17:58 26 September 2020
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    Die Covid-19-Pandemie hat einen Ausbruch von Antisemitismus ausgelöst, wie das Kantor Center berichtet. Wie und warum Covid-19 einen Aufschwung des Fremdenhasses verursacht hat – das lesen Sie in diesem Artikel.

    Noch vor drei Monaten konnte man sich kaum vorstellen, dass weltumspannend der Flugverkehr eingeschränkt wird, Länder ihre Grenzen sperren, Menschen ihre Wohnung nicht verlassen dürfen. In vielen Ländern brechen alte Wunden wieder auf.

    Doch jetzt ist es Realität. Für die Juden in den westlichen Ländern stellt sie eine Gefahr dar. Nach Angaben des Kantor Center an der Universität Tel Aviv ist die Zahl der antisemitischen Taten um 18 Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr gestiegen.

    „Seit Beginn der Covid-Pandemie sind häufiger Vorwürfe zu hören, dass Juden – sowohl einzeln als auch gemeinsam – hinter der Ausbreitung des Virus stehen und davon profitieren würden. Der Ton dieser Äußerungen erinnert an mittelalterliche Vorwürfe, als den Juden die Verbreitung von Krankheiten, die Vergiftung von Brunnen und die Kontrolle der Wirtschaft vorgeworfen wurde“, sagte der Gründer des Zentrums, Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses, Wjatscheslaw Mosche Kantor.

    „Geheime Herrschaft über die Welt“ und „Brunnenvergifter“ – solche Formulierungen sind eher in Sozialen Netzwerken, als in den Lehrbüchern über die Geschichte des Antisemitismus zu finden. Experten zufolge ist es äußerst schwer, die Quelle des verbalen Judenhasses zu verfolgen. Die Frage ist aber ernst. Im Oktober des vergangenen Jahres wurde in der deutschen Stadt Halle ein Attentatsversuch auf Mitglieder einer Synagoge verübt – zwei zufällig vorbeigehende Passanten kamen dabei ums Leben.

    In den vergangenen zwei Jahren machten in vielen Bundesländern Radikale mit ihren Hasstiraden in Sozialen Netzwerken in verschiedenen Bundesländern auf sich aufmerksam.

    „Die Personen, die die Angriffe in Halle und Poway verübten, propagierten aktiv den Antisemitismus im Internet via internationale Netzwerke von Gleichgesinnten. Anderen rassistisch motivierte Taten wie das Massaker in einer Moschee in Christchurch (Neuseeland) im März 2019 ging ebenfalls eine Hasskampagne im Netz voraus“, hieß es in dem Bericht des Kantor Center.

    In den vergangenen Wochen ist die jüdische Gemeinde zusehends unter Druck geraten. Offiziell wird diese Entwicklung nur in Deutschland zugegeben. Anfang April räumte der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, ein, dass es einen Zusammenhang zwischen der Covid-19-Pandemie und Erscheinungen von Fremdenhass gebe – meistens in Form von Beleidigungen oder der Verbreitung von Verschwörungstheorien im Internet wie „Israel entwickelte vor langem einen Impfstoff gegen Covid-19 und will ihn zu einem unglaublich hohen Preis weiterverkaufen“.

    Ähnliche Fälle wurden in den USA, Großbritannien und Frankreich festgestellt. Gerade in diesen Ländern wurden die meisten gewaltsamen Übergriffe auf Juden im vergangenen Jahr verübt – 122, 111 beziehungsweise 44.

    Laut den Verfassern des Berichts liegen die wahren Zahlen wohl noch höher – oft verschweigen die Opfer die antisemitischen Vorfälle. Die Täter entgehen somit einer Strafe. Und umgekehrt: Wenn die Rechtsschutzorgane bei solchen Vorfällen nur tatenlos zuschauen, wächst die Angst vor Angriffen.

    „Alle, die Friedhöfe und Denkmäler schänden sowie Synagogen in Brand setzen, handeln in der gleichen Weise  – sie verschwinden vom Tatort, verheimlichen ihre wirklichen Namen, womit sie ihre Opfer noch in größere Verzweiflung versetzen“, sagte die Direktorin des Kantor Center, Dina Porat.

    Das alles geschieht vor dem Hintergrund der Versprechen der Politiker, den Antisemitismus zu bekämpfen. Auf dem 5. Internationalen Forum für die Holocaust-Opfer im Januar schrieben die Staats- und Regierungschefs und Vertreter von 50  Ländern entsprechende Einträge ins Gedenkbuch, wobei zugesichert wurde, dass sich die schrecklichen Ereignisse der 1930-er und 1940er Jahre nicht mehr wiederholen werden.

    Doch in jüdischen Kreisen wachsen die Zweifel an diesen Versprechungen. Dem Jüdischen Kongress zufolge billigte die EU bereits vor vier Jahren ein Einschätzungsverfahren zum Antisemitismus, das die Behandlung von Angriffen auf Juden erleichtern soll. 

    Die Politiker haben offenbar keine Eile, den Fremdenhass im Internet trockenzulegen – man ist offenbar nicht dazu in der Lage, eine Grenze zwischen der Meinungsfreiheit und persönlicher Sicherheit zu ziehen. Dieser Streit dauert bereits mehr als zwei Jahre an. „Inzwischen verschlechtert sich die Situation. Die durch die Pandemie ausgelöste Wirtschaftskrise führt dazu, dass Menschen nach den Gründen ihrer Probleme suchen. Daraus ergibt sich ein Anstieg des Hasses. Zunächst wurden die Chinesen für alles verantwortlich gemacht, nun nimmt der Antisemitismus zu“, so Dina Porat.

    Wie das Problem gelöst werden soll, weiß niemand genau. In der jüdischen Gemeinde werden beispielsweise radikale Maßnahmen vorgeschlagen – Webseiten für jede antisemitische Erscheinung sperren und Nutzer der Sozialen Netzwerke für ihre Kommentare hart bestrafen. Andernfalls würde sich die Lage noch weiter verschlimmern - und das weit über den 18-prozentigen Zuwachs von antisemitischen Angriffen und Bedrohungen hinaus. 

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    Tags:
    Coronavirus, Synagoge, Halle, Kantor-Zentrum, Antisemitismus, Europa