18:58 06 August 2020
SNA Radio
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    Corona-Pandemie breitet sich weiter aus – alle Entwicklungen (529)
    1824711
    Abonnieren

    In der vergangenen Woche kündigten mehrere Organisationen an, Versuche mit Impfstoff-Prototypen gegen das neuartige Coronavirus aufzunehmen. Es entfaltet sich ein Hintertür-Wettkampf der Länder, der wohl auch die bereits verschobenen Olympischen Spiele in den Schatten stellt. Sputnik beantwortet Fragen zum Stand der Dinge.

    Allerdings sind es chinesische Wissenschaftler, die schon im Januar das volle Coronavirus-Genom entschlüsselt hatten. Nachdem sie ihre Erkenntnisse mit der Wissenschaftsgemeinde geteilt hatten, machten sich mindestens 35 Labors und Institute an die Arbeit. Ziel ist, einen Impfstoff entwickeln, um gesunde Menschen künftig vor dem Virus zu schützen.

    Die US-Firma Moderna will dabei am weitesten fortgeschritten sein: Am 16. März hatte sie im Forschungszentrum Kaiser Permanente Washington Research schon die „first-ever“, also die allerersten Versuche an Menschen mit ihrer mRNA-1273-Vakzine durchgeführt. Die Experten bzw. die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind sich jedoch einig, dass die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs samt allen Versuchen bis zu anderthalb Jahre dauern wird. 

    Wird man den Corona-Impfstoff in anderthalb Jahren noch brauchen? 

    Mediziner gehen jedoch davon aus, dass sich die Pandemie ohne einen Impfstoff gegen das Coronavirus wohl nicht dauerhaft stoppen lässt. Darüber, ob das neuartige Coronavirus saisonal ist, sind sich die wissenschaftlichen Kreise uneinig. So meint Prof. Dr. Stephan Ludwig, Leiter des Instituts für Virologie der Universität Münster, es sei nicht so saisonabhängig wie die bekannten Grippeviren, die mit dem Frühjahr abnähmen, und werde die Menschheit wohl über das laufende Jahr begleiten. Prof. Dr. Stuart Weston von der University of Maryland School of Medicine hofft, wie auch seine russischen Kollegen, dass es doch saisonabhängig sei. Die Virologen von der Russischen Akademie der Wissenschaften sind sich ihrerseits sicher: Die Menschheit wird COVID-19 nicht bewältigen können, seine Epidemien werden von Zeit zu Zeit wie bei Influenza auftreten. Ein regulärer Impfstoff wäre also so gut wie lebensnotwendig. 

    Was könnte die Entwicklung des Impfstoffs erschweren? 

    Sputnik hatte zuvor berichtet, dass Fachleute des Grippe-Forschungsinstituts von A. A. Smorodizew in St. Petersburg das erste volle Genom des Coronavirus aus dem Material eines Patienten aus Russland entschlüsselt hatten.

    Warum war das so wichtig, wenn die Chinesen es schon im Januar geschafft hatten? Wie die Forscher anschließend gegenüber Journalisten erklärten, unterscheide sich das „russische“ Virus tatsächlich von dem „chinesischen“. Als der russische Patient sich mit Coronavirus ansteckte, war die Seuche also schon mutiert. Die Forscher gehen davon aus, dass auch andere Länder ihre „Versionen“ des Virus haben könnten. Damit lässt sich übrigens angeblich erklären, warum China und Italien unterschiedliche Epidemie-Szenarien erleben. Ihre Daten haben russische Wissenschaftler ebenso in der internationalen Datenbank EpiCoV GISAID deponiert. Die Datenbank wird von der WHO und führenden weltweiten Forschungsgruppen zur Überwachung der globalen Entwicklung des Coronavirus verwendet.

    Was machen die Deutschen?

    In Europa führen zwei deutsche biopharmazeutische Unternehmen, BioNTech aus Mainz und CureVac aus Tübingen, den Kampf um den Impfstoff an. CureVac war vor mehreren Wochen nach Medienberichten über die Erwerbspläne von US-Präsident Donald Trump ans Licht gekommen. Im Sommer will CureVac laut dem Geschäftsführer der Beteiligungsgesellschaft Dievini, Friedrich von Bohlen, mit klinischen Tests an Menschen beginnen – mit Unterstützung des Bundes-Paul-Ehrlich-Instituts. Gut vor einer Woche gab CureVac die Absicht bekannt, seine Produktionskapazitäten ausbauen zu wollen, um künftig „bis zu vier Milliarden Impfstoffdosen pro Jahr“ herstellen zu können. Dafür bekommt die Firma bis zu 80 Millionen Euro EU-Kredite – also bis zu 80 Prozent der gesamten angekündigten EU-Investitionen in die Impfstoff-Entwicklung.

    1 / 2
    CureVac-Standort in Tübingen

    Im Vergleich zu CureVac ist BioNTech zwar weniger umhypt, ist aber am NASDAQ gelistet und will schon Ende April die erste Patientenstudie in Deutschland beginnen. Unterstützt wird die Firma von der chinesischen Fosun Pharma bzw. der US-amerikanischen Pfizer.

    Was vereint die beiden Formen? Sie sind auf die mRNA-Therapie spezialisiert, die Behandlungsmethode basiert dabei auf dem Ausschalten der Proteinsynthese, die an der Entwicklung einer Krankheit beteiligt ist. Im Rahmen des „Lightspeed“-Projektes arbeiten die BioNTech-Wissenschaftler mit „Lichtgeschwindigkeit“ an drei unterschiedlichen mRNA-Impfstoffen. CureVac schwitzt ihrerseits über zwei eigenen mRNA-Impfstoffen. Sie basieren auf den sogenannten Messenger-, oder Boten-RNA und stellen eine Art intrazelluläre Botenstoffe dar. Wird eine richtige mRNA erstellt, können die Zellen dann gegen jede Infektion Antikörper erzeugen.

