05:33 20 Oktober 2020
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    Wer fährt auf Abruf Essen aus? Wer sammelt abgestellte E-Scooter ein? Wer fotografiert Produkte in Supermärkten? Und wer verdient damit kaum Geld? Die Antwort: Die neue Berufsgruppe der „Crowdworker“. „Absolut unterbezahlt“, kritisiert Finanz-Experte Werner Rügemer gegenüber Sputnik. Renten-Experte Reiner Heyse fordert Mindestrente für diese Jobs.

    „Crowdworking“ ist auf dem deutschen Arbeitsmarkt noch eine kleine Nische, wird aber in den USA schon seit über einem Jahrzehnt betrieben. „Crowdworker“ können als moderne Niedriglohnempfänger bezeichnet werden. Der Begriff wird mit „Menschenmenge“ (engl.: crowd) und „Arbeit“ (work) übersetzt. Angeblich können Unternehmen, die dieses Konzept einsetzen, ihre Verarbeitungsgeschwindigkeit erhöhen sowie Qualität und Flexibilität bei verringerten Kosten steigern. Das behaupten zumindest Manager, die auf Crowdworking schwören.

    „Crowdworker“ sind tatsächlich aber prekär beschäftigte Menschen, die beispielsweise im Stadtgebiet herumstehende E-Scooter einsammeln und zurück zur Station bringen bzw. wieder aufladen. Es wird gemunkelt, für jeden aufgeladenen E-Scooter erhalte der Crowdworker dafür zwischen einem und zwei Euro.

    Auch das relativ neue US-Taxi-Vermittlungsunternehmen „Uber“ mit Sitz in San Francisco setzt teilweise auf Crowdworker als Taxifahrer und arbeitet in Deutschland eng mit Mietwagen-Unternehmen zusammen, die die eigentlichen Aufträge ausführen. Essenslieferanten wie „Lieferando“ stellen verstärkt Fahrrad-Kuriere ein, die als Crowdworker tätig sind. Aber auch Internet-Recherchen für Firmen – unter anderem durch Studenten – fallen in diese neue Berufskategorie. „Die Preise: Ein einfacher Text beispielsweise kostet die Auftraggeber 1,4 Cent pro Wort, ein anspruchsvoller zwölf Cent je Wort“, kommentiert dazu das Fachmagazin „Digitaler Mittelstand“.

    „Crowdworker“ oft ohne Arbeitsvertrag

    Das Konzept stammt aus dem US-amerikanischen Wirtschaftsraum und findet dort etwa seit dem Jahr 2006 Anwendung. In Deutschland und Europa arbeiten seit wenigen Jahren auch immer mehr Crowdworker. Diese stellen eine moderne Form der Arbeitsteilung dar. Ermöglicht wurde diese neuartige Methode durch den technologischen Fortschritt und das Aufkommen des Internets und der zunehmenden Digitalisierung.

    Die „Arbeitsverhältnisse“ der Crowdworking-Beschäftigten könne „man nur in Anführungszeichen setzen, weil diese tatsächlich kaum vorhanden sind“, kritisiert Werner Rügemer aus Köln. Der kritische Finanz-Experte und Vorkämpfer für soziale Menschen- und Arbeitsrechte warf in einem Sputnik-Interview einen argwöhnischen Blick Richtung Crowdworker – und vor allem auf dahinterstehende Finanz- und Kapital-Interessen:

    „Diese Menschen haben in vielen Fällen noch nicht einmal einen Arbeitsvertrag. Menschen, die sich darauf einlassen oder einlassen müssen – weil sich nichts Anderes finden – hocken zu Hause, blicken auf ihr Telefon und warten auf Aufträge: Kommt jetzt ein neuer Auftrag oder nicht? Wieviel wird dieser bringen – nur zehn oder 50 Euro? Oder kommt gar nichts rein?“ Beschäftigte im Bereich Crowdworking haben „keinen Anspruch auf eine garantierte Menge entlohnter Arbeit“, kritisierte er. „Das ist ein extremes Beispiel für die Weiterführung der digitalisierten Arbeit.“

    „Gut für Manager – schlecht für Arbeitnehmer“

    „Bei ergebnisbezogenen Entlohnungen sind Geldprämien, kleine monetäre Belohnungen oder Vergünstigungen üblich“, schreiben Fachmagazine. Doch selbst diese üben leichte Kritik: „Allerdings gibt es viele Crowdsourcing-Projekte ohne finanzielle Anreize.“ So beantwortet beispielsweise das Job-Informationsportal „Karrierebibel“ die Frage: „Kann man bequem von zu Hause Geld verdienen?“ recht diffus mit Ja und Nein. Und weiter: „Die Idee des Crowdworking (…) wird immer populärer. Zeitliche und räumliche Flexibilität klingt nach einer tollen Sache für die Crowdworker. Auf der anderen Seite hat es aber auch einen Grund, dass diese Arbeitnehmer hin und wieder als ‚digitale Tagelöhner‘ bezeichnet werden.“ Das Fachmagazin „IT-Business“ berichtete Anfang Januar: „Nicht selten wird beim Crowdworking der Mindestlohn für die freiberuflich tätigen Mitarbeiter durch die sogenannten Microjobs nicht erreicht.“

    All diese Darstellungen seien noch nicht einmal die halbe Wahrheit, mahnte Finanz-Kritiker Rügemer im Interview:  

    „Die Digitalisierung der Arbeitswelt führt nicht nur dazu – wie von den Gewerkschaften befürchtet – dass viele bisherige Arbeitsplätze wegfallen. Sondern die Digitalisierung wird vor allem auch dazu benutzt, neue Formen der abhängigen Arbeit zu schaffen.“ Darunter eben auch das Crowdworking, das für ihn eine neue Form der Ausbeutung auf dem Arbeitsmarkt darstellt.

