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    Der französische Virologe Luc Montagnier zeigte sich kürzlich davon überzeugt, dass das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 künstlicher Herkunft ist und in einem Labor entwickelt wurde. Der bekannte russische Biologe Alexander Pantschin hält diese Hypothese für falsch und belegt das gründlich. Sputnik hat mit ihm gesprochen.

    So behauptete der 87-jährige Montagnier, der 2008 den Nobelpreis für die Entdeckung des Humanen Immundefizitvirus (HIV) erhalten hatte, in einem Interview mit dem Fernsehsender CNEws, Sars-CoV-2 sei einer Manipulation unterzogen worden. Dem Covid-19-Erreger waren aus seiner Sicht durch die Molekularbiologen HIV-Teilchen zugegeben worden. Möglicherweise habe man einen Impfstoff gegen AIDS entwickeln wollen, so Montagnier. In einem Interview für das Portal „Pourquoi docteur“ meinte er dazu, dieses Virus stamme aus dem Labor in Wuhan.

    Dem russischen Biologen Alexander Pantschin zufolge lassen sich die Behauptungen Montagniers, „der Mythos“, leicht überprüfen. Der 33-Jährige ist leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Moskauer A. A. Kharkevich-Institut für Informationsübertragungsprobleme der Russischen Akademie der Wissenschaften  (RAW) und Mitglied des RAW-Ausschusses für den Kampf gegen Pseudowissenschaft. Seine Beiträge zu den wissenschaftlichen Diskussionen sorgen seit langem für viel Resonanz.

    „Nehmen wir das gesamte Sars-CoV-2-Genom aus dem öffentlichen Zugang und verwenden das Bioinformatikprogramm BLAST, um es mit den HIV-Genomen zu vergleichen“, schreibt Pantschin zu Montagniers Version. „In der Tat kann man kleine ähnliche ‘Ähnlichkeitsinseln’ zwischen Sars-CoV-2 und HIV sehen. Diese ‘Inseln’ haben zwar eine Größe von bis zu vierzig Nukleotiden und eine Reihe von Ersatzbuchstaben <...> BLAST ergibt einen E-Wert von 3,8. Der vereinfachte Sinn dieser Menge ist folgender: Wenn man das Sars-CoV-2-Genom und das HIV-Genom nimmt und alle Nukleotide auf eine bestimmte Weise mischt, dann gibt es im Durchschnitt 3,8 Paare von ‘Inseln’ zwischen zufälligen Genomen, die nicht weniger ähnlich sind als das Sequenzpaar, für das der E-Wert 3,8 erhalten wurde. Kurz gesagt, die Ähnlichkeit liegt innerhalb des Rauschenniveaus. Das Sars-CoV-2-Genom besteht dagegen aus fast 30.000 Nukleotiden.“ 

    Mit dem „öffentlichen Zugang“ meint der Wissenschaftler die internationale Datenbank der Molekularbiologen des US-Instituts NCBI, dessen Webseite auch den Zugang zu BLAST für jeden Interessierten ermöglicht. Wissenschaftliche Teams aus aller Welt tragen in diese Datenbank die von ihnen entschlüsselten Genome jeglicher Art ein, auch Pantschin ist nach eigenen Angaben mit den Kollegen dabei. Die Sputnik-Frage an ihn hieß: Wenn das neuartige Coronavirus mutiert und viele von dessen Genomen entschlüsselt wurden, wie kann sich Pantschin sicher sein, dass seine Methode statistisch korrekt ist?  

    „Ich habe alle in der Datenbank vorhandenen Sars-CoV-2-Genome entsprechend mit all den zugänglichen Sars-CoV-2-Genomen verglichen“, sagt Pantschin gegenüber Sputnik. „Es ist nicht so wichtig, welches Genom Sie nehmen, am Ende ist die Ähnlichkeit zwischen dem des Coronavirus und dem des HIV auf durchschnittlich vier kurze ‘Inseln’ pro Analyse reduziert. Das ist ein Rauschenniveau.“ 

    Das eigentliche Problem an den Behauptungen Montagniers sieht Pantschin darin, dass eine vergleichbare Ähnlichkeit - auch wenn sie sehr gering ist - zwischen dem HIV-Genom und den Genomen anderer Coronaviren festgestellt werden kann. „Zum Beispiel fand ich ähnliche ‘Ähnlichkeitsinseln’ in Fledermaus-Coronaviren RaTG13, in Mers-CoV sowie im humanen Coronavirus-Stamm 229E, das bekannterweise saisonale Erkältungen verursacht“, setzt der Experte fort und fragt zurück: „Das heißt, wenn man Wissenschaftler aufgrund einer gewissen Ähnlichkeit der ‘Züchtung’ des neuartigen Coronavirus beschuldigt, warum dann nicht gleich den nächsten Schritt machen und und sie nicht für die Entstehung aller Coronaviren verantwortlich machen, einschließlich der aus dem vergangenen Jahrhundert?“

    Die Hypothese von HIV-Sequenzen im Sars-CoV-2-Genom wurde bereits von Fachleuten eingehend untersucht, beispielsweise in einem Artikel vom 14. Februar der Zeitschrift „Emerging Microbes and Infections“ unter dem Titel „HIV-1 did not contribute to the 2019-nCoV genome“ - Deutsch: „HIV-1 hat nicht zum Genom von 2019-nCoV beigetragen“. Da ist ebenso implementiert, dass mutmaßliche HIV-Fragmente im Sars-CoV-2-Genom Fragmenten des Genoms anderer Coronaviren ähnlich sind. Nach Pantschin heißt es: Unabhängig davon, ob die Ähnlichkeit des neuartigen Coronavirus mit dem HIV zufällig ist oder nicht, waren die ‘Ähnlichkeitsinseln’ nicht durch die Gentechniker in das neuartige Coronavirus übertragen worden, sondern waren von den älteren Coronaviren geerbt. 

    Mit seiner Methode will Pantschin die wissenschaftliche Autorität Montagniers wohl nicht in Frage stellen, meint jedoch in einem Artikel: „Es kommt vor, dass sogar prominente Wissenschaftler mal Unsinn reden. Zweimal bot Nobelpreis-Chemiker Linus Pauling  an, Krebs mit Ascorbinsäure zu behandeln. Nobelpreisträger Kary Mullis glaubte an die Astrologie und bestritt die Rolle von HIV bei der Entwicklung von AIDS, für deren Entdeckung Montagnier den Nobelpreis erhielt.“ Montagnier selbst unterstellt der junge Wissenschaftler mal „seltsame Behauptungen“ wie etwa über die DNA-Homöopathie.

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    Tags:
    Russische Akademie der Wissenschaften, Nobelpreis, Coronavirus