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    Der 75. Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus wird von einer EU-Resolution überschattet. Darin wird der Hitler-Stalin-Pakt als Ursache für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bezeichnet. Kritik, aber auch Verständnis zu dem Entschluss äußern Historiker. Der Chef des „Deutsch-Russischen Forums“ Platzeck warnt vor Änderung der Gedenkpolitik.

    Am 19. September 2019 genehmigte das EU-Parlament mit 535 Ja- und 66 Nein-Stimmen bei 52 Enthaltungen eine umstrittene Resolution - die „Entschließung des Europäischen Parlaments zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs und zur Bedeutung des europäischen Geschichtsbewusstseins für die Zukunft Europas“. Unter anderem stellte das Europäische Parlament darin fest, dass der Nichtangriffspakt zwischen der Sowjetunion und dem nationalsozialistischen Deutschen Reich - bekannt als Molotow-Ribbentrop-Pakt oder Hitler-Stalin-Pakt sowie dessen Geheimprotokolle dem Zweiten Weltkrieg den Weg bereitet hätte.

    Weiterhin heißt es darin, „dass die Bestrebungen des Westens, die totalitären Regime politisch zu beschwichtigen, dazu führten, dass – wie in Locarno und München – Entscheidungen getroffen wurden, ohne die mittel- und osteuropäischen Staaten zu konsultieren, was die Schwäche des Westens gegenüber diesen Regimen verdeutlicht und dass dadurch der Weg für den Ribbentrop-Molotow-Pakt geebnet wurde, der wiederum zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs führte“.

    Die Resolution im EU-Parlament wurde von insgesamt 19 Mitgliedern des Parlaments eingebracht - 18 davon aus Polen und ein Mitglied aus Lettland. Dem Entschluss ging eine Erklärung von Polen, Estland, Lettland, Litauen und Rumänien am 23. August 2019 voran, in der die fünf Staaten eine „laufende historische Untersuchung totalitärer Regime“ gefordert hatten.

    Das polnische Parlament folgte dem EU-Beschluss und verabschiedete am 9. Januar eine Resolution, derzufolge die Sowjetunion zusammen mit Hitlerdeutschland für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verantwortlich gewesen sei. Das estnische Parlament hatte im Februar eine ähnliche Erklärung abgegeben.

    Zwischen Verständnis und Unmut

    Nicht nur in Russland stößt eine derartige Geschichtsinterpretation auf Unmut kurz vor dem 75. Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland. Am 8. und 9. Mai wird an diesem Tag in der ganzen Welt der Opfer des Großen Vaterländischen Krieges gedacht.

    Matthias Platzeck, Vorsitzender des „Deutsch-Russischen Forums“ (DRF) hält diese Resolution für eine „höchstschwierige Deutung“ des Verlaufs des Zweiten Weltkrieges.

    „Wenn man die Entstehung dieser Resolution sieht und den Text der Resolution, dann kann man vermuten, wenn man es auf der Zeitachse fortzeichnet, dass in zwei drei Jahren Russland als Alleinverantwortlicher für den Zweiten Weltkrieg erklärt wird“, sagte er in einer Online-Konferenz mit Vertretern des „Vereins der Ausländischen Presse in Deutschland“ (VAP).

    Platzeck wies darauf hin, dass das Abkommen für Moskau damals ein Punkt war, den „eventuell zu erwartenden Krieg“ weiter hinauszuschieben. „Aber natürlich spielte auch der Landgewinn im Westen der Sowjetunion dabei eine Rolle.“

    Dabei bringt er Verständnis für Empörung über den sogenannten „Hitler-Stalin-Pakt“ auf. Er verstehe jeden in Polen, der dieses Abkommen als eine absolute Zumutung empfinde. „Ich halte dieses Abkommen für verwerflich, ohne aber die Vorgeschichte zu berücksichtigen, ist es nicht einzuordnen“, so der DRF-Chef.

    Wandel in der Erinnerungsdebatte

    Zudem beobachte der SPD-Politiker derzeit - medial dargestellt, als auch de facto, wie sich „Gedenkpolitik“ verändere. Dabei nehme er eine „Hauptrichtung“ wahr: „Nämlich die Rolle der Roten Armee, die die Hauptlastträgerin des Zweiten Weltkrieges und des Sieges über den Faschismus war, Stück für Stück herunterzufahren. Und solche Ereignisse - wir konnten es gerade wieder erleben - wie die Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 oder die Schlacht in den Ardennen im Jahreswechsel 1944/1945 plötzlich zu den entscheidenden Ereignissen und Schlachten im Zweiten Weltkrieg gemacht werden. Man lässt immer mehr aus, dass die Entscheidung des Zweiten Weltkriegs vor Moskau, vor Stalingrad, bei der Panzerschlacht von Kursk und bei anderen Ereignissen gefallen sind. Da gibt es so eine Tendenz. Und die halte ich für bedenklich.“

    So solle der 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus nochmal Anlass bieten, ganz klar zu sagen, „dass die Hauptlast des Sieges über den Faschismus ohne Wenn und Aber die Rote Armee getragen hat, was übrigens für Churchill und Theodore Roosevelt und andere damals völlig klar war“, betont der ehemalige Ministerpräsident von Brandenburg.

