11:00 05 Dezember 2020
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    Kriegsgefangene in der Erinnerungskultur in Russland und Deutschland diskutierte man Anfang März beim traditionellen Kaminabend in der Residenz des deutschen Botschafters in Moskau. „Jenseits des Vergessens“ lautete das Motto des Events.

    „Nach dem Grauen, das die Nazidiktatur auch in die Sowjetunion gebracht hatte, wird viel Wohlwollen den Deutschen entgegengebracht, und die Versöhnung ist bestimmt keine Selbstverständlichkeit.“ Mit diesen Worten leitete der deutsche Botschafter Géza Andreas von Geyr die Veranstaltung ein.

    Das Thema Kriegsgefangene sei jahrzehntelang  sträflich vernachlässigt worden, bedauerte Heike Winkel, Projektkoordinatorin des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. „Jedoch haben die Stiftung Sächsische Gedenkstätten und andere Organisationen vieles getan, um Schicksale sowohl sowjetischer als auch deutscher Kriegsgefangener zu klären, die Dokumente zu finden, zu digitalisieren und aufzubewahren, sodass sie in Datenbanken für die Forscher und für die Familienangehörigen zugänglich sind, obwohl nicht alle Kriegsgefangenen registriert wurden. Viele von ihnen sind unter Umständen gestorben, und ihre sind Namen leider verloren. Z.B. wurde eine Datenbank zu 850 000 sowjetischen Gefangenen erstellt.“

    Wolfgang Schneiderhan, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) plädierte dafür, dass man den Kriegsgefangenen auf den beiden Seiten ihren Namen zurückgibt und ihre Biographien recherchiert. Dies sei auch 75 Jahre nach Ende des Krieges eine enorm wichtige humanitäre Aufgabe.

    Wolfgang Schneiderhan, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Wolfgang Schneiderhan, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge
    „Die Kriegsgefangenen und sogenannten ,Ostarbeiter‘ waren in der deutschen Kriegsgesellschaft präsent“, so der VDK-Präsident. „In so gut wie jedem Ort und jedem Betrieb mussten sie schuften. Dennoch und gerade deshalb gerieten sie nach 1945 schnell in eine verdrängte Vergangenheit. Entschädigung als zumindest symbolische materielle Anerkennung wurde den Menschen zuteil, obgleich oft viel zu spät, zu wenig und längst nicht allen. Erst gegen manchen Widerstand wurde ihr Schicksal um die Jahrtausendwende auch in Deutschland anerkannt und besser erforscht.“

    Schneiderhan fuhr fort: „Die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion waren zwar unter großer Anteilnahme in den 50er Jahren zurückgebracht worden, doch auch diese Heimkehrer blieben mit ihren schmerzhaften Kriegserinnerungen oftmals lange in einer deutschen Nachkriegsgesellschaft isoliert, die sich um den Wiederaufbau kümmerte und die schwierige Vergangenheit jenseits des Eisernen Vorhangs am liebsten vergessen hat.“

    Gefangenschaft in einem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion

    Einer der führenden russischen Geschichtsforscher, Leiter des russischen Staatsarchivs Andrej Artisow, bezeichnete die Gefangenschaft als den tragischen Auswuchs und die unbedingte Begleiterscheinung eines jeden Krieges. Der Zweite Weltkrieg habe dem Thema Gefangenschaft eine nie dagewesene Tragweite verliehen.

    Leiter des russischen Staatsarchivs Andrei Artisow
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Leiter des russischen Staatsarchivs Andrei Artisow
    „Während es im Ersten Weltkrieg acht Millionen Gefangene gegeben hat, waren es im Zweiten Weltkrieg 35 Millionen, einschließlich der Zivilisten. Ihre Zahl konnte nicht endgültig ermittelt werden, da viele von ihnen nur als verschollen gelten. Typisch für den Zweiten Weltkrieg war die durchgängige Missachtung der jahrhundertealten Kriegsgesetze und -gebräuche. Das Nazideutschland führte gegen die UdSSR einen Vernichtungskrieg.“

    Artisow verwies darauf, dass erst nach der Perestroika und der Öffnung des Landes die Archivdaten in der UdSSR für Forscher freigegeben wurden. Als Folge entstanden Datenbanken zu verstorbenen deutschen Kriegsgefangenen und ihren Grabstätten. An das Deutsche Rote Kreuz wurden gut 2,1 Millionen elektronische Kopien von Kriegsgefangenenakten übergeben. Im vergangenen Jahr wurden weitere 14 000 früher unbekannte Akten entdeckt.“

    Chef des russischen Militärarchivs Wladimir Tarassow
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Chef des russischen Militärarchivs Wladimir Tarassow

    Auch der Chef des russischen Militärarchivs Wladimir Tarassow, übrigens Absolvent der Humboldt-Universität, sprach von den unerträglichen Leiden der Kriegsgefangenen, von denen mancher die Gefangenschaft nicht überlebt hat. Diese ruhen immer noch in anonymen Gräbern.

