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    Immer wieder tauchen Theorien auf, ob die Zahl der Corona-Toten in China nicht höher liegen müsse. Zuletzt hatten Journalisten der „Epoch Times“ nahegelegt, die Volksrepublik habe tatsächlich bis zu 21 Millionen Todesopfer. Belegt werden sollte das mit Zahlen chinesischer Mobilfunkanbieter. Auch deutsche Medien berichteten. Hier ein Faktencheck.

    Vor einigen Tagen wurde in deutschen und internationalen Medien eine Meldung verbreitet, die an der Glaubhaftigkeit der von China veröffentlichten Corona-Zahlen zweifeln lassen soll. So titelte beispielsweise ntv in seiner Online-Ausgabe:

    „Zweifel an Pekings Corona-Zahlen – China löscht Millionen Handy-Konten“

    Der Inhalt der Meldung: Laut Daten des chinesischen Ministeriums für Industrie und Informationstechnologie sei die Zahl der Handynutzer innerhalb der vergangenen drei Monate um 21 Millionen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eingebrochen. Auch gebe es angeblich 840.000 Festnetzanschlüsse weniger.

    Kunden verschwunden?

    Die Meldung wirft die Frage auf, warum in einem hochtechnologischen Land wie China, das Kommunikation und Aufenthaltsort seiner Bürger flächendeckend überwache, plötzlich vor allem Millionen Handynutzer fehlten. Schließlich seien, so der Wortlaut, in China Bankkonten und Sozialversicherungen an Handy-Verträge gebunden. Und schließlich heißt es ganz offen:

    „Gibt es einen Zusammenhang mit der Corona-Pandemie?“

    Dazu sollten wir zunächst die offiziellen Corona-Zahlen betrachten: China meldet zuletzt insgesamt rund 82.000 Infiziere, davon knapp 78.000 mittlerweile wieder Genesene und über 3.300 Todesopfer. Das wäre eine Sterblichkeitsrate durch COVID-19 von 4,1 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Letalität derzeit bei 2,8 Prozent, ebenso in Österreich, in den USA liegt sie bei 4,5 und in Italien bei etwa 13,1 Prozent. Aktuell hat die chinesische Stadt Wuhan die Zahl ihrer Corona-Toten überraschend um rund 50 Prozent nach oben korrigiert - wie die Behörden jüngst berichteten, seien in der zentralchinesischen Metropole doch noch weitere 1.290 Menschen in Folge der Lungenkrankheit Covid-19 gestorben. Damit würde die Letalität in China bei rund 5,6 Prozent liegen.

    Analyse oder Fake News?

    Zurückzuführen ist die Meldung auf einen Bericht der China-kritischen „Epoch Times“ mit Hauptsitz in New York. Zwei Journalisten der Zeitung erklärten, es habe im Januar 2020 plötzlich einen massiven Schwund von Mobilfunkkonten bei den drei großen chinesischen Mobilfunkanbietern China Mobile, China Telecom und China Unicom gegeben. Dabei hätten eigentlich – so die Analyse der Epoch Times, die Anmeldungen eher steigen müssen, weil:

    „Chinas Schülerinnen und Schülern ab dem 10. Februar über eine Handynummer der Eltern Zugang zum Online-Unterricht gewährt wurde. Theoretisch hätte es deshalb Neuregistrierungen geben müssen.“

    Einen Beweis, dass die offiziellen Zahlen zu Corona-Toten gefälscht wurden, liefert das jedoch noch nicht.

    Eine andere Sichtweise …

    Eine andere These liefert wiederum das Mercator Institut für China Studien in Berlin. Dort heißt es, die chinesischen Telekomriesen hätten sich Anfang Februar zusammengetan und gemeinsam registrierte, aber nicht genutzte Handynummern aussortiert. Gleich mehrere plausible Erklärungen für den angeblichen Schwund der Handynutzer liefert China selbst: Auf Sputnik-Nachfrage erklärte ein Botschaftsvertreter der Volksrepublik, die vom Ministerium veröffentlichten Zahlen seien von der Presse falsch überliefert worden.

    Ein wichtiger Punkt …

    Zwar handele es sich um 21 Millionen weniger Handynutzer und insgesamt 1,04 Millionen weniger Festnetzanschlüsse, bei der ersteren Zahl handele es sich aber vor allem um die Anzahl von Telefonnummern und SIM-Karten:

    „Rein statistisch gesehen entfallen auf 100 Einwohner 114,4 Handys bzw. Handykarten, weil viele Handynutzer zwei Handykarten bzw. noch mehr haben.“

    Der Rückgang der Zahlen sei auf drei Aspekte zurückzuführen. Erstens hätten viele Handynutzer wegen Pandemie und Beschränkungsmaßnahmen ihre Arbeit nur beschränkt verrichten können. Sie hätten ihre für berufliche Zwecke genutzten Handykarten storniert, um Kosten zu sparen. Gleiches passiert – wenn auch in kleinerem Maßstab – auch in Deutschland.

    Botschaft argumentiert dagegen

    Zweitens, so der Botschaftssprecher, hätten alle chinesischen Netzanbieter ihre Leistungen erhöht und Kosten gesenkt, sodass die Anreize für zwei oder mehr Handykarten wesentlich geringer geworden seien. Drittens seien immer noch viele Geschäftsstellen von Telekommunikationsanbietern in China wegen der Corona-Maßnahmen geschlossen:

    „Dies hindert wiederum die neuen Handynutzer, auf den Markt zu kommen. Nach Lockerungen der epidemiebedingten Beschränkungen wird sich alles ändern.“

    Laut Botschaft hätte allein China Telecom vom 1. bis zum 22. März eine tägliche Zunahme der neuen Handynummern von 24.500 gemeldet. Und was die Festnetzanschlüsse angeht: Bereits in den vergangenen zehn Jahren sei ein massiver Rückgang dieser Anschlüsse zu verzeichnen gewesen, Chinas Bevölkerung setze stattdessen auf Mobilfunk und Internet. Im gleichen Zeitraum, in dem besagte 1,04 Millionen Festnetzanschlüsse abgemeldet wurden, hätte die Zahl der Breitbandanschlüsse in der Volkrepublik um 2,83 Millionen zugenommen.

    Neue Zahlen, neue Fragen?

    Nach Wochen des Shut Downs kehrt China mittlerweile langsam wieder zur Normalität zurück. In einem Großteil der Betriebe wird wieder gearbeitet. Chinas Regierung hat das klare Ziel ausgegeben, die Wirtschaft des Landes schnell wieder in Fahrt zu bringen. Dafür hat sie Steuererleichterungen und Liquiditätshilfen im Wert von rund 130 Milliarden Euro auf den Weg gebracht. Außerdem haben landesweit Provinz- und Lokalregierungen Steuererleichterungen angekündigt, staatliche Betreiber von Einkaufszentren sowie Fabrik- und Bürogebäuden erlassen teilweise Mieten. Ob sich die chinesische Wirtschaft gänzlich erholen wird, das wird man an den Zahlen Ende des Jahres sehen. Wenngleich zahlreiche Medien diese dann wohl auch erneut in Frage stellen werden.

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