    Auch der Historiker Jörg Morré vom „Museum Berlin-Karlshorst“ sieht einen Wandel in der Erinnerungsdebatte und stellt fest, dass die Diskussion um Erinnern und um die Nachkriegszeit seit der EU-Erweiterung durch osteuropäische Länder ganz anderes geführt werde. „Hier hängt tatsächlich Kriegszeit und Nachkriegszeit zusammen.“ So sei die Haltung in den baltischen Ländern und vor allen Dingen in Polen nur dann zu verstehen, wenn man die polnische nationalstaatliche Entwicklung nach 1945 mit im Blick behalte, sagte Morré gegenüber der ausländischen Presse. Das sei in Deutschland lange Zeit verkannt worden, werde gerne in der Russischen Föderation ausgeblendet und führe zu Verbitterung.

    Hatte sich Stalin verrechnet?

    Als „politische Diskussion und keine Fachdiskussion von Historikern“, bezeichnet der Historiker den EU-Entschluss. „Ich hätte die Resolution so nicht formuliert. Es ist viel zu kurzgefasst, wenn man sagt, diejenigen, die da 1939 diesen Hitler-Stalin-Pakt schließen, haben den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen. So ist es natürlich nicht“, stellt der Museumsdirektor klar.

    Dieser Pakt sei ein Wendepunkt, weil er Möglichkeiten für die Wehrmacht eröffnet habe, die dann sofort genutzt worden seien. Deswegen habe auch bald - am 1. September 1939 - nach der Unterzeichnung des Pakts am 23. August 1939, der Krieg begonnen.

    „In historischer Sicht muss man natürlich sagen, so dumm war die sowjetische Regierung natürlich nicht, dass sie diesen Zusammenhang nicht gesehen hätte. Sie hat sich da eben Chancen ausgerechnet und wenn man sieht, dass dann im Juni 1941 die Sowjetunion ganz grauenvoll überfallen wird und da überhaupt nicht darauf vorbereitet ist, hat sich Stalin letztendlich verrechnet. Aber das sind natürlich alles Geschichtsinterpretationen, die aber aus meiner Sicht nicht in einem Parlament geführt werden sollten“, so der Forscher.

    „Hitler brauchte den Krieg, nicht die UdSSR“

    Ähnlich äußert sich der Historiker Björn Weigel, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Organisation „Kulturprojekte Berlin“. In einer VAP-Konferenz verweist er dabei auf einen anderen Aspekt:

    „Was in dieser Resolution nicht drinsteht, was es eben zu einem politischen Dokument macht und zu keinem geschichtswissenschaftlichen, ist eben, das Dritte Reich brauchte diesen Krieg und hat deshalb einen Pakt geschlossen, damit es sich absichert. Das Dritte Reich brauchte zur Finanzierung der Ausrüstung diesen Krieg, nicht die Sowjetunion“.

    Der russische Präsident Wladimir Putin kritisierte im Dezember vergangenen Jahres den europäischen Vorstoß. In einer Sitzung des russischen Verteidigungsministeriums äußerte er sich ungewöhnlich scharf zu Josef Lipski, dem polnischen Botschafter in Berlin in den Jahren 1933 bis 1939. Er bezeichnete ihn als einen „Lumpen und ein antisemitisches Schwein“, da sich der damalige polnische Diplomat „mit Hitler in seinen antisemitischen Gesinnungen solidarisiert“ und versprochen habe, Hitler zu Ehren ein Denkmal in Warschau zu errichten.

    Zudem hatte Putin in seiner großen Pressekonferenz am 19. Dezember erklärt, die sowjetischen Truppen seien erst in Polen einmarschiert, nachdem die polnische Regierung die „Kontrolle über ihre Streitkräfte und über die Geschehnisse auf dem Territorium des Landes” verloren habe. Die polnische Regierung habe sich zu jenem Zeitpunkt irgendwo in der Nähe der polnisch-rumänischen Grenze befunden. Daher habe man nicht einmal einen Ansprechpartner gehabt.

    In der Sitzung der Spitzenpolitiker der GUS-Staaten am nächsten Tag erinnerte der russische Staatschef zudem an das Münchner Abkommen von 1938 und an die Beteiligung Polens an der Aufteilung der Tschechoslowakei.

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    Josef Stalin, Schlacht um Stalingrad, Stalingrad, Adolf Hitler, Hitler, Lettland, Estland, Gerichte in Polen, Polen, EU, Jorg Morré, Jörg Morrè, Matthias Platzeck, Mathias Platzeck, 70. Jahrestag des Sieges, Tag des Sieges, 9. Mai