    „In der Sowjetunion galten die Kriegsgefangenen beinahe als Verräter, unabhängig von den Umständen, unter denen sie in die Gefangenschaft geraten waren. Erst in den 90er Jahren zeigten die Historiker und die Gesellschaft Interesse an ihrem Schicksal. Dazu haben der Abbau der ideologischen Schranken und die Freigabe von Archiven beigetragen.“

    Reintegration der Heimkehrer in die deutsche Gesellschaft

    Die Heimkehr der deutschen Kriegsgefangenen war für viele ein Zeichen dessen, dass der Krieg schon abgeschlossen war. Im Nachhinein hat sich eine gewisse Ernüchterung in der deutschen Nachkriegsgesellschaft breitgemacht, wie Annika Estner aus dem Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes feststellte, „weil eben doch so viele noch nicht heimgekehrt waren. Es gab immer noch eine große Zahl an Vermissten, die auch nach 1955–56, nach Rückkehr der letzten Heimkehrer, vermisst galten und man nicht wusste, was mit denen passiert ist.“

     Annika Estner aus dem Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Annika Estner aus dem Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes
    „Und die Reintegration der Heimkehrer in die deutsche Gesellschaft war nicht immer ganz einfach“, merkte sie an, „weil sie durch den Krieg und die Kriegsgefangenschaft traumatisiert waren und diese zehn Jahre seit Kriegsende einfach nicht mitbekommen hatten, was ist in der Zeit in Deutschland passiert. Deswegen gestaltete sich das verständlicherweise nicht immer ganz einfach.“

    Es gebe heute noch Anfragen von Kindern und Enkeln von Kriegsgefangenen, so Estner, „die zu dem Suchdienst kommen und fragen, was ist mit meinem Vater, mit meinem Großvater während der Gefangenschaft passiert. Er hat nie darüber reden können, wir wussten, er ist in Gefangenschaft gewesen, aber er hat Zeit seines Lebens das nicht verarbeiten können und nicht mit uns darüber geredet. Auch das ist ein Teil der Schicksalsklärung.“

    Waren Kriegsgefangene in der Sowjetunion Landesverräter?

    „Wenigstens konnten sie nicht verheimlichen, dass sie in der Kriegsgefangenschaft waren“, fügt Irina Schtscherbakowa, Mitbegründerin der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial hinzu. „Sie wurden in Deutschland nicht als Menschen der zweiten Sorte behandelt. In der Sowjetunion ging es den Kriegsgefangenen viel schlimmer, weil diese Menschen Fragebogen ausfüllen mussten: ,Wo warst du im Krieg?‘ ,Auf dem von Feinden besetzten Territorium?‘ Und das war schon ein sehr großes Minus.“

    Irina Schtscherbakowa, Mitbegründerin der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Irina Schtscherbakowa, Mitbegründerin der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial

    „Trotz allem Leid, das unsere Menschen durch die deutsche Besatzung erlebt haben“, hob die Menschenrechtlerin hervor, „ist der Hass erstaunlicherweise sehr schnell verflogen. Und das ist kein Mythos! Die deutschen Kriegsgefangenen an den Orten, wo sie gearbeitet haben, konnten sich das wahrscheinlich nicht vorstellen. In der Atmosphäre dieser schrecklichen humanitären Katastrophe und dieses unglaublichen Preises hat man als Sieger die Würde gegenüber diesen armen, verhungerten deutschen Kriegsgefangenen gezeigt.“

    Fritz Walter – Fußballlegende und Symbol der Nachkriegsjahre

    Der Botschafter Geyr erinnerte auch an Fritz Walter, den unvergesslichen Fußballer, ein Symbol der Nachkriegsjahre in Deutschland. Er geriet 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Beim Fußballspiel im Lager gegen die Wachmannschaft wurde er erkannt. Der sowjetische Lagerkommandant verhinderte, dass Fritz Walter nach Sibirien deportiert wurde, und ermöglichte später seine Entlassung. 1954 wurde die deutsche Nationalmannschaft unter ihrem Kapitän Fritz Walter Weltmeister. Und nur ein Jahr später, 1955, kam er mit dieser Weltmeistermannschaft nach Moskau zu einem Freundschaftsspiel, bei dem er vor 100 000 Zuschauern ein Tor erzielte. Dieses Spiel erfolgte im Vorfeld des im gleichen Jahre stattfindenden historischen Besuchs von Bundeskanzler Adenauer, der im gleichen Jahr 1955 die Heimkehr der letzten deutschen Kriegsgefangenen ermöglichte.“