    Und was machen die russischen Forscher?

    „Wir haben hier die gefährlichsten Viren der Welt: Anthrax, Ebola, Pocken! Was für eine Reportage? Es ist ein Sicherheits-Objekt“ – so reagiert man etwa im Forschungsinstitut „Vektor“ von Rospotrebnadsor auf entsprechende Anfragen. Das Institut nahe Nowosibirsk gilt als geschlossen, eine hohe Betonmauer bzw. unzählige Videokameras gehören dazu. Hier werden bisher zwei von drei russischen Corona-Testsystemen produziert. Während die einen Wissenschaftler die Tests aus dem gesamten Land analysieren, entwickeln die anderen einen Impfstoff – nach sechs Technologien. Seit dem letzten Freitag wird schon an Tieren versucht, inklusive Affen aus Sotschi. Die Einführung eines passenden Coronavirus-Impfstoffs wird im vierten Quartal 2020 erwartet.

    Ein Hinweiszeichen für das staatliche wissenschaftliche Zentrum für Virologie und Biotechnologie „Vektor“ in der Region Nowosibirsk.
    © Sputnik / Alexander Kryazhev
    Ein Hinweiszeichen für das staatliche wissenschaftliche Zentrum für Virologie und Biotechnologie „Vektor“ in der Region Nowosibirsk.

    Zwar ist das Coronavirus ein RNA-haltiges Virus, das sind aber auch das Ebolavirus bzw. Tollwut, Grippe, Hepatitis C, Hepatitis E und Masern. Bedeutet das, dass sich in dem Fall nur ein mRNA-Impfstoff lohnen würde? 

    Die Forscher von „Vektor“ sind damit nicht ganz einverstanden. So setzen sie auf diverse Prototypen aufgrund der weit verbreiteten rekombinanten Impfstoffe gegen Influenza, Masern sowie vesikuläre Stomatitis bzw. aufgrund vielversprechender synthetischer Impfstofftechnologien inklusive mRNA-Impfstoffe, Peptid-Impfstoffe und Untereinheiten-Impfstoffe. Durch den parallelen Start von Experimenten in sechs Richtungen hoffe man, in naher Zukunft ermutigende Ergebnisse bei einem oder zwei Prototypen zu erzielen, erklärt die stellvertretende Generaldirektorin für Forschung, Elena Gawrilowa, den „Vektor“-Ansatz gegenüber den russischen Medien.

    Alle sechs Technologien waren von „Vektor“ schon mehrmals bei anderen Infektionen eingesetzt worden. So hatte das Institut einen Peptid-Impfstoff gegen das Ebolavirus entwickelt, gegen das Marburgfieber zeigte sich ein rekombinanter Impfstoff effektiv, also gentechnische Methoden. „Vielversprechend“ ist die rekombinante Technologie, auch weil man damit Mikroorganismen mit programmierten Eigenschaften erzeugen kann. Es ist möglich, die für die Pathogenität verantwortlichen Virus-Abschnitte aus dem Genom des Virus buchstäblich herauszuschneiden. Am Ende bleibt dann ein völlig harmloser Organismus, der immer noch in die Zellen eindringen kann, sich vermehrt, aber niemanden bedroht. Eine Immunantwort wird nebenbei auch für gefährliche Viren entwickelt. 

    Auch die Chinesen setzten auf mRNA-Impfstoffe

    Bei „Vektor“ kann man es sich leisten, alles auszuprobieren – anders als bei der Föderalen Biomedizinischen Agentur, einem zwar weniger bedeutenden, aber doch wichtigen Labor Russlands. Dort hat man nach Angaben von Direktorin Veronika Skworzowa schon mit Versuchen an Mäusen angefangen, es geht dabei um einen schnell zu gewinnenden mRNA-Impfstoff. Nach den Forderungen der WHO unterliegt dieser aber – wie alle anderen – drei klinischen Testphasen, und da enden dessen Vorteile angeblich. Sollte die WHO wegen der Dringlichkeit die letzten zwei Phasen unterlassen, wäre der Stoff in elf Monaten fertig, so Skworzowa.

    Seit Ende Januar arbeiten die Forscher des Dongfang-Krankenhauses mit Unterstützung der Tongji-Universität Shanghai bzw. des chinesischen Biotechnologieunternehmens Stemirna an einer eigenen mRNA-Vakzine. Wie Projektmanager Li Hanwen der chinesischen Online-Zeitung „The Paper“ Ende Januar sagte, werden die Forscher Matrix-Ribonukleinsäure, also mRNA, mit einigen Arten von Sequenzen verschiedener Antigene synthetisieren. Seit Ende Februar wird der Stoff nach Angaben der chinesischen Botschaft in Moskau schon getestet. 

    Ihre eigene Vakzine haben nach eigenen Angaben bereits israelische, britische, italienische sowie Forscher aus Hongkong entwickelt. Fast alle versprechen, den Rettungsstoff so schnell wie möglich zu liefern. Ob die Wissenschaft ein Leistungssport ist, bleibt allerdings offen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren
    Themen:
    Corona-Pandemie breitet sich weiter aus – alle Entwicklungen (529)

    Zum Thema:

    „Covidioten“ und „Söder-Festspiele“: ARD-Talk riskiert keine alternative Meinung
    Deutsche Umwelthilfe will Nord Stream 2 vor Gericht stoppen
    „Kriminelle Ausländer abschieben! Auch in Kriegsgebiete!“ Michael Kuhr knallhart
    Provinz Idlib: Russland und Türkei schlagen einen Keil in die Terrorgruppen
    Tags:
    Ebola, Olympische Spiele, Impfung, Impfstoff