15:21 21 September 2020
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    Spätestens am 4. Mai öffnen in Deutschland die Schulen wieder. Kitas bleiben hingegen geschlossen. Das führt zu verzweifelten Eltern und unausgeglichenen Kindern. Entsprechend diskutieren Mediziner und Politiker gerade erneut die Frage, ob kleine Kinder wirklich Virenschleudern sind. Erkranken Kinder an Covid-19 doch relativ selten.

    Es gibt in Deutschland etwa 10,3 Millionen Schulkinder und 3,7 Millionen Kitakinder. Hinter diesen nüchternen Zahlen verbergen sich gewaltige Probleme, nicht nur Kinder, die Schulstoff verpassen und ihre Freunde vermissen, sondern auch Eltern, die nach sechs Wochen Home-Betreuung entsprechend ausgelaugt sind. Wobei sich die individuellen Schicksale stark unterscheiden, je nachdem, ob man in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Großstadt oder im Häuschen mit Garten im Grünen wohnt, ob man alleinerziehend ist oder sich die Betreuung teilt, ob man inzwischen notgedrungen doch wieder die fitten und vielleicht noch gar nicht so alten Großeltern als Hilfe zugelassen hat, ob man im Home-Office arbeitet oder unfreiwillig auf Kurzarbeit zwangsfreigestellt wurde.

    Für manche Ferien, für andere die Hölle

    Auch bei den Kindern gestalten sich die Schicksale durchaus unterschiedlich. Manch Vierjähriger mit Geschwistern mag die Zeit zuhause auf dem Lande durchaus als die längsten Ferien der Welt empfinden. Zumal das ungewöhnlich sonnige Wetter die letzten Wochen zum Rumstromern einlud. Für Einzelkinder, die ihre Kitafreunde vermissen, zumal Mama zuhause nicht wirklich Zeit hat, zwischen Videokonferenz und Essen kochen; für Kinder aus armen Familien, die sich kein Tablet für den digitalen Unterricht leisten können oder auch für Jugendliche, die – eh schon pubertätskrawallig – keine Motivation auf Prüfungen hatten und nun durch die fehlende Schulstruktur völlig ins Trudeln geraten, für sie alle mag sich die Situation weniger gut anfühlen.

    Personalmangel im Bildungssektor rächt sich

    Prüfungsrelevante Schulklassen werden am Montag oder spätestens am 4. Mai wieder öffnen - unter strengen Hygieneauflagen, die erst einmal für Chaos sorgen dürften. Aktuell wird eine Maskenpflicht an Schulen diskutiert, obwohl die Versorgung mit Masken im Handel immer noch nicht flächendeckend und vor allem ausreichend funktioniert. Problematisch ist auch die Personalsituation. Wenn nur halb so große Klassen erlaubt werden, erfordert dies doppelt so viel Personal und Raumkapazität. Allerdings gab es in der Pädagogik und in der Erziehung schon vor Corona ein Personalproblem. Hinzu kommt, vor allem im Osten, eine gewisse Überalterung bei Lehrern und Erziehern. Was sonst aufgrund der Erfahrung der Fachkräfte ein Vorteil gewesen sein mag, erweist sich nun als Problem, da die Über-Sechzig-Jährigen zur ausgewiesenen Risikogruppe der Krankheit zählen.

    Kinder „vor allem als Erziehungs- und Betreuungsobjekte“

    Kitaöffnungen wurden dagegen bisher nicht beschlossen. Im Gegenteil, die als Regierungsberaterin fungierende Akademie „Leopoldina“ hat sich für ein Kitaverbot bis Anfang August ausgesprochen. Aus Sicht des Sozialethikers Peter Dabrock ist dies „Wahnsinn“, so Dabrock auf Twitter. Die Empfehlung sehe Kinder „vor allem als Erziehungs- und Betreuungsobjekte“. Dabei gehe es in Kitas auch um „Begegnungen, Freude, Freundschaft“, so der ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrats auf Twitter.