    Von „Lieferando“ bis Produkt-Fotografen: Beispiele für „Crowdworking“

    Durch Crowdworking „können Unternehmen die Arbeit oder den Arbeitsprozess noch weiter in einzelne Teile zerteilen (und somit beispielsweise gewinnbringend ‚out-sourcen‘ bzw. auslagern, Anm. d. Red.)“, erläuterte er. „Es gibt heute Agenturen, die den großen Konzernen zuarbeiten. Diese Agenturen zerstückeln einzelne Arbeits-Aufträge hinunter bis zu Werten von mitunter einem Euro.“

    Der Kölner Finanz-Experte nannte ein konkretes Beispiel:

    In den letzten Jahren erfreuen sich Essenslieferdienste wie „Lieferando“, ein globales Unternehmen mit Sitz in Amsterdam, immer mehr Beliebtheit. Doch die Branche habe eine große Schattenseite. „Fahrrad-Kuriere, die dieses Essen bei den Restaurants abholen und an die Kunden ausliefern, sind in der Regel nicht direkt bei ‚Lieferando‘ angestellt. Sondern sie sind vom Status her Selbständige oder Schein-Selbständige. Sie haben in der Regel allerdings keinen Anspruch auf eine bestimmte Arbeitszeit.“ Es gebe jedoch schon seit Jahren Protest, Kritik und Gegenbewegungen gegen diese prekären Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt.

    „Fahrrad-Kuriere tun sich beispielsweise zusammen und gründen Betriebsräte. In Spanien haben sich eine Reihe dieser Kuriere von den etablierten Plattformen der Nahrungs-Lieferanten losgesagt und ein eigenes Kollektiv gegründet, damit sie ihre Interessen besser vertreten können.“ In Deutschland gebe es in dieser Hinsicht noch reichlich Nachholbedarf.

    Ein anderes Beispiel für Crowdworking, das Rügemer schilderte:

    „Wenn ein großer Konzern überprüfen will: ‚Wie werden unsere Produkte in Tankstellen, Geschäften und anderen Verkaufsstellen präsentiert? Werden sie gut sichtbar und gut ausgeleuchtet angeboten?‘ Dann kommen die sogenannten Crowdworker ins Spiel. Diese bekommen dann solche Aufträge durch eine Agentur: ‚Du gehst jetzt los und fotografierst in folgenden zwei Supermärkten die Produkte dieser Firma. Diese Fotos schickst du uns und bekommst pro Foto einen Beitrag von 23 Cent.‘ Auf diese Weise wird Arbeit in immer kleinere spezialisierte Teilaufträge aufgeteilt.“

    Werden „Crowdworker“ von der Rentenpolitik übersehen?

    „Es gibt immer mehr dieser kreativen Berufe: Solo-Selbständige, Crowdworker und Niedriglöhner“, sagte Renten-Experte und Pensionär Reiner Heyse von der Initiative „Seniorenaufstand“, im Sputnik-Gespräch zur neuen Berufskategorie.

    „Diese Berufe fallen bei den neuen Vorschlägen zur Rente (die Ende März der Bundesregierung übergeben worden sind, Anm. d. Red.) völlig raus. Dass man diese Problematik aufgreifen muss, ist mehr als berechtigt und hochaktuell. Ein Problem, dass diese prekär Unterbeschäftigten haben, ist die unsichere Lohnsituation für diese Menschen. Da muss es Sicherheiten geben. Warum soll es nicht neben dem Mindestlohn auch eine Mindestvergütung für Leute geben, die Crowdworking in Anspruch nehmen?“

    Crowdworker und „andere Kreativarbeiter sollten auch Sozialversicherungsbeiträge leisten“, forderte der Renten-Experte.

    „Solche Dinge sollten angegangen und eingeführt werden. Es muss ein Sicherungsniveau geben, das vor Altersarmut schützt. Also eine Mindestrente.“ Eben auch für Crowdworking-Beschäftigte. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass die Schwarzarbeit nur noch weiter zunehme, warnte der Pensionär vom „Seniorenaufstand“.

    Das Radio-Interview mit Finanz-Experte Dr. Werner Rügemer zum Nachhören:

    Das Radio-Interview mit Reiner Heyse vom „Seniorenaufstand“ zum Nachhören:

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    Tags:
    Niedriglohnsektor, Kritik, Arbeitsmarkt