01:49 11 Juli 2020
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    Als Russlands Präsident Wladimir Putin kürzlich wegen des Coronavirus die Feierlichkeiten am 9. Mai vorerst absagte, freute sich die TAZ über das Scheitern der „pompösen Show“. Auch andere Medien prangerten den „Erinnerungsreigen“ an. Historiker Erich Später zeigt sich kritisch und liefert Argumente gegen die „Ausschüttung von Hohn und Spott“.

    „Es sollte groß werden, pompös, eine Riesenparty. Noch größer, noch pompöser, noch riesiger als je zuvor“, schrieb die TAZ-Autorin Inna Hartwich über die in Russland kürzlich verschobenen Feierlichkeiten anlässlich des 75. Jahrestages des Sieges über NS-Deutschland. Die Vorbereitungen bzw. die Durchführung seien aufgrund der Risiken im Zusammenhang mit der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus unmöglich, argumentierte man die Entscheidung. In der TAZ-Wahrnehmung hieß es, Putin sei „die Show gestohlen“ worden. „Der Krieg, dieser Große Vaterländische, der bittere, der verlustreiche, er ist seit 75 Jahren zu Ende. Die Sieger wollten feiern. Wollten sich vereint und stark und unbesiegbar zeigen. Panzer, Raketen, Soldaten in allerlei Formationen.“ Bei dem Aufmarsch würden Opfer und Gewalt in den Hintergrund treten, behauptet die Autorin. Dabei reduziert sie alle in Russland beliebten Gedenkformen – wie etwa das Unsterbliche Regiment – lediglich auf die Militärparade, die „Show“.

    Für den deutschen Historiker Erich Später handelt es sich um „eine billige Verhöhnung des Gedenkens“. Hartwich ziehe für ihre Begriffe nicht einmal in Erwägung, dass die Feierlichkeiten zum 9. Mai Ausdruck einer legitimen und würdigen Erinnerung sind. „Diesmal ist es Corona und die Innenpolitik Putins, die dafür herhalten müssen, Hohn und Spott über das Gedenken für die 27 Millionen Opfer des deutschen Vernichtungskrieges auszuschütten“, meint Später gegenüber Sputnik. „In Israel sieht man das natürlich anders. Dort wird der Kampf der Roten Armee geehrt in dem Wissen, dass alle Juden in Europa ohne den sowjetischen Sieg vernichtet worden wären.“

    Auch für die FAZ stehen „Putins geopolitische Bemühungen“ im Vordergrund des verschobenen „Erinnerungsreigens“. Dass Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron dieses Jahr überhaupt zusagte, ist nach der Logik des Autors Friedrich Schmidt ein geopolitischer Triumph Putins, denn noch „vor fünf Jahren war kein westlicher Staats- und Regierungschef zur Parade nach Moskau gekommen“. „Putins Triumph fällt aus“, resümierte die Schwäbische Zeitung – wieder mit Blick auf die „Putin-Parade“ auf dem Roten Platz. 

    Dabei hat sich die Siegesparade vom 9. Mai in Russland nicht „seit Putin“, sondern schon seit 1995 – nach dem Zerfall der Sowjetunion – als jährliche Tradition etabliert. Zum gesetzlichen Feiertag wurde der 9. Mai mit der großen Parade schon 1965, alljährlich fand auch die Militärparade am 7. November zum Jahrestag der Oktoberrevolution statt, die zur Stärkung der Moral selbst 1941 im Kriegs-Moskau abgehalten wurde. So ist die Militärparade an sich in die Kultur der Volkstrauer und des Gedenkens der Russen eingebettet. Da der sowjetische Staat bzw. das russische Volk ohne die Armee vernichtet worden wären, sei solch eine Tradition „absolut nachvollziehbar“, so Später.

    Ein offizielles staatliches Gepräge hätten natürlich alle Militärparaden, erklärt der Historiker weiter. Frankreich begeht am 14. Juli den Nationalfeiertag ebenso mit einer großen Militärparade in der Pariser Champs-Elysées. Sie sei aber nicht rein militaristisch und staatlich, obwohl die Politiker damit nebenbei auch Politik machen würden, sagt Später. „Für Russland scheint diese Kultur nicht von Stolz auf militaristische Tugenden geprägt zu sein, sondern auf den Sieg über den Nationalsozialismus, und zwar infolge einer Kriegskoalition mit den westlichen Demokratien.“ Das sei keine rein staatliche Putin-Veranstaltung, so Später.

    In Berlin war für den 8. Mai zwar der sogenannte Staatsakt angekündigt, wegen der Ausbreitung des Coronavirus später allerdings abgesagt worden. Erwartet hatte man auf dem Platz der Republik die Staatsspitze samt Präsident Frank Walter Steinmeier – ein einzigartiges Ereignis. Bundeskanzlerin Angela Merkel vermeidet die Feierlichkeiten in Moskau seit Jahren. Liegt es an den Militärs, hätte sie stattdessen am Unsterblichen Regiment – dem Marsch zum Gedenken an Kriegsbetroffene – teilnehmen können. Doch sie macht es nicht.

    „Es sind im kollektiven Unterbewusstsein vieler Deutscher immer noch die Niederlage und die Überzeugung von angeblichen Verbrechen der Russen auf dem Vormarsch in Ostdeutschland verankert“, vermutet Später. „Deutschland sagt: Nie wieder Krieg, nicht zuletzt, weil man verloren hat. Russland meint, ohne das Militär, die Volksmobilisierung, die letzte Kraftanstrengung wären wir untergegangen.“ Später weiter: Man könnte jetzt natürlich sagen, die Bundesrepublik sei jetzt so zivilisiert und habe damit nichts zu tun. „Doch wer hat diese Standards der Zivilisation wieder eingeführt, wenn nicht die Rote Armee und die Anti-Hitler-Koalition?“, fragt der Historiker zurück. Es habe in Deutschland bis in die 1980er Jahre gedauert, überhaupt zumindest den 8. Mai als positiven Tag durchzusetzen.

    Was wäre die deutsche Antwort auf die so unbequeme russische Erinnerungskultur? „Wenn einem alles auf die Nerven geht in Moskau, wären da eigene Gedenkveranstaltungen an den Massengräbern sowjetischer Kriegsgefangenen in der Lüneburger Heide oder an der Schwarzen Wand in Sachsenhausen eine Antwort der Bundesrepublik. Es kommen aber keine Ministerpräsidenten, es wird nicht an die im Vernichtungskrieg ermordeten Zivilisten sowie Zehntausende erschossene Zwangsarbeiter gedacht.“ Und der Staatsakt am 8. Mai? „Wollen wir ehrlich sein, wer kennt das? Ich war 2015 bei den Feierlichkeiten zum 70 Jahrestag im Berliner Tiergarten, da war kein deutscher Staat da, sondern es war eher eine Beschäftigung der deutschen Zivilisten und eine ungeheure Menge an russischen Bürgern. Auch habe ich da keinen Chauvinismus gesehen, sondern würdige Trauer und Gedenken, die über die Generationen übergeben wird.“

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    Tags:
    Wladimir Putin, Zweiter Weltkrieg, Russland, Moskau, Siegestag