    „Kitas haben einen Bildungsauftrag“

    Nicht nur Ethiker, Pädagogen und Eltern gehen auf die Barrikaden, auch Psychologen warnen vor den Folgen der Kontaktsperre für die Alten, aber auch für die Kinder. So starteten 44 Wissenschaftler einen Aufruf als Reaktion auf die Kitaempfehlung der „Leopoldina“. Sie fordern, man solle die "jüngsten Kinder nicht pauschal im Lockdown verharren lassen". Die Initiatorin des Aufrufs, die Psychologin Mareike Kunter sagte der „Zeit“:

    „Kitas haben einen Bildungsauftrag. Kindern werden gerade ohne Bedenken pädagogische Angebote entzogen, die wir bisher für so unerlässlich für ihre Entwicklung hielten. Stattdessen leben die Kinder nun über einen langen Zeitraum völlig abgeschnitten von ihren sozialen Kontakten, verpassen Lerngelegenheiten und damit auch Entwicklungsschritte.“

    Die Psychologin, die, ähnlich wie der Autor dieser Zeilen, gerade mit dreijährigen Zwillingen im Home-Office arbeitet, erzählt im „Zeit“-Interview aus ihrer eigenen Erfahrung: „Die Kleinsten erfordern so viel Betreuung, die kann man nicht einfach eine Stunde an die Hausaufgaben setzen oder ihnen sagen: Lies doch mal ein Buch! Jüngere Kinder sind ständig präsent, die brauchen permanente Aufmerksamkeit.“

    Trostpflaster „Kita-Notbetreuung“

    Um den Unmut, der sich nach dem Schock einer möglichen Kitaschließung bis August bei den jungen Familien mit Kleinkindern regte, etwas abzupuffern, wird ab kommenden Montag die Gruppe der Eltern mit Anspruch auf Kita-Notbetreuung um einige Berufsgruppen und generell um Alleinerziehende erweitert. Auch reicht es jetzt aus, wenn ein Elternteil in einem sogenannten systemrelevanten Beruf tätig ist. Trotzdem herrscht Unverständnis bei den arbeitenden Kitaeltern. So tagt nun eine länderübergreifende Arbeitsgruppe unter Leitung von Familienministerin Franziska Giffey, um vielleicht doch noch eine Lösung für eine zumindest teilweise oder schrittweise Kita-Öffnung zu finden. Die Vorstellung von einem weiteren Vierteljahr Home-Office mit lärmenden kleinen Kindern dürfte für viele Eltern schwer zu ertragen sein.

    Kinder erkranken selten und meist mild an Corona

    Es ist viel berichtet worden zu Risikogruppen, also vor allem zu Alten und Kranken, und deren Gefährdung durch Covid-19. Allerdings gibt es zu kaum einem Thema so widersprüchliche Angaben wie zur Übertragungshäufigkeit von Corona unter Kindern. Etwas mehr erforscht ist bisher der Krankheitsverlauf bei Kindern. Hier herrscht weitestgehend Einigkeit darüber, dass Kinder sich wohl eher selten mit Corona anstecken und dass die Krankheit bei den meisten Kindern mild verläuft. Andere Atemwegserkrankungen verlaufen bei Kindern oft aggressiver. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen, und es gab weltweit auch Säuglinge, Kleinkinder, Kinder und Jugendliche, die an Covid-19 gestorben sind. Statistisch ist dies allerdings die Ausnahme.

    Eine befreundete Kinderärztin aus Moskau, deren Krankenhaus zum Corona-Krankenhaus umfunktioniert wurde und die nun täglich mit Corona-Patienten zu tun hat, berichtete mir: „Kinder stecken Corona sehr gut weg. Selbst, wenn es in einem seltenen Fall einmal bis zu einer Lungenentzündung kommen sollte, erholen sie sich relativ schnell wieder. Die meisten Kinder zeigen nur sehr milde Symptome.“

    Stecken sich Kinder so häufig an wie Erwachsene?

    Was besagen Studien zur Ansteckung und zum Krankheitsverlauf durch Corona bei Kindern? Hier findet sich die gesamte Bandbreite, von hoher Ansteckung bis hin zu keinem Infektionsrisiko.
    Bereits Anfang März hatte ein internationales Forscherteam sich in einer ausführlichen Studie dieser Frage gewidmet. Die Wissenschaftler kamen zu der Erkenntnis, dass sich Kinder ebenso häufig mit dem Erreger anstecken wie Erwachsene. Allerdings entwickeln sie keine oder nur leichte Symptome. Für die Analyse hatten die Forscher Patientendaten aus der chinesischen Metropole Shenzhen ausgewertet.

