05:38 12 August 2020
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    Corona-Pandemie breitet sich weiter aus – alle Entwicklungen (529)
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    Die international renommierte Virologin Karin Mölling hält eine mögliche Ausgangssperre in Deutschland für das falsche Mittel. Sie kritisiert die bisherigen offiziellen Maßnahmen als "überspannt". Sie plädiert stattdessen dafür, vor allem die Älteren zu schützen und die Kindergärten und Schulen wieder zu öffnen.

    Ausgangssperren hält die internationale renommierte Virologin Karin Mölling für falsch. Gegenüber Sputniknews erklärte sie: „Wir brauchen Luft und Sonne. Luft verdünnt die Viren und Sonne mit UV-Licht tötet sie. Aber bloß keine Ausgangssperre! Auf der Straße steckt man sich nicht an!“

    Sie befürchtet, dass die Bevölkerung aber durch Politikeraussagen wie die des bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder auf eine Ausgangssperre eingestimmt wird. In der Stadt Freiburg in Baden-Württemberg wurde sie bereits teilweise angeordnet

    Die Expertin hält die von Bund und Ländern angeordneten Maßnahmen für übertrieben und warnt vor der bereits andiskutierten Ausgangsperre in Deutschland. „Ich bin der Ansicht, dass wir solche Situationen schon mehrfach hatten und dass jetzt in Bezug auf die Maßnahmen der Bogen überspannt wird.“ Sie kritisierte unter anderem, „dass man eigentlich hier selektiv nur eine Sache anschaut und die mit einer gewissen Panik füllt.“

    Angstmachende Zahlen ohne Relation

    Gegenwärtig würden Zahlen präsentiert, die Angst machen. „Sie werden nicht in Relation zu andern Zahlen gesetzt“, beklagte die Virologin. Menschen in ihrem Umfeld würden sie auf die Folgen der Einschränkungen hinweisen und sagen: „Machen Sie doch irgendwas!“ Sie fügte hinzu: „Ich will nur die Ausgangssperre verhindern.“

    Die international und auch hierzulande ausgezeichnete Virologin schätzte ein:

    „Dieses Virus hat zu einer Pandemie geführt, das heißt, es ist sehr ansteckend und in vielen Ländern vorhanden. Aber das Virus ruft keine schlimme Erkrankung hervor.“ Die Hauptangst entstehe dadurch: „Die Krankheit wird als eine schreckliche Krankheit in den Raum gestellt. Die Krankheit per se ist wie eine Grippe in einem normalen Winter.“ Das Problem dieser SARS-Corona 2-Epidemie sei, dass sie vierzehn Tage inapparent sei, das heißt, die Infizierten „merken es nicht und stecken andere an.“

    Während jeden Tag mitgeteilt werde, wie viele SARS-Corona 2-Tote es gebe, werde aber nicht gesagt, wie viele Influenza schon in diesem Winter infiziert hat und wie viele Todesfälle es dadurch gab. Das werde nicht dazu in die richtige Relation gebracht. Die Virologin erinnerte dabei an die Influenza-Epidemie von 2018 mit 25.000 Toten. Das habe „die Presse überhaupt nicht aus den Fugen gebracht“. Damals hätten die Kliniken 60.000 Patienten zusätzlich zu bewältigen gehabt, was diese nicht überfordert habe.

    „Mit China nicht vergleichbar“

    Vor zwei Jahren seien ähnliche Maßnahmen wie aktuell in der Corona-Krise nicht ergriffen worden. Die Expertin fragte: „Wo ist jetzt die Notwendigkeit? Ist das nur ein Imitationseffekt gegenüber China?“ Dort „wohnen tausend Leute in einem Hochhaus und die Hochhäuser stehen eng beieinander. Das ist wie ein Dorf mit 10.000 Leuten auf einem kleinen Quadranten. Wenn die alle rausgehen, besteht Ansteckungsgefahr.“

