10:46 02 Juni 2020
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    Ein sagenumwobenes, verschollenes Stück deutscher Geschichte ist wiederaufgetaucht: Der unter Stalin vernichtete Roman „Wir selbst“ von Gerhard Sawatzky erzählt von einem längst vergessenen Land – der Wolgadeutschen Republik. Der Roman berichtet eindrucksvoll vom faszinierenden Schicksal der Sowjetdeutschen – 78 Jahre später die Buchpremiere.

    Anfang des 20. Jahrhunderts mussten die Deutschen der UdSSR viel Leid ertragen: Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt von Enteignungen, Hungersnöten, Repressionen, Deportationen und war gehüllt in ein „großes Schweigen“ nach dem Ende des Vaterländischen Krieges. Gleichzeitig standen die zwanziger Jahre für viele Bevölkerungsgruppen auf dem Gebiet des ehemals Russischen Kaiserreiches im Zeichen der Hoffnung. Unter diesem Vorzeichen entwickelte sich an der Wolga, während der blutige Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution 1917 zwischen den Weißen und Roten, zwischen den konservativen und revolutionären Kräften tobte, eine neue Identität: Die Sowjetdeutschen.

    Die untergegangene Republik

    Mit der Gründung der sowjetischen Arbeitskommune im Oktober 1918 wurde der Grundstein für die spätere Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen (ASSRdWD) gelegt. Ernst Reuter, der spätere Regierende Bürgermeister von Berlin, wurde von Joseph Stalin, damals Volkskommissar für Nationalitätenfragen, mit der Führung des „provisorischen Kommissariats der Wolgadeutschen“ beauftragt. Am 6. Januar 1924 wurde – berufend auf die „Deklaration der Rechte der Völker Rußlands 2. (15.)“ - die Sowjetrepublik der Wolgadeutschen innerhalb der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (SFSR) ausgerufen.

    • Großveranstaltung Zentralstadion in Engels
      Großveranstaltung Zentralstadion in Engels
      © Foto : MDZ
    • Wolgadeutsche Presse
      Wolgadeutsche Presse
      © Foto : MDZ
    • Arbeiterinnen an Strickmaschinen
      Arbeiterinnen an Strickmaschinen
      © Foto : MDZ
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    © Foto : MDZ
    Großveranstaltung Zentralstadion in Engels

    Mitten in Russland, in der ehemaligen Hauptstadt der Wolgadeutschen ASSR, Marxstadt, und der späteren Hauptstadt Engels sowie in der heutigen Millionenstadt Saratow, die damals zu den wichtigsten Zentren der russlanddeutschen Kulturgeschichte gehörte, stand die deutsche Sprache und Kultur in hoher Blüte. Verlage und Theater wurden gegründet, Exil-Autoren, wie Johannes R. Becher (Textautor der DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ – Anm. d. Red.) oder der Berliner Dichter Erich Weinert suchten regen Austausch mit den Wolgadeutschen. Zweifellos übten sie auf diese Weise bedeutenden Einfluss auf die sowjetdeutschen Autoren. So auch auf den Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes der Wolgarepublik, Gerhard Sawatzky.

    „Wichtigster Text russlanddeutscher Geschichte“

    Der Autor zählt heute zu den wichtigsten Vertretern der wolgadeutschen Literatur. Er wurde 1901 in der Südukraine, einem der beiden großen Siedlungsgebiete für die sogenannten Russlanddeutsche geboren. Nach seinem Studium in Leningrad arbeitet Sawatzky zuerst als Lehrer, dann als Journalist in der Wolgadeutschen Republik. Wie Millionen sowjetischer Bürger – unter ihnen viele ethnische Deutsche – wurde auch er Opfer des stalinistischen Terrors. Im Jahr 1938 wurde er verhaftet und zu Zwangsarbeit verurteilt. Er starb am 1. Dezember 1944 im sibirischen Gulag in Solikamsk. Sein wichtigstes Werk – der Gesellschaftsroman „Wir selbst“ – wurde verboten und vernichtet.

    Unter dramatischen Umständen gelang es der Witwe des Autors, Sofia Sawatzkaya, das Urmanuskript bei ihrer Deportation zu retten. Über Jahrzehnte hütete und bewahrte sie das Werk. Der Germanist Carsten Gansel hat nun die Urfassung in Russland aufgespürt und hat dieses besondere Stück deutscher Geschichte für die Allgemeinheit zugänglich gemacht.