    Isländische Kinder coronafrei

    Zu einem völlig anderen Ergebnis kam Mitte April eine Studie aus Island, bei der immerhin 13.000 Menschen auf Corona getestet wurden. Während bei den Erwachsenen 0,6 Prozent der Frauen und 0,9 Prozent der Männer positiv waren, hatte sich unter den Getesteten nicht ein einziges Kind unter zehn Jahren mit dem Virus angesteckt. Bemerkenswert ist, dass die Ansteckungsrate bei Kindern über zehn Jahren mit 0,8 Prozent im Bereich der Erwachsenen lag. Dies würde wiederum eher für Kitaöffnungen, als für regulären Schulbetrieb sprechen. Jugendliche haben einen viel größeren Kontaktradius, als Kleinkinder, deren Kontaktgruppe relativ gleich ist.

    Die Studie wurde im Fachjournal „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht.

    In Island sind übrigens Kitas und Schulen geöffnet. Das Land hat eine der weltweit geringsten Infektions- und Sterberaten durch Covid-19.

    Nur etwa ein Prozent der Kinder unter zehn Jahren infiziert sich mit Corona

    Auch laut EU-Gesundheitsbehörde ECDC machen Kinder unter 10 Jahren nur knapp ein Prozent der Covid-19-Fälle aus. Bei den 10-19 Jahre alten Kindern und Jugendlichen sind es immerhin vier Prozent. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) liefert ähnliche Daten. Auf zumindest bedeutend geringere Ansteckungsraten, vor allem unter kleinen Kindern, kommen die meisten Studien weltweit. In Deutschland liegt die Ansteckungsquote von Kindern in einem Alter von bis zu 14 Jahren laut Robert Koch-Institut (RKI) nur bei knapp drei Prozent aller Fälle.

    Wer steckt wen an?

    Wenn Großeltern von ihren Enkeln ferngehalten werden, geht es laut Vorgabe von Wissenschaft und Politik vor allem darum, die ältere Generation zu schützen. Allerdings hieß es bereits im März in einem Situationsbericht der WHO: „Daten aus Haushaltsübertragungsstudien in China legen nahe, dass Kinder von Erwachsenen infiziert werden, es aber eher selten umgekehrt passiert". Daten aus Deutschland untermauern diese These. Reinhard Berner, Direktor der Uniklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Dresden, nannte gegenüber dem „Spiegel“ die Zahl von mehr als 80 Prozent der Kinder, die sich bei Eltern oder anderen Familienmitgliedern infizieren, aber nicht umgekehrt. Andere Untersuchungen kamen zu ähnlichen Ergebnissen.

    Neunjähriges Mädchen steckt niemanden an

    Besonders spektakulär ist der wissenschaftlich untersuchte Fall eines neunjährigen Kindes in Frankreich. Obwohl es bereits längere Zeit unentdeckt mit dem Coronavirus infiziert war, hat das Kind trotz eines sehr ausgeprägten Kontaktkreises von 172 Personen, niemanden angesteckt, wie die Fachzeitschrift „Clinical Infectious Diseases“ berichtet. Selbst in der eigenen Familie hat das Kind, das sich bei einem Ski-Kurs infiziert hatte, niemanden, auch nicht die eigenen Geschwister angesteckt.

    Steckt ein Kind 2381 Kinder an?

    Doch was besagt die internationale Studienlage zur Ansteckung mit Corona über Kinder? Hier ließ vor kurzem eine Untersuchung aus den USA die Alarmglocken schellen. Eine Studie der University of Florida legt nahe, dass Kinder nicht nur, genau wie Erwachsene, an Covid-19 erkranken, sondern das Virus auch verstärkt übertragen. Die Forscher hatten berechnet, dass vor den Schul- und Kitaschließungen in den USA jedes Kind, das so stark an COVID-19 erkrankte, dass es im Krankenhaus behandelt werden musste, 2381 Kinder unbemerkt mit dem Virus infiziert hatte. Da in den USA in dem untersuchten Zeitraum zwischen dem 18. März und dem 6. April insgesamt nur 74 Kinder wegen COVID-19 intensivmedizinisch versorgt mussten, schließen die Forscher laut ihrer Berechnung auf eine Dunkelziffer von weiteren 176.190 infizierten Kindern. Auch wenn die Krankheit bei Kindern meist mild verläuft, raten die Forscher aufgrund der Übertragungsgefahr von Kita- und Schulöffnungen ab.

