17:06 08 August 2020
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    Die von den Regierungen erzwungene oder freigewählte Isolierung der Menschen und erschreckende Nachrichten von Fernsehbildschirmen über das Coronavirus und den bevorstehenden wirtschaftlichen Zusammenbruch führen in den Köpfen nicht nur zu Unsicherheit, sondern auch zu extremer Gereiztheit.

    Eine kürzlich in Österreich durchgeführte Meinungsumfrage bestätigt dies. Jede sechste Person hat das Gefühl, dass sich der Partner häufiger über sie ärgert. 78 Prozent der Befragten können sich vorstellen, dass die Anzahl der Trennungen und Scheidungen aufgrund der Krise und der neuen Umstände ansteigen wird. Mehr als ein Viertel aller Befragten hat bestehende Hochzeitspläne aufgrund der Planungsunsicherheit vorübergehend auf Eis gelegt. Die aktuelle Corona-Krise und die damit verbundenen Maßnahmen wie die Selbstisolierung sind eine für viele Menschen noch nie dagewesene Situation, meint im Sputnik-Interview Daniel Witzeling, Leiter des Humaninstituts in Wien.

    „Nahezu wie bei einem psychologischen Experiment nur mit dem Unterschied, dass es leider kein Experiment, sondern die traurige Realität ist“, so der Sozialforscher. „Unverarbeitete zwischenmenschliche Konflikte, wie jene unter Ehepartnern oder in anderen Partnerschaften können durch das Fehlen von Ausweichmöglichkeiten nicht abgefedert werden. Der amerikanische Psychologe Walter Cannon beschrieb 1915 die berühmte 'fight-or-flight response', sprich 'Kampf-oder-Flucht-Reaktion'."

    Diese beschreibe die rasche körperliche und seelische Anpassung von Lebewesen in Gefahrensituationen als Stressreaktion, fährt Witzeling fort. „Die aktuelle Situation führt zu ähnlichen Stressmomenten oder subjektiv wahrgenommenen ,Gefahrensituationen‘ nur mit dem Unterschied, dass das Individuum sich nicht zwischen Konfrontation und Flucht entscheiden kann, sondern leider oft nur die Möglichkeit des interpersonellen Konfliktes besteht. Diese Rahmenbedingung erhöht den psychodynamischen Druck zwischen den Menschen extrem und führt daher zu Überreaktionen, die sich in verschiedensten Formen (häuslicher Gewalt, Scheidungen und vielem mehr) manifestieren können.

    Eskalation von häuslicher Gewalt wächst

    Eines der auffälligen Beispiele für familiäre Konflikte während des Coronavirus war der Streit der ehemaligen österreichischen Außenministerin Karin Kneissl mit ihrem Ehemann Wolfgang Meilinger. Vor 18 Monaten spielten sie eine großartige Hochzeit in der Anwesenheit von Wladimir Putin. Jetzt zeigte sie ihren Ehemann an, sie würde von ihm geschlagen, und die Polizei verhängte ein Betretungsverbot, wie die Presse schreibt. Es gebe auch noch gegenseitige Angriffe. Höchstwahrscheinlich wird der Konflikt jedoch "gebremst".

    Ob man solche Konflikte vermeiden kann, meint der Psychologe, dass „viele Menschen in der heutigen Konsum- und Fortschrittsgesellschaft scheinbar nur kennen, dass es immer bergauf geht und man alles kaufen und erreichen kann, was man will. Die Fähigkeit zum Verzicht, wie es in vielen Weltreligionen gelebt und bewusst praktiziert wird, hat man verlernt. Das ist die Problematik unserer ,Pseudo‘-Leistungsgesellschaft. Nur wer Geld hat oder erfolgreich ist, ist etwas wert.“

    Dies führe zu einem intraindividuellen Konflikt, d.h. innerhalb eines Individuums, merkt der Experte an. „Die oben beschriebenen Konflikte kann man am besten vermeiden, indem man an sich selbst und seiner eigenen Frustrationstoleranz arbeitet. Denn oft projiziert man seine Fehler und Defizite auf andere Menschen. Die kann man aber nicht mit Gewalt ändern. Am besten ist, wenn man bei sich selbst ansetzt. Wer selbst ein Ruhepol ist, kann auch die Spannung zwischen zwei Personen entschärfen.“  

    Ein großer Realitäts- und Systemtest: Corona-Pandemie

    Der britische Schriftsteller Tim Parks, der seit 1981 in Italien lebt, glaubt, dass Selbstisolation den Geist und die Psyche vieler Menschen negativ beeinflusst, und es für sie schwieriger ist, nicht gereizt zu sein. Er bezieht sich auf die Meinung italienischer Ärzte, die eine Flut von Scheidungen und Trennungen, häuslicher Gewalt und sogar Selbstmord erwarten.

    Symptomatisch und mit dem Blick auf das momentane Leben gesehen stimmt Witzeling Tim Parks zu.

    „Die Corona-Pandemie ist ein großer Realitäts- und Systemtest für jeden von uns, alle Nationen weltweit und für die humane Gesellschaft als Ganzes. Die anfänglichen negativen Reaktionen und Resultate können aber auch dazu führen, dass wir uns weiterentwickeln. Weg vom Egoismus und der Konsumkultur hin zur Rückbesinnung auf alte Tugenden wie Bescheidenheit und Respekt vor allem Leben.“

    Tim Parks selbst, der glücklich mit seiner Frau lebt, meditiert regelmäßig morgens vor dem Frühstück mit ihr und versucht, Medienberichte zu ignorieren. Darin sieht er die Ressource, die psychologischen Widerstand und Seelenfrieden bietet. Und möglicherweise stärkt es auch die körperliche Immunität. Dies sei aus der Sicht des Psychologen der richtige Weg. „Ein zen-buddhistischer Ansatz aus Konzentration, Geduld und Achtsamkeit ist erwiesenermaßen gut für Körper und Geist. Es ist auch empirisch belegbar, dass Meditation und ein bewusster Fokus auf positive Dinge im Leben einen Einfluss auf psychophysiologische Parameter wie beispielsweise den Blutdruck und somit auf die Gesundheit haben.“

    Sind Lockerungen der Corona-Vorsorge in Österreich in Sicht?

    In Österreich habe sich die Lage laut Analysen der Bundesregierung etwas stabilisiert, äußert der Sozialforscher. „Daher hat Bundeskanzler Sebastian Kurz mit seinem Regierungsteam beschlossen, nach Ostern das gesellschaftliche Leben und auch die Wirtschaft langsam wieder hochzufahren. Die Bedingung ist, sich weiter strikt an die Regeln (Hygiene, Mundschutz u.a.m.) zu halten. Die Lage und die Fallzahlen werden aber weiterhin permanent evaluiert, um bei einer Verschlechterung rechtzeitig Interventionen zu setzen.“

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    Tags:
    Quarantäne, Pandemie, Isolierung, Coronavirus, Österreich