07:35 21 Oktober 2020
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    Am 15. und 16. April des Vorjahres wütete in der Kathedrale Notre-Dame de Paris 15 Stunden lang ein Großbrand. Sputnik sprach mit dem Vorsteher von Notre-Dame, Patrick Chauvet, und dem Pressesprecher der ausgebrannten Kathedrale, André Finot, über die tragischen Ereignisse und den Wiederaufbau des Pariser Wahrzeichens in der Zeit der Coronakrise.

    „Zum Teil sind wir enttäuscht, dass wir wegen der Pandemie nicht mehr tun können. Zuvor waren wir wegen des Problems mit dem Blei enttäuscht. Aber jetzt haben wir allen Grund, froh zu sein: Die Sicherheit des Gebäudes wird planmäßig gewährleistet. Die Kathedrale ist nahezu gerettet. Es bleibt nur noch, das Baugerüst abzubauen, das wegen des Feuers praktisch zusammengeschmolzen war. Aber es wird auf jeden Fall nicht auf die Kathedrale stürzen, denn es wurde schon ein neues Gerüst aufgestellt.

    Wiederaufbau von Notre-Dame (Archivbild)
    © Sputnik / Sergej Mamontow (ARCHIVFOTO)
    „Ich weiß nicht, ob der Wiederaufbau wegen der Krise verschoben werden muss. Es steht noch ein Monat Quarantäne bevor, und die Arbeiten wurden unterbrochen. Vorerst ist alles geschlossen. Sobald das alles vorbei ist, sobald wir wieder sicher sind, dass keine Gefahr mehr besteht, werden die Arbeiten natürlich sehr schnell wiederaufgenommen.“

    „Ich denke, wir werden die Fünfjahresfrist (die Präsident Emmanuel Macron festgelegt hatte) einhalten. Der Präsident der Republik erklärte, er wolle die Kathedrale „den Katholiken zurückgeben“. Das bedeutet, dass vor allem der Bogen, das Tragwerk und das Dach wiederhergestellt werden müssen. Es ist offensichtlich, dass wir alles, was draußen ist, nicht in fünf, sondern in zehn bis zwölf Jahren wiederaufbauen werden. Die Kathedrale ist schließlich riesig, und ihre Rekonstruktion wird viel Zeit in Anspruch nehmen.“

    „Vorerst gibt es keine offizielle Version, warum das Gebäude in Flammen aufging. Es gibt keine Neuigkeiten. Die Ermittlung geht weiter. Ich denke, die endgültige Version wird sich nicht von dem unterscheiden, was der Staatsanwalt der Republik gesagt hat: Entweder handelt es sich um einen Kurzschluss oder um eine Reihe von kleineren Zwischenfällen, die den Brand ausgelöst haben.“

    „Es ist sehr gut, dass die Dornenkrone am Karfreitag zum ersten Mal seit dem Brand wieder da war. Das war sehr rührend. Rührend war auch der Umstand, dass es in der Zeit der Pandemie gemeinsame Momente zwischen der betroffenen Kathedrale und den Opfern der Pandemie, zwischen den Leiden von Christus und den Leiden der Familien, die ihre Nächsten verloren haben, gibt. In der jetzigen Zeit, in der physische Kontakte beschränkt sind, ist die geistliche Nähe entstanden. Es ist gut, dass die Gottesmutter und ihr Sohn hier sind und uns helfen, unser Kreuz zu tragen.“

    „Es ist immer traurig, wenn vor dir leere Stühle stehen. Aber das ist ein Beweis für den Glauben. Das ist nicht immer leicht. Wir wissen, dass sich vor ihren Fernsehgeräten viele Gläubige versammeln. Wir führen den Gottesdienst zusammen, als hätte sich das ganze Kapitel versammelt“.

    André Finot, Pressesprecher von Notre-Dame de Paris

    „Es wurde im Laufe dieses Jahres sehr viel getan. Sehr schnell, schon am 16. April vormittags kamen alle Arbeiter zur Arbeit, um das Gebäude möglichst zu sichern. Ein Jahr später sehen sie das Gebäude, das stabil steht und sicher ist. Es wird kein einziger Stein mehr hinabstürzen. Die gesamte Kathedrale wurde vom Müll, von Steinen, Holzstücken befreit. Es wurden Stühle, Tische, Kunststücke weggeräumt. Alles andere wurde abgedeckt. Über der Sakristei wurden Schutznetze gezogen, damit keine Ornamente hinabfallen. Alles wurde mit weißen Planen umhüllt, um es vor Unwettern zu schützen.“