    Gedächtnis- oder Erinnerungskultur

    Wladislaw Below, Vize-Direktor des Europa-Institutes in Moskau, machte auf Unterschiede zwischen der Gedächtnis- und Erinnerungskultur aufmerksam: „Spricht man in Russland von der Gedächtniskultur, meint man das ,Unsterbliche Regiment‘, das Motto ‚Keiner ist vergessen, nichts ist vergessen‘, im Sinne, dass wir ihrer gedenken und ihnen nachtrauern.“

    Dagegen beinhalte die deutsche Erinnerungskultur die Rückbesinnung auf Ereignisse, die verarbeitet werden, so Below. „Insbesondere setzt man sich gegenwärtig verstärkt mit dem Holocaust auseinander, mit der Tragödie derjenigen, die Ostpreußen verlassen mussten, mit der Tragödie von Dresden und weniger mit den Verbrechen des Nazideutschlands auf sowjetischem Boden und dem Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen oder der Zwangsarbeiter in Deutschland. Ob die junge Generation in Deutschland auch diesen Teil der Geschichte kennt?“

    „Das ist angesichts des Maßstabes der humanitären Katastrophe und der Kriegsverbrechen, die begangen wurden, eine untragbare Situation“, meinte Heike Winkel. „Sie ist vielen Faktoren geschuldet. Die deutsche Gesellschaft musste eine Zeit lang mühsam zur Auseinandersetzung mit dem Holocaust erzogen werden. Der Kalte Krieg mag maßgeblich dazu beigetragen haben, dass man nicht im gleichen Maße auch in den Osten geschaut hat.“

    Deshalb sei es immer noch so, fuhr sie fort, dass ein Ungleichgewicht in diese Frage herrsche. „Flankierend gerade zu der Formulierung dieser Erkenntnis auf höchster bundespolitischer Ebene gibt es doch sehr viele Initiativen, die daran arbeiten, an dieser Situation etwas zu ändern. Es gibt seit langem eine Initiative, die sich um ein Mahnmal für die Opfer der sogenannten Lebensraumpolitik im Osten einsetzt. Es gibt eine schlagkräftige Initiative, die sich um die Einrichtung einer Bundesgedenkstätte in Stuckenbrok bemüht.“

    • Ausstellung des Goethe-Instituts über das Schicksal des russischen Kriegsgefangenen „Erinnerungsbrücke“
      Ausstellung des Goethe-Instituts über das Schicksal des russischen Kriegsgefangenen „Erinnerungsbrücke“
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    • Der deutsche Botschafter Géza Andreas von Geyr (Archivbild)
      Der deutsche Botschafter Géza Andreas von Geyr
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    • Archivdokumente des Kriegsgefangenen Otto Fost
      Archivdokumente des Kriegsgefangenen Otto Fost
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    • Brief des Kriegsgefangenen Otto Fost an seine Verwandte aus dem sowjetischen Lager der Kriegsgefangenen
      Brief des Kriegsgefangenen Otto Fost an seine Verwandte aus dem sowjetischen Lager der Kriegsgefangenen
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    • Postkarte des Kriegsgefangenen Otto Fost
      Postkarte des Kriegsgefangenen Otto Fost
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    Ausstellung des Goethe-Instituts über das Schicksal des russischen Kriegsgefangenen „Erinnerungsbrücke“

    Der Journalist Ulrich Heyden bemerkte: „Wenn man an das Jahr 1985 zurückblickt, wo Richard von Weizsäcker gesagt hat, Deutschland wurde befreit, wo er gesagt hat, wir trauern um die Millionen Opfer in der Sowjetunion und in Polen. Er hat das hervorgehoben. Und Steinmeier sagte in Dresden, es gab viele Opferstädte, Leningrad und dann hat er ungefähr 15 westeuropäische Städte aufgeführt. Aber dieses Bewusstsein, dass die Sowjetunion die meisten Opfer gebracht hat, ist doch in Deutschland komplett verdrängt.“

    Man müsse sich eingestehen, regt Heyden an, „dass wir in diesem Jubiläumsjahr vor einer traurigen Situation stehen. Der vorige Bundespräsident Gauck war kein einziges Mal in Russland. Das ist doch eine Rückentwicklung von der Zeit 1985.“

    Während der Veranstaltung wurden eine Ausstellung des Goethe-Instituts über das Schicksal eines russischen Kriegsgefangenen „Erinnerungsbrücke“ sowie Dokumente des Großvaters eines Mitarbeiters der Botschaft, der im sowjetischen Kriegsgefangenenlager war, präsentiert.

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