01:16 03 April 2020
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    Coronavirus-Ausbruch: Aktuelle Entwicklungen zur neuartigen Lungenkrankheit (198)
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    Heutzutage sicherlich ein Wagnis: Das Coronavirus und das Migrantenproblem nicht in den Mittelpunkt einer TV-Talkshow im Ersten zu machen. Sandra Maischberger hat das am späten Mittwochabend mit ihrem neuen „Vor Ort“-Format dennoch gemacht – mit beachtlichem Ergebnis.

    Dieses „vor Ort“ lag nämlich in Erfurt. Einige Dutzend Thüringer*Innen diskutierten mit AfD-Bundessprecher Tino Chrupalla, Thüringens CDU-Fraktionschef Mario Voigt und der Linken-Bundesvorsitzenden Katja Kipping über die abenteuerlichen Wahlen von Bodo Ramelow vor einem Monat. Und in diesem Zusammenhang auch ganz generell, inwieweit die Demokratie in Deutschland gefährdet sei. Ein Thema, das wohl auch nach dem trüben Corona-Wirbel aktuell bleiben wird.

    Als Appetizer servierte Maischberger dennoch das brennende Virus-Thema, bei dem sich allerdings alle drei Podium-Akteure einig waren: Die Politik müsse dafür sorgen, dass allen Betroffenen, unabhängig vom sozialen und wirtschaftlichen Stand, zügig und ohne viel Bürokratie geholfen werden müsse. Markanterweise sprach die Linke-Toppolitikern Kipping sinngemäß der Bundeskanzlerin nach: Merkel mahnte einen knappen Tag zuvor, dass durch die Virus-Attacke „unser Herz füreinander“ auf eine Probe gestellt werde - Kipping warnte davor, dass dabei nicht „das kaltherzige Egoismus dominiert“.

    Vertrauensverlust in Demokratie?

    Zwar mieden es die Diskussionsteilnehmer, in der politischen Diskussion zeitgemäße Metaphern wie „rotes Virus“ oder „braune Pest“ zu gebrauchen, ansonsten gab es aber in der Diskussion zu der Ramelow-Wahl wesentlich mehr Differenzen, die auch recht emotional zur Geltung kamen – und zwar sowohl zwischen den Hauptakteuren, als auch im Publikum. Während Chrupalla von einem „Vertrauensverlust in Demokratie“ und einer „vertanen Chance“ sprach, warf Voigt der Thüringer AfD vor, diese habe „der Demokratie Schaden zugefügt“. Kipping sah die Wurzel des Problems in der in der CDU herrschenden „Hufeisen-Theorie“, wonach „an den Rändern extreme Linke und extreme Rechte zusammen kommen“ würden. Sowohl sie, als auch der CDU-Politiker warfen der AfD „Trickserei“ bei den Wahlen in Thüringen vor.

    „Sie tun immer so, als ob sie bürgerlich sein wollen“, so Voigt zu Chrupalla. „Ein Bürgerlicher beschädigt nicht mutwillig ein deutsches Parlament – und das haben Sie getan.“

    Chrupalla entgegnete, das Vorgehen seiner Partei sei „ein demokratischer Akt“ gewesen.  Bemerkenswert: Der zur Talkshow eingeladene Thüringer PolitologeAndré Brodocz nahm die AfD in Schutz: „Politik ist ein Spiel, es wurde mit offenen Karten gespielt.“ Keine Trickserei also.

    „Unrechtstaat DDR“?

    Nach welchen Kriterien die schätzungsweise etwa 50köpfige Kulisse zusammengewürfelt wurde, bleibt eine Sache des TV-Managements, stark zu spüren war jedenfalls, dass sich das „Vor Ort“ in einem „neuen Bundesland“ abspielt, wo die Bewältigung der DDR-Vergangenheit noch längst nicht abgeschlossen ist. So reagierte das Publikum mit beachtlichem solidarischem Applaus auf Ausführungen eines eingeladenen Thüringers, der von Schikanen in der DDR sprach. Mehrfach wurde vor allem Katja Kipping mit unkomfortablen Fragen konfrontiert, wie etwa – warum sie in Bezug auf die DDR den Begriff „Unrechtstaat“ meidet. Die Linke-Politikerin räumte ein, sie sei sich dessen bewusst, dass in der DDR viel Unrecht betrieben wurde. Das ganze Land als ein „Unrechtstaat“ zu bezeichnen, würde bedeuten, dass damit „alle Bürger abgeschrieben“ würden. In der Wendezeit habe sich ihre Partei „neu gegründet und mit dem Stalinismus als System gebrochen“, fügte sie hinzu.

    AfD, Nazis und die „wirklichen Faschisten“

    Gerechterweise muss aber auch erwähnt werden, dass die aus dem Publikum an den AfD-Repräsentanten abgeschossenen giftigen Pfeile ebenfalls mit Applaus begleitet wurden. Sympathisanten der „drittstärksten Partei im Bundestag“ gab es im Publikum jedoch auch. Einer von ihnen warf der Linken und der CDU „undemokratisches Verhalten“ vor: Diejenigen, die ihre Meinung nicht teilen, würden gleich als „Nazi“ abgestempelt. Chrupalla nutzte die gebotene Gelegenheit, um seine Partei mit dem Argument in Schutz zu nehmen: Diejenigen, die die AfD im Zusammenhang mit den fremdenfeindlich motivierten Anschlägen in Zusammenhang bringen, „verharmlosen die wirklichen Faschisten“.

    Ansonsten wiederholten die Hauptakteure beim Thema Migranten die Hauptthesen der jeweiligen Parteien – Linke: „Den Migranten eine Chance geben“, AfD: „Die Migrationspolitik gefährdet Bürgerfrieden“, CDU: „Außengrenzen schützen“ und „Es kann nur eine europäische Lösung geben.“

    Prinzip „Bürgernähe“

    In seiner weitgehend positiven Rezension auf Maischbergers „Vor-Ort“-Format führte die „Süddeutsche Zeitung“ das Comeback von diesem Talk-Konzept auf „den wachsenden Erfolg von Populisten“ zurück. Zugleich betonte das Blatt, dass zu der Sendung „Bürger mit ernsthaften und überlegten Fragen“ eingeladen wurden. Der „Tagesspiegel“ betonte: Von heute aus gesehen wirkt das Debakel um die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen im Februar „wie aus einer anderen, sehr fernen Zeit“. „Tatsächlich wirkt es nach, wie die 75 Talkminuten zeigten“, so das Blatt.

    Lobend äußerte sich auch Katja Kipping zum Abschluss der Sendung: „In bin in vielen Talkshows und ich finde es super, wenn man dabei im Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern ist… Ein echter Erfolg dieser Sendung.“

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    Tags:
    AfD, Katja Kipping, ZDF, ARD, TV-Show