16:53 25 September 2020
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    Das „Ifo“-Institut hat in einer Studie festgestellt, dass der Mindestlohn in Deutschland zu einem Beschäftigungsabbau geführt und nicht zur „erhofften Einkommenserhöhung bei Geringverdienern“ beigetragen hat. Dem widerspricht der DIW-Arbeitsmarktexperte Karl Brenke in aller Deutlichkeit.

    Der Mindestlohn habe einer Studie des „Ifo“-Instituts zufolge in Deutschland zu einem Beschäftigungsabbau geführt. „In der Summe erhält man Beschäftigungsverluste durch den Mindestlohn zwischen 129.000 und 594.000 Arbeitsplätzen“, schreiben Marcel Thum, Leiter der „Ifo“-Niederlassung Dresden und Koautor der Studie in einer Pressemitteilung.

    Ausschlaggebend dafür sei die Verringerung der Arbeitszeit, sagte Thum am Mittwoch: „Wenn die Firmen die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter reduzieren, sinkt das insgesamt geleistete Arbeitsvolumen“, so die Autoren. So handele es ich dabei „gesamtwirtschaftlich“ ebenfalls um einen Beschäftigungsabbau.

    „Methode untauglich“

    „Da soll mit einer neuen Studie nur eine Fehlprognose, die man früher selbst angestellt hat, gerettet werden. Und die Methode ist genauso untauglich wie sie es früher schon war“, bemängelt im Sputnik-Interview Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte am „Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung“ (DIW).

    Er widerspricht den Ergebnissen der „Ifo“-Studie. Die in der Untersuchung beschriebenen negativen Effekt des Mindestlohns auf die Beschäftigung sieht er nicht.

    Brenke verweist dabei auf eine Reihe modellgestützter Studien vor der Einführung des Mindestlohns - unter anderem von der „Ifo“, die große Beschäftigungsverluste durch den Mindestlohn voraussagten. Doch diese seien nicht eingetreten. „Vor allem lag das an den Modellen, bei denen mit weltfremden Annahmen gearbeitet wurde. Zum Teil lag es auch an den verwendeten Daten, die sich überhaupt nicht für die entsprechenden statistischen Verfahren eignen. Nun kommt das ‚Ifo‘ wieder mit solch einem Modell“, empört sich der „DIW“-Experte.

    „Eins geht aber nur“

    Der Mindestlohn habe nicht zur erhofften Einkommenserhöhung bei Geringverdienern geführt, behaupten die „Ifo“-Forscher weiter. „Im ersten Jahr der Einführung machte die Arbeitszeitreduktion die Stundenlohnerhöhungen nahezu vollkommen wett“, schreiben die Autoren. „Aber auch diejenigen Mindestlohnempfänger, die im gleichen Umfang wie bisher arbeiten, haben nicht viel vom Mindestlohn.“

    Doch das Eintreten beider „negativer Effekte“ gleichzeitig, sowohl des Beschäftigungsrückgangs als auch des Verlusts von Arbeitsplätzen, sei Brenke zufolge nicht möglich. „Entweder man behauptet, dass durch den Mindestlohn Jobs verloren gegangen sind, weil die Löhne gestiegen sind - oder die Löhne sind nicht gestiegen, dann kann es auch keine Jobverluste gegeben haben“, so der Volkswirt.

    Er stellt bei der Betrachtung der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigungsentwicklung nach der Einführung des Mindestlohns fest, dass lediglich die Zahl der Arbeitnehmer, ausschließlich mit einem „Minijob“ (geringfügige Beschäftigung mit besonderen steuerlichen Vorteilen. In Deutschland auch als „450-Euro-Job“ bezeichnet - Anm. d. Red.), um eine halbe Million abgenommen hat. „Das heißt aber nicht, dass diese Jobs weg sind. Die Tätigkeiten können nun im Rahmen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung ausgeübt werden oder in der Form, dass der Minijob nur ein Zweitjob ist.“ Immerhin sei die Zahl der Minijobs, die als Zweit- oder Drittjob ausgeübt werde, in der selben Zeit um genau eine halbe Million gestiegen, bemerkt der Konjunkturanalyst.

    Lohn- und Preissteigerungen im Niedriglohnsegment

    Dabei erinnert er auch an Preissteigerung in Niedriglohnsegmenten, die mit der Einführung des Mindestlohns einhergingen. So seien beispielsweise Friseurleistungen, das Gastgewerbe oder die Tageszeitungen von den Preiserhöhungen betroffen gewesen.Das passe aber ganz und gar nicht zur ‚Ifo‘-Studie, erklärt der Arbeitsmarktforscher. Laut „einschlägigen Statistiken“ hätten die Beschäftigten mit geringen Löhnen somit Lohnsteigerungen erzielt.

    „Und weil die Verbraucher die Preiserhöhungen akzeptiert haben, sind auch keine Jobs verloren gegangen. Jedenfalls gibt es überhaupt keine Hinweise darauf, dass die Leute nach der Einführung des Mindestlohns sich weniger die Haare haben scheiden lassen, weniger Taxi gefahren sind oder weniger in die Speisegaststätte gegangen sind. Wegen des Mindestlohns wurden auch nicht die Zeitungsabos gekündigt - die Probleme der Zeitungsverleger haben andere Gründe. Und die Briefkästen werden trotz Mindestlohn für die Austräger immer voller mit Prospekten“, gibt der Konjunkturexperte zu bedenken.

    Im Jahr 2015 hat die Bundesregierung einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn eingeführt. Seit dem 1. Januar 2020 gilt in Deutschland ein neuer allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn von 9,35 Euro brutto je Zeitstunde. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sieht die Effekte des Mindestlohns positiv und erwartet eine weitere Anhebung, wie er bereits im Februar gegenüber ausländischen Medien - unter anderem Sputnik - im Pressegespräch mitteilte.

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    Tags:
    Karl Brenke, Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Münchner Ifo-Institut, ifo-Institut, Niedriglohnsektor, Lohndumping, Mindestlohn