    „Es wäre schön, wenn das Baugerüst, das in den Flammen aufging, weggeräumt wäre. Am 23. März – dieser Tag war vor sehr langer Zeit festgelegt worden – hätte das Baugerüst geräumt werden sollen, doch es verspätet sich um einige Monate. Beim ersten Mal (als das Baugerüst hätte weggeräumt werden sollen) wurden die Arbeiten wegen des Bleis eingestellt, beim zweiten Mal wegen der Quarantäne.“

    „Da die Temperatur des Feuers 800 Grad erreichte, schmolz das Baugerüst zusammen, und man konnte es nicht in einem Schritt wegräumen – es musste auseinandergeschnitten werden. Es wurde ein neues Gerüst aufgestellt, und in der nächsten Phase, die hoffentlich bald beginnt, werden die Industriekletterer einzelne Stücke abschneiden und zum Boden geleiten.“

    Brand in Notre-Dame (Archivbild)
    © Sputnik / Dominique Boutin
    Brand in Notre-Dame (Archivbild)

    „Vor der Quarantäne wurde in den Laboren gearbeitet. In ganz Frankreich wird auf die Sicherheit sehr aufmerksam geachtet. Ein auf historische Bauten spezialisiertes Labor überprüft, ob alle Wandbilder, darunter Glasfenster, sich in einem guten Zustand befinden und ob sie vom Feuer nicht so stark beschädigt worden sind. Dann muss wieder eine Ausschreibung organisiert werden, um eine Firma zu finden, die die Rekonstruktionsarbeiten übernimmt. Aber die Vorbereitungsarbeit wurde erledigt, und ihre Ergebnisse sind durchaus zufriedenstellend.“

    „Besonders gut ist, dass Sie sich sagen, wenn Sie die Kathedrale betreten: ‚Naja, wir haben letztendlich nicht allzu viel verloren‘. Und das ist wirklich so: außer dem Altar ist alles vorhanden – alles steht nach wie vor. Und es ist ja ein wahres Wunder, zu sehen, dass alles wieder so ist wie früher.“

    „Die Ursachen des Brandes wurden immer noch nicht offiziell publik gemacht. Wir werden auf die Schlussfolgerung der Untersuchungsrichter warten, wissen aber immer noch nicht, was diesen Brand verursacht haben könnte. Und soweit ich weiß, ist immer noch nicht bekannt, wann das Gutachten bezüglich der Ursachen des Brandes fertig sein könnte.“

    „Was die Fristen für den Wiederaufbau angeht, so sollte man sich im Klaren sein, dass es eine sehr wichtige Phase gibt: die Diagnostik. Dabei wird festgestellt, was sich in einem guten Zustand befindet und was ersetzt werden muss. Diese Diagnostizierung nimmt sehr viel Zeit in Anspruch – sie erfolgt parallel zur Aufstellung des Baugerüsts.

    Die Architekten, die sich mit Notre-Dame befassen, setzen die Diagnostizierung fort – aus der Ferne. Sie sondieren alle Elemente, die sie das ganze Jahr in der ganzen Kathedrale zusammengetragen haben. Die Arbeit geht weiter. Dass die Arbeiter nicht mehr da sind, heißt nicht, dass die ganze Arbeit gestoppt wurde. Die Architekten arbeiten weiter. Das Baugerüst werden wir natürlich mit einer gewissen Verspätung aufstellen. Möglicherweise werden wir mehr Arbeiter brauchen – das werden wir noch sehen. Jedenfalls wird der von General Jean-Louis Georgelin festgelegte Zeitpunkt eingehalten: 2024.“

    „Die Chancen dafür, dass der auf fünf Jahre angelegte Zeitraum eingehalten wird, sind groß. Wir alle hoffen darauf. Wissen Sie, die Arbeiter wollen nur eines: wieder an die Arbeit gehen, noch mehr arbeiten, um dieses Gebäude zu retten. Ich denke nicht, dass sie Macron gewählt haben, aber die Arbeiter wollen das: dass die Kathedrale möglichst schnell wiedereröffnet wird. Diese Baustelle lebt weiter, und das ist gut so.“ 

    „Was die Haushaltseinschränkungen und die versprochenen Spenden angeht, so bleibt da meines Wissens alles beim Alten. Alle hoffen, dass alles weiter so geht und dass das Geld bereitgestellt wird. Daran habe ich keine Sekunde lang gezweifelt.“

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    Tags:
    Brand, Paris, Notre-Dame-Kathedrale, Notre-Dame