    Kleine Kinder kaum ansteckend

    Die Studienlage ist also bisher äußerst widersprüchlich und verwirrend. Darum schlägt sich die Politik bis zum Vorhandensein eindeutiger Studien lieber auf die sichere Seite, was angesichts der Neuartigkeit des Virus wohl vorläufig akzeptiert werden muss.
    Am meisten Hoffnung kann den Kitaeltern im Moment eine ganz neue Studie aus den Niederlanden machen. Unsere westlichen Nachbarn ziehen zwei bemerkenswerte Schlussfolgerungen aus ihren wissenschaftlichen Studien: Die Forscher kommen erstens zu dem Schluss, dass mit Corona infizierte kleine Kinder kaum ansteckend sind und zweitens, dass, im Gegensatz zu dem WHO-Bericht, anhand der Daten aus China, dass Kinder selbst auch eher selten von Erwachsenen angesteckt werden.

    ​Die Ansteckung geschehe vorwiegend „zwischen Personen eines ähnlichen Alters“, heißt es in der Studie. Die würde den Schluss nahelegen, dass also weder Kinder für die Großeltern besonders gefährlich sind, noch umgekehrt die infizierten Erwachsenen für die Kinder. In der Studie heißt es: „Es ist weniger wahrscheinlich, dass sich Kinder bei Erwachsenen anstecken. Sollte es doch dazu kommen, dann geschieht dies gewöhnlich zuhause. Patienten, die jünger als 20 Jahre sind, spielen allgemein eine viel geringere Rolle bei der Übertragung der Krankheit als Erwachsene und alte Menschen.

    Infizierte Kontakte pro Altersgruppe des Ursprungspatienten
    © Sputnik / Angaben von RIVM
    Infizierte Kontakte pro Altersgruppe des Ursprungspatienten

    Diese Einschätzung wird auch von einer Expertengruppe geteilt, die von der holländischen Regierung eingesetzt wurde. Deren Leiter, Jaap van Dissel, berichtete, dass von 34.000 in den Niederlanden positiv auf Corona getesteten Menschen, nur 147 jünger als 14 Jahre waren Von denen wiederum mussten nur 47 im Krankenhaus behandelt werden.

    „Kinder sind bei der Zahl der Erkrankungen klar unterrepräsentiert. Wir sehen das auch andernorts auf der Welt.“, sagte der Virologe.

    In den Niederlanden werden die Kitas am 11. Mai wieder für alle geöffnet.

    Die Widersprüche häufen sich

    Millionen Kinder und Eltern warten dringend auf Lösungsvorschläge für das Dilemma aus Home-Office und Kinderbetreuung. Zumal sich die Widersprüche häufen. So sind Tierparks in vielen Bundesländern wieder geöffnet, während Spielplätze geschlossen sind. Eltern mit Kindern in Home-Betreuung brauchen angesichts geschlossener Turnhallen, Theater und Kinos dringend Angebote, um den Kindern mal eine Abwechslung zu bieten. Spielplätze, zumal sich diese unter freiem Himmel befinden, wo erwiesenermaßen die Ansteckungsgefahr geringer ist, wären eine große Hilfe. Es ist den Eltern zuzutrauen, dass sie auch hier auf Hygieneregeln achten, mit Feuchttüchern und Desinfektionsmitteln, die sie bei sich haben.

    Kinder als „Virenschleuder?

    Das Vorurteil der Kinder als „Virenschleuder“, das von den Erfahrungen der Mediziner bei anderen Infektionskrankheiten herrührt, wo Kinder durchaus Ansteckungswellen am Laufen halten, scheint für Corona so pauschal nicht haltbar zu sein. Glaubt man der niederländischen Studie, dann ist das Hauptargument gegen Kitaöffnungen, dass kleine Kinder besonders engen Kontakt zu Altersgenossen, Geschwistern und auch Erwachsenen pflegen und noch nicht so viel Einsicht und Disziplin für Distanzregeln besitzen, nicht mehr so relevant. Es wird sich zeigen, welchen Studien und Experten die Regierung bei ihrer nächsten Evaluierung der Lage am meisten Gehör schenken wird.

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    Kinder, Coronavirus