    „Immer wenn ich mit Vertretern von Russlanddeutschen in Berührung gekommen bin in den letzten 15 Jahren, dann war immer die Rede davon, dass der wichtigste Text Gerhard Sawatzkys ‚Wir selbst‘ ist. Dieser Roman stand ja nie wirklich zur Verfügung, er ist aus dem kulturellen Gedächtnis der Russlanddeutschen herausgerissen worden“, sagt Gansel im Sputnik-Interview. Insofern sei es notwendig, dass der Roman wieder ins „kollektive Gedächtnis der Russlanddeutschen“ zurückkehren kann. Das sei die wichtigste Aufgabe und Zielsetzung der Literaturwissenschaft, glaubt der Literaturforscher und der Herausgeber des Buches.

    Ein Händchen für verlorene Werke

    Als „Entwicklungsroman“ oder „Epos“ bezeichnet Gansel den 899 Seiten starken Text über die Wolgadeutsche Republik. Sawatzky, der vielfältige Kontakte zu deutschen Exilautoren pflegte, greift in seinem Roman auf einem überraschend hohen Sprachniveau die Geschichte der Sowjetdeutschen auf. Das Buch erzählt unter anderem von jungen Menschen, die im Dorf arbeiten und versuchen, eine Kolchose weiter zu entwickeln. Es erzählt auch von wohlhabenden Menschen, die ihren Reichtum verlieren, weil sie als Konterrevolutionäre gelten und damit gezwungen sind, die Wolgadeutsche Republik und die neugegründete Sowjetunion zu verlassen.

    Bestarbeiterinnen in der Trikotagenfabrik
    © Foto : MDZ
    Bestarbeiterinnen in der Trikotagenfabrik

    Der Autor begleite hier ein „relativ großes Figurenensemble“ über 15 Jahre. „Von 1920 – da ist der Bürgerkrieg noch im Gange – bis in die Mitte der 1930er Jahre“, so Gansel.

    Seit 1995 ist Carsten Gansel Professor für Neuere deutsche Literatur- und Germanistische Mediendidaktik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Immer wieder zeigt er mit seinem Team am Institut für Germanistik einen besonderen Instinkt für vergessene und verlorene literarische Werke: So sorgte er im Jahr 2016 mit dem Band „Durchbruch bei Stalingrad“ national und international für Furore: Es gelang ihm, die 1949 vom russischen Geheimdienst beschlagnahmte Urfassung des großen Antikriegsromans von Heinrich Gerlach in russischen Archiven wiederzufinden und zu veröffentlichen.

    Enteignung, Kannibalismus, Selbstzensur …

    Mit der Neuerscheinung „Wir selbst“ beweist er zum wiederholten Mal seinen einzigartigen Spürsinn für verlorene Literatur- und Kulturschätze. „Das Buch ist für die damalige Zeit sozialistisch-realistisch, aber in diesem Roman finden sich ungeheuer viele Aspekte, die gewissermaßen gegen den Strich gebürstet sind“, bemerkt der Literaturforscher. Denn der Text selbst biete für Zensoren oder Gutachter eine ganze Reihe an Punkten, in denen sich Gerhard Sawatzky als Feind der Sowjetunion artikuliere, so Gansel:

    Carsten Gansel bei der Buchvorstellung
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Carsten Gansel bei der Buchvorstellung
    „Gleich zu Beginn des Romans werden Positionen deutlich, die ganz massive Kritik an den Entwicklungen der zwanziger Jahre üben, die markieren, wie Leuten ihr Eigentum genommen wird, wie Leute vertrieben werden.“ Nach der Flucht an die entlegenen Wolgagebiete in den Jahren 1763 bis 1767 auf Einladung der russischen Zarin, Katharina der Großen (als Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst in Stettin geboren – Anm. d. Red.), konnten die Wolgadeutschen als Bauern und Handwerker für die damaligen Verhältnisse einen relativ großen Reichtum anhäufen. Diese Gelegenheit blieb für einen großen Teil der armen Sowjetbevölkerung, die offiziell bis in das Jahr 1861 Opfer der Leibeigenschaft war, aus. „Das sind prosperierende Bereiche und Betriebe gewesen, die von den Wolgadeutschen oder von den damaligen Russlanddeutschen geführt wurden. Und die wurden schlichtweg enteignet. Das ist Unrecht gewesen. Diese neue Gesellschaft kehrt das Unterste nach oben und umgekehrt“, glaubt der Literaturprofessor.

