernen Ostens über einen Preisanstieg aufgrund der vom Markt verschwundenen chinesischen Produkte beschwerten. Ab Ende Februar sind ebenfalls die Flugverbindungen mit dem Iran und ab dem 1. März mit Südkorea stark beschränkt worden. Das Internationale Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg, für Anfang Juni geplant, sowie das Investitionsforum in Sotschi sind abgesagt worden - in erster Linie wegen der internationalen Teilnehmer. Sollten in Moskau jetzt Massenveranstaltungen abgesagt werden, dann welche ab 5000 Besucher, während die Obergrenze in Berlin max. 500 Besucher voraussetzt. In allen anderen russischen Städten scheint eine merkwürdige Ruhe zu herrschen. Weder Hamsterkäufe dürften für die Russen ein Thema sein noch die Defizite von Atemschutzmasken.

    Unbequeme Pflicht-Quarantäne 

    Hart wollte der Moskauer Oberbürgermeister Sergej Sobjanin gegen die Coronagefahr vorgehen und verordnete am 5. März eine zweiwöchige Pflicht-Quarantäne  für alle Rückkehrer aus Italien, Frankreich, Deutschland und Spanien mit administrativen Strafen für Abweichler. Bei aller Umstrittenheit der Maßnahme gehen viele Experten davon aus, dass sie vernünftig ist. Sie fordert die Moskauer Arbeitgeber übrigens dazu auf, die Temperatur ihrer Mitarbeiter täglich zu messen. Nach Sputnik-Informationen halten sich viele Schulen und Firmen tatsächlich an die Vorschriften des Oberbürgermeisters, während die anderen Arbeitgeber diese nicht so ernst nehmen zu scheinen. 

    Doch selbst wenn die russische Aufsichtsbehörde für Gesundheitsschutz, Rospotrebnadzor, die Russen vor den Auslandsreisen inständig abrät, sind viele Russen nicht bereit, auf ihre Buchungen zu verzichten. In den sozialen Netzwerken fragen viele einander, wie man die Quarantäne vermeiden kann, wenn man z.B. aus Italien zurück ist. 

    Laut dem Virologen und Direktor am Institut für Medizinische Parasitologie an der Staatlichen Medizinischen Setschenow-Universität Moskau, Alexander Lukaschew, haben die meisten aktiv reisenden Russen bis 50 Jahre deswegen keine Corona-bezogene Panik, weil sie sich nicht in der Risikozone sehen und andere Probleme wohl als lebenswichtiger betrachten.

    Die Älteren haben aus seiner Sicht schon mehr Angst vor dem Virus. Er geht auch davon aus, dass die offizielle russische Statistik von den Infizierten verlässlich und adäquat sei, es deshalb für die Russen jetzt keinen Sinn mache, in Panik zu verfallen. Der Experte weist darauf hin, dass nicht nur die einreisenden Menschen, sondern angesichts der Ausbreitung des Coronavirus auch alle Formen der Pneumonie in Russland ständig „gescreent“ werden und eine hohe Anzahl an den nicht berücksichtigten Fällen unwahrscheinlich sei. So bezeichnet Lukaschew den russischen Umgang mit dem Virus als eine „gelassenes, normales Verhaltensmodell“. Die Frage nach einer von der Mentalität bedingten Fahrlässigkeit lässt Lukaschew unbeantwortet. Die Hoffnungen, dass ein Impfstoff gegen das Virus schon in einem Jahr kommt, nennt er jedoch zu optimistisch. Prototype seien zwar schon in mehreren Ländern entwickelt worden, würden aber sehr umstritten bleiben und müssen erst getestet werden, sagt der Experte abschließend. 

    Ein weiteres Beispiel, wie die Russen mit der Infektion lockerer umgehen, als z.B. die Ukrainer, lieferten die Ausschreitungen in der ukrainischen Stadt Poltawa Ende Februar. Die lokalen Zeitungen berichteten, dass viele Demonstranten versucht hätten, die Straßen und Krankenhäuser zu blockieren, um die eigenen Mitbürger vom einem Charterflug aus der chinesischen Stadt Wuhan nicht in die Ukraine zu lassen. Die unwillkommenen Rückkehrer sollen auch mit Steinen beworfen worden sein. Die Russen haben den Vorfall mit Entsetzen verfolgt und in den sozialen Netzwerken stark verurteilt. Selbst der ukrainische Präsident Wladimir Selenski hat das Verhalten seiner Bürger als „mittelalterliches“ abgelehnt.

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    Tags:
    Hamsterkauf, Quarantäne, Krankheiten, Coronavirus