23:57 25 Oktober 2020
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    In Zeiten der Corona-Pandemie ist nicht nur regelmäßiges Händewaschen geboten, sondern auch das weitgehende Aussetzen der sozialen Interaktion. Für einsame oder an Depression erkrankte Menschen können die verhängten Kontaktsperren besonders hart sein, warnen Fachleute und geben praktische Ratschläge an die Hand.

    Arbeiten aus dem Homeoffice, nach Möglichkeit gar nicht mehr rausgehen, und wenn, dann mindestens anderthalb Meter Abstand zu den Mitmenschen halten. Keine gegenseitigen Besuche, keine Versammlungen. Öffentliche Veranstaltungen sind abgesagt, Vereine und Fitnessstudios geschlossen. Und über allem prangt das Motto: Social Distancing.

    Menschen bei Einkäufen auf einem Markt in Frankfurt am Main
    © REUTERS / KAI PFAFFENBACH
    Die im Kampf mit der Corona-Pandemie verhängten Maßnahmen treffen uns alle hart und stellen uns vor ungekannte Herausforderungen. Für Menschen mit Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen, für ältere Menschen, die einsam sind, kann die Wahrung der sozialen Distanz besonders schwere Konsequenzen haben. „Sie sind stressempfindlicher und bekommen möglicherweise mehr Symptome - also auch mehr Angst, mehr Panik und Depressionen“, bescheinigt Psychiaterin Iris Hauth, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

    Um mit den Gefühlen von Angst, Einsamkeit und Frustration umzugehen, würden manche verstärkt zu Alkohol oder Schlaf-, Schmerz- und Beruhigungsmitteln greifen. Doch droht nicht nur die Suchtgefahr – auch beim Thema Suizidprävention sei jetzt besondere Aufmerksamkeit geboten, sagen Fachleute.

    Um die Menschen in ihrer durch die Kontaktsperre bedingten Einsamkeit und Verunsicherung aufzufangen, sind inzwischen bundesweit Hilfsangebote wie Seelsorgehotlines oder Videosprechstunden ins Leben gerufen worden. So bietet die Deutsche Depressionshilfe Telefonseelsorge sowie ein Online-Programm unter dem Titel „I fight Depression“ an. Auch vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) gibt es anonyme und kostenlose Hilfe über die BDP-Corona-Hotline.

    „Die Angst unter Kontrolle kriegen und Vernunft in Verhalten umsetzen: Das ist eine besondere Aufgabe! Und genau hier können wir als Berufsgruppe unterstützen. Daher stellen wir ab heute mit der BDP-Corona-Hotline ein Beratungsangebot besonderer Art zur Verfügung“, sagt Dr. Meltem Avci-Werning, Präsidentin des BDP. Sie betont, dass insbesondere die Ungewissheit über die Dauer dieses weltweiten Ausnahme-Zustandes eine große psychische Belastung für alle Menschen darstellt.

    Wie man seinen Alltag in der Isolation gestalten kann, um schlimme Folgen für die Psyche zu vermeiden, zeigt die Deutsche Depressionshilfe mit einem praktischen Leitfaden, den sie auf ihrer Internetseite veröffentlicht hat. Auch wenn man zu Hause bleibe, solle man seinem Alltag Struktur geben – mit festen Abläufen vom morgendlichen Aufstehen, Arbeits- und Lernzeiten über Mahlzeiten und bis hin zu Freizeitgestaltung wie Lesen, Yoga, Fernsehen oder Balkon bepflanzen. Man solle natürlich auch weiterhin aktiv bleiben und mit Joggen oder Radfahren etwas für seine Fitness, aber auch für sein Gemüt tun. Darüber hinaus sei es sehr wichtig, soziale Kontakte trotz Homeoffice oder Quarantäne aufrechtzuerhalten. Die Deutsche Depressionshilfe rät: Verabreden Sie sich mit Freunden und Familie zum Telefonieren. Dem Erschöpfungsgefühl und der Depressionsschwere, die sich einstellen können, solle man hingegen nicht nachgeben, denn mehr Schlaf führe nicht zur Erholung und unterbreche den Tagesablauf. Sollten Betroffene auf therapeutische Hilfe angewiesen sein, so müssten sie sich momentan keine Sorgen machen, dass diese nicht verfügbar sein könnte, denn:

    „Auch während der bundesweiten Kontaktsperre können Sie in Ihre  Psychotherapeutische Praxis gehen. Die Besuche dort fallen unter die Regelungen zum 'Arztbesuch' und Psychotherapie ist eine 'notwendige medizinische Leistung'. Falls Sie z.B. aufgrund einer Quarantäne nicht zu Ihrem Psychotherapeuten gehen können, bieten viele Praxen inzwischen Video-Sprechstunden an. Fragen Sie bei Ihrem Therapeuten nach, ob das möglich ist.“

    Für Senioren gibt es in Berlin die Seniorenhotline „Silbernetz“. Initiatorin Elke Schilling bestätigt auch hier gestiegenen Gesprächsbedarf. An manchen Tagen würden fünfmal mehr Menschen anrufen als früher, es seien zunehmend auch jüngere Senioren und mehr Männer dabei.

    Depression und Vereinsamung sind jedoch nicht die einzigen Gefahren, die die Fachleute im Zusammenhang mit Kontaktsperren und Quarantäne sehen. Die Erfahrungen von China, Italien und Frankreich zeigen inzwischen eine signifikante Zunahme von häuslicher Gewalt. Besonders gefährlich ist die Situation für Kinder.

    „Die soziale Kontrolle ist derzeit nicht da - der Bereich, wo sonst häusliche Gewalt gegen Kinder auffällt, also in Schulen, Kitas oder bei Tagesmüttern, ist ja gerade weggefallen“, sagt Saskia Etzold, Vizechefin der Berliner Gewaltschutzambulanz. Bei eingeschränkter Öffentlichkeit würden Verletzungen jetzt weniger bemerkt. „Wir müssen wohl davon ausgehen, dass innerfamiliäre Gewalt in den nächsten Wochen deutlich ansteigt“, wird die Ärztin von der DPA zitiert.

    Angesichts der verschiedenen Herausforderungen und Bedrohungen für die psychische und stressbedingt unter Umständen auch physische Gesundheit unter Bedingungen der Isolation scheint es angebracht, das dieser Tage weltweit proklamierte Motto des Social Distancing zu korrigieren: Physische Distanz in Form von Anstand halten und nach Möglichkeit zu Hause bleiben – Ja. Soziale Distanz, in der wir uns mit unseren Ängsten und Problemen allein lassen – Nein.

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    Tags:
    Quarantäne, Depression, Isolation, Coronavirus