00:38 24 Oktober 2020
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    Wenn man von der Risikogruppe in Zeit von Covid-19 hört, denkt man an Menschen über 80 Jahre. Doch auch junge Menschen werden deswegen in Krankenhäusern behandelt und viele jüngere Menschen mit Vorerkrankung sind einem hohen Risiko durch das Coronavirus ausgesetzt. Wie sich das anfühlt, erzählen drei Risikopatienten.

    Diabetiker gelten in Zeiten der Corona-Krise als besonders gefährdet, ebenso wie alte und geschwächte Menschen oder auch Bluthochdruck-Patienten. Der 45-jährige David Lux ist somit doppelt vorbelastet. Neben einer Diagnose als Diabetespatient ist er an der Autoimmunkrankheit Psoriasis erkrankt. Gegen die Schuppenflechte bekommt Lux alle zwölf Wochen das Medikament Ilumetri gespritzt. Das Biologikum greift ins Immunsystem ein und blockiert da das Interleukim 27 a, um die Psoriasis zu unterdrücken, erklärt Lux, der in einer radiologischen Arztpraxis arbeitet.

    Zu viel los auf den Straßen

    Er ist weiterhin berufstätig, hat aber so gut wie gar keinen Patientenkontakt und ein Büro für sich alleine, erzählt er im Sputnik-Interview. Im Privatleben sind die Einschnitte gravierender: Seine Kinder leben bei der von ihm getrenntlebenden Mutter, seine gemeinsamen Wochenenden hat er erst einmal abgesagt. „Man sollte halt seine nicht notwendigen Kontakte auf ein absolutes Minimum herunterfahren“, erklärt Lux und fügt hinzu: „Leicht fällt mir und meinen Kindern das natürlich nicht.“

    Eine komplette Ausgangssperre hätte er begrüßt. Auf den Straßen in Düsseldorf sei immer noch zu viel los. Das hohe Aufkommen an Spaziergängern quittiert Lux mit den Worten:

    „Ein Virologe sagte, die stärkste Waffe im Kampf gegen das Coronavirus ist unser Verstand, leider sind aber viele unbewaffnet unterwegs. Ich frage mich, warum die Leute noch auf die Straße gehen oder in unfassbaren Mengen Klopapier kaufen müssen? Wie hoch ist da der Verstand ausgebildet?“

    Aktuell überlegt er, die nächste Spritze gegen Psoriasis auszusetzen um das Immunsystem zu stärken. Dann würde er zwar wieder Schuppenflechte bekommen, aber die sei wenigstens nicht tödlich.

    „Wie ersetzbar“

    Derartige Möglichkeiten hat die 22-jährige Nia nicht. Sie ist seit ihrer Geburt herz– und lungenkrank und lebt mit 75 Prozent Sauerstoff. Da Covid-19 vor allem die Lunge befällt, ist die aktuelle Lage für sie als Risikopatientin sehr schwer. Auf ihren Social-Media-Kanälen berichtet Nia über ihre Angst und wie sie damit umgeht. Sie hat sich aktuell zurückgezogen, ihre sozialen Kontakte eingeschränkt und macht auf die akute Gefährdung aufmerksam:

    „Es ist schwierig, wenn man als schwer Herz– und Lungenkranke hört, dass das Virus vor allem die Lunge befällt, man eine schwere Lungenentzündung davon bekommen kann und viele Menschen deswegen an Beatmungsgeräte müssen. Für mich war klar: Wenn das Virus in der Stadt ist, werde ich nicht mehr rausgehen. Ich sehe dann bei meinem privaten Instagram-Profil, dass Leute noch ernsthaft Partys machen, sich jeden Tag mit einer anderen Freundin treffen, noch hier ins Café gehen oder spazieren gehen. Das verstehe ich nicht. Man fühlt sich in dieser Situation wie ersetzbar. Dass alle Menschen denken, auf die kann man verzichten, die ist eh krank. Es hängen wirklich reell Menschenleben davon ab – nicht nur alte Leute.“

    Angst schlägt in Wut um

    Die Angst der Sabine P. aus Oberursel ist mittlerweile in Wut umgeschlagen. Die 53-jährige Rentnerin war früher Yoga-Lehrerin und ist seit sechs Jahren an einer Muskelkrankheit erkrankt. Wegen neuroendokrinen Tumoren bekommt P. eine immunsupprimierende Therapie und gehört daher zur Risikogruppe. Sie bleibt aktuell zu Hause und lässt sich durch andere Menschen beim Einkaufen helfen. Ihre Tumoroperation wurde aufgrund der Corona-Krise verschoben und ein für sie wichtiges Medikament steht gegenwärtig nicht zur Verfügung. Sie schildert gegenüber Sputnik:

    „Langsam schlägt meine Angst in Wut um, weil ich bemerke, dass einerseits die Politik nicht reagiert hat, als sie Zeit dazu hatte, und nun Lösungen schafft, die eine kleine Gruppe Menschen sehr existentiell trifft. Meine Physiotherapeutin wird wahrscheinlich ihre Praxis schließen. Warum? Patienten sagen Behandlungen ab, sie soll aber offenbleiben, falls Corona-Patienten Behandlungen benötigen. Mit Masken und Desinfektionsmittel hilft weder der Staat noch sonst wer. Ein Rettungsschirm oder Kredit wird bisher nicht gewährt. Zwei Wochen und dann muss sie zuschließen.“

    Engpässen bei Medikamenten

    Das würde P. schwer treffen, aufgrund ihrer Krankheit benötigt sie regelmäßige Lymphtherapie und Physioanwendungen.

    Durch ihre ehrenamtliche Beratung von Menschen mit seltenen Krankheiten bekommt P. mit, welche massiven Probleme und Kämpfe diese aktuell austragen müssen. Etliche würden ihre Medikamente wie Quensyl oder intravenöse Immunglobuline nicht mehr bekommen. So sei es nur eine Frage der Zeit, bis sich deren Erkrankung extrem verschlechtere und möglicherweise zum Tod führe. P. warnt:

    „Durch Corona beziehungsweise das hohle Handeln der Politik sind die nun am Ende der Nahrungskette angelangt. Man hält die Corona-Statistik klein, aber hebt die allgemeine Sterberate der jungen Patienten zwischen einem und 50 Jahren. Aber es ist auch da wie mit den Hungernden in Afrika: Weder Hunger ist ansteckend, noch eine seltene Krankheit ist ansteckend. Das interessiert einfach niemanden.“

    Knapp 13 Millionen Menschen mit einer Beeinträchtigung leben laut dem aktuellen Teilhabebericht der Bundesregierung in Deutschland, das sind mehr als 15 Prozent der Bevölkerung. Von der Corona-Krisenpolitik wurden sie bisher offenbar trotzdem übersehen.

    Das komplette Interview mit David Lux zum Nachhören:

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    Tags:
    Deutschland, Risikogruppe, Coronavirus