07:23 09 April 2020
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    In Zeiten des Coronavirus werden längst bekannte Probleme sichtbarer, unter anderem auch, dass es in den deutschen Krankenhäusern an Personal fehlt. Ein neuer Anlass für viele, manche Institutionen an den Pranger zu stellen, wie etwa die Bertelsmann-Stiftung mit ihrer älteren Forderung, die gute Hälfte der Kliniken zu schließen.

    „Vor kurzem noch forderte die Bertelsmannstiftung, 50 Prozent der deutschen Krankenhäuser dicht zu machen“, schrieb der Linke-Politiker Niema Movassat kürzlich auf Twitter. „Man stellt sich vor, dieser Plan wäre Realität geworden. Können wir uns darauf einigen, zum Schutz der Menschheit nie mehr auf Neoliberale zu hören?“

    Eine politische Botschaft, die die regierungsnahe Organisation erneut in die Ecke drängt. Im Sommer 2019 hatten noch die Experten der Stiftung eine Studie veröffentlicht, nach der etwa 800 von den knapp 1.400 deutschen Krankenhäusern geschlossen werden sollten. Die Versorgung der Patienten könne damit angeblich verbessert werden und die gebliebenen größeren und besseren 600 Kliniken könnten mehr Personal und eine bessere Ausstattung erhalten. Argumentiert waren die Vorschläge eben damit, dass kleine Kliniken häufig nicht über die nötige Ausstattung und Erfahrung verfügen würden, um lebensbedrohliche Notfälle wie einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall angemessen behandeln zu können. Nur in ausreichend großen Kliniken könnten Facharztstellen rund um die Uhr besetzt werden. 

    Die Deutsche Krankenhausgesellschaft kritisierte damals die Studie heftig als einen Aufruf zur „Zerstörung sozialer Infrastruktur in einem geradezu abenteuerlichen Ausmaß“. Die Einschätzung der Studie zum Zusammenhang zwischen der Größe der Kliniken und der Qualität der Versorgung wies sie als „absolut unbelegt“ zurück. Allen beteiligten Kliniken werde seit Jahren mit wenigen Ausnahmen ein hohes Niveau der Versorgungsqualität bestätigt, hieß das Gegenargument.

    „Diese neoliberale Politik hätte uns ins Verderben geführt. Die medizinische Versorgung wäre zusammengebrochen“, kritisiert weiter der Bankbetriebswirt und Grünen-Mitglied Sven Seele mit Blick auf das Coronavirus. „Wann sollten wir damit anfangen? Gleich heute?“, wollte seinerseits der Nutzer Johannes Scheller von der Stiftung wissen.

    „Sorry, aber dieser Marktliberalismus tötet Menschen!“, äußerte seinerseits der Journalist Stephan Anpalagan. „Man sollte halt nicht immer vom Idealfall ausgehen“, legte der Nutzer Moritz Kühn nach.

    Die Stiftung setzte sich zur Wehr. Unvorhergesehene Ereignisse könnten nicht Grundlage für langfristige Kapazitätsplanung der Krankenhausstruktur sein, so eine der Reaktionen seitens der Stiftung. Jedoch zeigte eine Risikoanalyse der Bundesregierung unter dem Namen „Pandemie durch Virus Modi-SARS“ von 2012, dass das Virus nicht so unvorhersehbar war. In drei weiteren getrennten Statements veröffentlichte die Stiftung neue Erklärungen zu den alten Vorschlägen. Man wolle die Krankenhäuser nicht ersatzlos schließen, stattdessen werden alternative Konzepte vorgeschlagen, heißt die Kernbotschaft, die Studie habe sich lediglich an der Qualität der medizinischen Versorgung orientiert.

    Während Italien überbelegte Intensivstationen mit fehlenden Beatmungsgeräten und einem völlig überlasteten Klinikpersonal meldet, versichert Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Deutschen, dass Deutschland mit seiner im europäischen Vergleich hohen Dichte z. B. von Intensivbetten gut auf das Coronavirus vorbereitet sei und über „ein vergleichsweise gut bis sehr gut ausgestattetes Gesundheitssystem“ verfüge. 28.000 Intensivbetten und 25.000 Beatmungsgeräte würden den Deutschen dabei zur Verfügung stehen. Parallel zeigten die neuesten Umfragen von NDR und WDR unter Unikliniken, dass diese Intensivplätze bereits teils stark belegt seien. Die Antwort auf die Frage, wie gut die Kliniken in Deutschland auf einen Anstieg schwerkranker Patienten vorbereitet sind, bleibt damit offen.

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    Tags:
    Coronavirus, Krankenhäuser, Bertelsmann, Bertelsmann Stiftung, Linke, Niema Movassat