    Auch Andeutungen der großen Hungerkatastrophe finde man in dem Werk. So heißt es in einer Passage: „Die Reisegefährten auf dem Schiff hatten ihm schreckliche Geschichten erzählt. Viele sind totgehungert. Einige sind wahnsinnig geworden, haben ihre Kinder geschlachtet.“ Es seien nur drei Sätze. „Ja, aber diese drei Sätze reichen schon aus, um den Autor gewissermaßen aufs Schafott zu bringen in den dreißiger Jahren. Drei Sätze, die darüber informieren, dass es so etwas wie Kannibalismus gegeben hat in der hungernden Wolgarepublik und darüber hinaus“, erklärt der Forscher. Das seien Momente, die einen Autor dazu bringen können, dass er Selbstzensur übe. Und das habe auch Sawatzky getan, ist Gansel überzeugt: „Es finden sich Streichungen, die vom Autor vorgenommen worden sind, bei denen man aber, wenn man das subtil betrachtet, erkennt, dass das so etwas ist wie Selbstzensur.“

    Sawatzky – ein Feind der Sowjetunion?

    Wusste oder ahnte Sawatzky zumindest selbst von der Gefahr, die von seinen Zeilen für sein Leben ausging? „Die Streichungen lassen diesen Rückschluss zu. Wie weit er informiert war, lässt sich heute rückwirkend schwer sagen“. Doch Gansel ist überzeugt, „die Angst saß ihm im Nacken, als er dabei war, das Manuskript zum Druck zu befördern“. Gleichzeitig habe er als Vorsitzender des Schriftstellerverbandes in der Wolgarepublik die Gefahr nicht hinreichend einschätzten können, meint der Publizist.

    Originalseite eins aus Sawatzkys Urmanuskript „Wir selbst“
    © Foto : Gansel
    Originalseite eins aus Sawatzkys Urmanuskript „Wir selbst“

    Zugleich rät er davon ab, Sawatzky als Regime- oder Systemkritiker zu bezeichnen: Nach dem Schrecken des Bürgerkrieges beginne mit der autonomen Wolgarepublik etwas Neues. Es sei vollkommen nachvollziehbar, „dass dieser Mann zunächst diese neue Entwicklung begrüßt und Hoffnung hat. Er sieht etwas Utopisches in den Angriff genommen, von dem er glaubt, dass daraus eine gute Zukunft entstehen könnte. Das erste Mal haben die Wolgadeutschen die Möglichkeit, in ihrer eigenen Republik Schulen zu gründen. Es finden sich Verlage, die deutsche Sprache ist neben Russisch und Ukrainisch die Amtssprache. Das sind alles Dinge, die Hoffnungen geben. Insofern ist dieser Mann einerseits ein Befürworter der Entwicklung, andererseits aber auch das, was man durchaus Realist nennen kann.“ Denn der wolgadeutsche Autor habe gewusst, wo Defizite in der Vergangenheit, aber auch in der Gegenwart liegen, „auch wenn er das nicht permanent mit einem erhobenen Zeigfinger kommentiert“, erklärt der Professor für Neuere deutsche Literatur.

    Ein Happy End, das keins ist

    Nach der Verhaftung von Sawatzky 1938 sei die bereits im Druck befindliche Auflage gestoppt und der Roman vernichtet worden. „Somit war das Buch nie erschienen“, schreibt Gansel in seinem umfangreichen und detaillierten Nachwort zum Roman sowie zu der Geschichte der Wolgadeutschen. Anfang März 2020 – rund 78 Jahre später – feierte Carsten Gansel zusammen mit dem Verlag „Galiani Berlin“, wo der Gesellschaftsroman erscheint, und mit weiteren Interessierten die Buchpremiere des ersten und leider, so der Herausgeber, letzten Romans, des talentierten Schriftstellers.

    „Wir selbst“ endet wahrscheinlich im Jahr 1936 mit einem Happy End, verspricht der Herausgeber Gansel. Von einem tatsächlich glücklichen Ende sind die Wolgadeutschen zu dem Zeitpunkt mindestens Jahrzehnte entfernt. Denn schon zwei Jahre später beginnt der Zweite Weltkrieg. 1941 folgt der Überfall von Hitlerdeutschland auf die UdSSR und die damit begründete Liquidation der autonomen Republik mit dem Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets vom 30. August 1941 sowie die Deportation von Zehntausenden von Männern und Frauen in Zwangsarbeitslager — in sogenannte Trudarmeen.

    Gerhard Sawatzky; „Wir selbst“; Verlag Galiani Berlin und Verlag Kiepenheuer & Witsch 2020; 1088 Seiten; ISBN/EAN: 9783869712048; 36,00 Euro

    Das Interview mit Prof. Dr. Carsten Gansel zum Nachhören:

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    Russlanddeutsche, Wolgadeutsche