    Aber in den Räumen sei „die Ansteckungsgefahr natürlich gigantisch. Innenräume sind ja viel ansteckender als draußen die frische Luft. Die Ausgangssperre kann eigentlich eher negativ wirken. Wir dürfen das nicht mit China vergleichen. Smog, Bevölkerungsdichte und Ähnliches, das Land in China hat eine andere Struktur. Das ist nicht bei uns gegeben.“

    Mölling sagte: „Die Alten muss man schützen! Und die großen Umschlagplätze. Virologie heißt im Zweifelsfall Eingrenzung, Abschirmung. Das tun wir an Flughäfen. Aber wie weit das im Privatleben gehen muss, im Restaurant, in der Familie, im Kindergarten und vor allem auf Spielplätzen, da sehe ich nicht eine solche Notwendigkeit wie vielleicht meine Kollegen.“

    Sie betonte: „Wir müssen doch irgendwie auch Immunität aufbauen. Wie soll das ohne Kontakte möglich sein? Die Jüngeren stecken die Infektion viel besser weg. Aber wir müssen die Alten schützen.“ Doch Letzteres geschehe derzeit in „einer Weise, die man hinterfragen kann: Ist das angemessen, was wir jetzt tun, die Streckung der Epidemie in einer Weise, die die gesamte Weltwirtschaft fast lahmlegt?“

    „Draußen sein ist das Beste“

    Sie sei dafür, „dass die Alten spazieren gehen. Ich kann nur sagen: Ja, sie sollen es machen. Frische Luft ist gut, das verdünnt. Das kann sich jeder vorstellen. Das Zweite, was daran gut ist, ist die Sonne. Ultraviolettes Licht tötet Viren. Das ist auf Kinderspielplätzen gut, das ist für die Kinder im Sport gut, wenn sie draußen sind. Draußen ist gut! Immer draußen sein, das ist das Beste.“

    Die Virologin betonte, dass Mundschutz wichtig sei. Sie verwies auf das Beispiel des Fußball-Nationaltrainers Jogi Löw vor ein paar Tagen im Fernsehen: „Immer wenn er jemanden angesprochen hat, hat er sich einen kleinen schwarzen Schal vom Hals zum Mund gezogen und dann wieder runter, allerdings nicht hoch genug. Er hätte die Nase auch noch schützen müssen.“

    Kindergärten und Schulen müssten aufgemacht werden, „statt die jungen Familien ins Chaos zu stürzen“. Zudem könnte in den Einrichtungen die Infektionskette besser kontrolliert werden. „Unter keinen Umständen eine Ausgangssperre!“, betonte die renommierte Expertin. „Die Leute sollen auch ins Restaurant gehen, auf eigene Verantwortung. Bei dem schönen Wetter kann man doch die Leute nicht einschließen.“ Und sie wiederholte: „Außerdem muss sich auch eine Immunität aufbauen, nur Kontakte erlauben das.“

    Prof. Dr. Karin Mölling
    © Foto : Hoai Nguyen
    Prof. Dr. Karin Mölling

    Prof. Dr. Karin Mölling (Jahrgang 1943) ist eine international renommierte Virologin und Aids-Forscherin. Sie ist ehemalige Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie in Zürich, wo sie bis 2008 tätig war. Zudem leitete sie die Virusdiagnostik am Universitätsspital in Zürich. Seit den 1980er Jahren forscht Karin Mölling an Aids. Sie führte klinische Impfstudien durch und entwickelte eine neuartige Aids-Therapie. 2007 erhielt sie den Swiss-Award, mit dem herausragende Schweizer Persönlichkeiten ausgezeichnet werden. 2018 wurde ihr das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. 2014 hat sie das Buch „Supermacht des Lebens – Reisen in die erstaunliche Welt der Viren“ veröffentlicht, das auch auf Englisch und auf Russisch erschienen ist.

    Die Redaktion betont ausdrücklich, dass sich Prof. Dr. Karin Mölling nur als Privatperson geäußert hat.

    Das vollständige Interview folgt in Kürze.

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    Tags:
    Ansteckung, Deutschland, Ausgangssperre, Quarantäne, Coronavirus