06:42 09 April 2020
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    Die Coronavirus-Epidemie dürfte nach Expertenschätzungen den Anstieg der Mieten und Immobilienpreise dämpfen. Selbst ein Ende des zehnjährigen Immobilienbooms in Deutschland sei möglich, wenn sich die Krise noch Monate hinziehe und der Alltag der Menschen stark eingeschränkt bleibe.

    Nach Auffassung des Immobilienexperten Michael Voigtländer am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) dürfte der Wohnungsmarkt angesichts der Unsicherheit über die Folgen der Pandemie und der Ausgangsbeschränkungen in den nächsten beiden Monaten zum Erliegen kommen. „Besichtigungen finden kaum statt, und viele Käufer halten sich zurück, weil sie um ihre Jobs bangen oder schrumpfende Einkommen erwarten“, so Voigtländer.

    Seine Vermutung begründet der Experte damit, dass bei Google-Suchen zu Kaufen, Mieten oder Wohnen schon Rückgänge zu beobachten seien. Auch Vermittler von Baufinanzierungen wie Hüttig & Rompf verzeichneten zuletzt einen Rückgang bei den Kundenanfragen.

    Er erwarte eine Stagnation der Immobilienpreise oder leichte Rückgänge, sagte Voigtländer. Der Immobilienmarkt könne sich einem Einbruch der Wirtschaft, wie ihn Ökonomen vorhersagen, nicht entziehen. Das glauben auch Volkswirte der Landesbank Helaba: Alle Immobilienzyklen in Deutschland hätten in den vergangenen Jahrzehnten mit einer Rezession geendet.

    Laut dem Experten sei auch das Potenzial für Mietsteigerungen beschränkt, denn die Einkommen dürften weniger stark steigen als vor der Krise. Zudem belasten auch neue Vorschriften zum Mieterschutz bei Zahlungsverzug die Vermieter: Sie dürfen Mietern nicht mehr kündigen, weil diese wegen der Corona-Krise die Miete nicht zahlen können. Laut Beschluss des Bundeskabinetts gilt diese Neuregelung zunächst für Mietschulden von April bis Ende Juni.

    Große Wohnungskonzerne haben Mietern bereits Zugeständnisse gemacht: So verzichtet LEG Immobilien im Zusammenhang mit der Corona-Krise vorerst auf Mietsteigerungen oder Kündigungen. Auch Vonovia sieht wegen der Pandemie bis auf Weiteres von höheren Mieten ab, und Deutsche Wohnen hat zugesagt, Zahlungen zu stunden.

    „Die rosigen Zeiten für Vermieter sind vorbei, und der Verhandlungsspielraum für Mieter könnte wieder wachsen“, sagte Voigtländer.

    Mit ihm stimmt Günter Vornholz, Professor für Immobilienökonomie an der Bochumer EBZ Business School, überein. „Wer nicht muss, kauft in der Krise keine Immobilie oder verschiebt den Umzug in eine größere Wohnung“, sagte er. Ein Anstieg von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit verringere den finanziellen Spielraum, den Haushalte für die Miete hätten.

    Der Experte verwies auch darauf, dass Menschen mit Aktienvermögen im jüngsten Börsencrash viel Geld verloren hätten und sich daher keinen Wohnungskauf leisten könnten.

    Der Druck auf die Immobilienpreise wachse, konstatierte Vornholz. Für Großanleger blieben Immobilien zwar attraktiv. Doch es sei unklar, ob sie die hohen Preise zahlten, wenn es Unsicherheit über die Mieteinnahmen gebe. Auch ein Ende des langen Immobilienbooms sei denkbar, meint Vornholz. „Wenn die Corona-Krise lange dauert und die Einschränkungen im Alltag bleiben, könnte das die Wende bedeuten.“

    Ein Einbrechen der Mieten und Kaufpreise sieht IW-Experte Voigtländer aber nicht. Preisrückgänge um 30 Prozent, wie manche Beobachter schon prophezeiten, halte er für unwahrscheinlich. „Die Wohnungsknappheit in den Städten bleibt, die Zinsen für Finanzierungen sind niedrig, und viele Menschen haben hohe Vermögen.“

    Auch an der Wohnungsknappheit in vielen Städten dürfte sich so schnell nichts ändern. Denn die Corona-Krise trifft auch die Baubranche. Mancherorts kommt es schon zu Verzögerungen. Der Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB)  berichtet, dass große Baufirmen Probleme hätten, da bei Subunternehmen ausländische Arbeitskräfte fehlten. Allerdings gingen die Bauarbeiten im Land weiter, wenn auch mit erhöhten Vorsichtsmaßnahmen. „Die Arbeiter müssen Abstand halten und notfalls in versetzten Schichten arbeiten“, so ZDB.

    ls/mt/dpa

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