20:16 05 August 2020
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    „Die Russen kommen!“ Der vierjährige Uwe Trostel hätte im April 1945 seitens der sowjetischen Soldaten alle Gräuel der Welt erwarten können. Jedoch erwies sich die erste Begegnung ganz anders als traumatisch. Gestützt auf die Erzählungen seiner Mutter, erinnert sich der 79-Jährige für Sputnik an das friedliche Nebeneinander bis zum 9. Mai.

    Ende April 1945 in Hanichen bei Reichenberg, Tschechien. Das Wetter ist scheußlich kalt, tagsüber bin ich mit der Mutter oftmals bei den Großeltern. Das neue Haus ist bewohnt, die Eltern hatten es 1938 bauen lassen und auch im gleichen Jahr bezogen. Im oberen Stock wohnen weitläufig Verwandte; unter dem Dach eine tschechische Hebamme, Frau Berek.

    Durch den Aufenthalt bei den Großeltern wird Heizung gespart, zudem gibt es immer etwas zu essen, wenngleich nicht ausreichend, so dass Hunger ein ständiger Begleiter ist. Aus Richtung Osten kommen ständig deutsche Soldaten, sie marodieren auch durch Hanichen auf der Suche nach etwas Essbarem oder nach etwas zum Anziehen, um die Uniform endlich loszuwerden. Mutter hat ihnen ein paar alte Sachen des Vaters gegeben, der selbst im Krieg ist und von dem es seit 1943 keine Nachricht mehr gibt. Immer wieder, wenn so ein versprengter Trupp zerlumpter, hungernder und frierender deutscher Soldaten auftaucht, erwacht in Mutter ein Fünkchen Hoffnung, dass der Vater vielleicht dabei sein könnte. Die Hoffnung erlischt dann aber immer genau so schnell, wie sie aufgekeimt ist.

    Mutter fragt als erstes, woher die Flüchtenden kämen, immer in der Erwartung, dass sie etwas vom Vater erzählen könnten. Doch das ist nie der Fall. Schlimmer noch, die Soldaten raten der Mutter, dass sie so schnell wie möglich ins Reich, möglichst weit nach Westen, flüchten solle, denn es könne sich nur noch um wenige Wochen, wenn nicht sogar Tage handeln, dass die Russen eintreffen würden.

    Und dann würde das Schlimmste passieren, was man sich überhaupt vorstellen kann: Sie bringen wahllos Deutsche um, vergewaltigen die Frauen, plündern und brandschatzen.

    Die Soldaten gerieten nahezu in Panik, wenn sie von den zu erwartenden Gräueln berichteten, die von den Russen ausgehen werden, immer mit dem Rat an Mutter, so schnell wie möglich nach Westen „abzuhauen“. Nun hatten wir aber im „Reich“ keine Verwandten oder Bekannten, zu denen wir hätten flüchten und die uns eine Bleibe gewähren könnten.

    So vergingen die Tage in immer gleichem Takt: die Großeltern besuchen, nach deutschen Soldaten Ausschau halten, Schlange vor der Fleischerei Tuschinsky stehen – wenn dort geöffnet wurde, was wegen mangelnder Lieferung ohnehin selten genug der Fall war.

    Eines Tages, Mutter hielt aus der „Arche“ Ausschau nach deutschen Soldaten und vor allem nach dem Vater, schrie sie plötzlich leise auf: „Die Russen kommen.“ Mutter beobachtete angespannt, um erneut aufzuschreien: „Sie besetzen unser Haus.“ Das Haus war 1938 gebaut, noch nicht verputzt und stand nahe an dem Wald, aus dem der Pulk der Russen kam.

    Den Russen schien unser Haus bestens als Quartier geeignet. In dem eingezäunten großen Garten konnten sie Zelte für die Mannschaft aufbauen, ihre Pferde und Wagen abstellen und zwei von Pferden gezogene Kanonen in Stellung bringen. Im Haus selbst bezogen die drei Offiziere zwei Zimmer: der Kommandierende das Wohnzimmer und zwei weitere das Schlafzimmer der Eltern.

    Am späten Nachmittag musste eine Entscheidung bezüglich unseres weiteren Verbleibs getroffen werden. Bei den Großeltern wäre Schlafen mit großer Unbequemlichkeit verbunden gewesen. Aus einer Mischung von Verzweiflung, Trotz und Angst fasste mich Mutter bei der Hand und zog mich, da ich mich heftig sträubte, zum Haus. Vor dem Eingang standen zwei Soldaten der Roten Armee mit Gewehren, die sie bei unserer Annäherung auch sofort in Anschlag brachten. Mutter sagte mit ziemlich kläglicher Stimme, dass dies unser Haus sei und wir in die Wohnung wollten. Die Soldaten verstanden natürlich nichts, da aber Mutter immer hartnäckiger Einlass forderte, ermutigt durch die ausbleibenden Gewaltreaktionen der beiden Russen, wurde schließlich der Kommandant geholt. Dieser kam, fragte ziemlich barsch, aber in gutem Deutsch, was wir denn wollten. Mutter erklärte ihm, dass dies unser Haus sei und wir in die Wohnung wollten. Der Offizier überlegte eine Weile. Schließlich sagte er, dass wir ein Zimmer bekommen; ansonsten seien das ganze Haus und der Garten für unbestimmte Zeit beschlagnahmt. Wir hätten uns allen seinen Anordnungen zu fügen, um schwere Strafen zu vermeiden.

    Mutter und ich schliefen unruhig; am nächsten Morgen sahen wir das geschäftige Treiben der Russen durch das Fenster. Sie fütterten ihre Pferde und einen furchtbar aussehenden, aber angebundenen Hund, holten Kohle aus unserem Keller und Holz aus dem nahen Wald und erledigten viele weitere Dinge. Klar erkennbar war, dass sie sich für längere Zeit einrichteten. Die Offiziere hatten die Möbel umgestellt; die Mannschaften hatten im Garten drei oder vier Zelte aufgebaut. Insgesamt mögen es etwa 20 bis 25 Soldaten gewesen sein.

    Am Vormittag brachten drei Soldaten eine Gulaschkanone in Stellung, machten Feuer, holten Wasser und rührten in das Wasser Zutaten, die aus dem Fenster nicht eindeutig definierbar waren. Nach einer ganzen Weile – die Gulaschkanone rauchte mittlerweile heftig aus dem Schornstein und begann, aus dem Kessel zu dampfen, wodurch ein verführerischer Geruch verbreitet wurde – begannen die Soldaten, ausgerüstet mit Kochgeschirren, eine Reihe vor dem dampfenden Kessel zu bilden. Mutter hatte inzwischen ein kleines Stück Brot mit etwas Margarine bestrichen, was wir vor lauter Hunger schon lange vor Mittag förmlich verschlungen hatten. Der aus der Gulaschkanone strömende Duft steigerte unser Hungergefühl ins Unerträgliche. Mehr oder weniger ohnmächtig beobachteten wir beide, wie die Schlange mit Essgeschirren bewaffneter Solodaten vor dem Kessel immer länger wurde. Mutter war am Verzweifeln; da drückte sie mir ein Kochgeschirr in die Hand und schubste mich fast an das Ende der Reihe der anstehenden Soldaten.

    Die Reaktion dieser war anders als erwartet. Musste doch befürchtet werden, dass sie sofort gegen den zusätzlichen Hungerleider protestieren würden. Aber im Gegenteil. Plötzlich ging ein Gejohle los, der Letzte hob mich über seine Schulter zu dem vor ihm Stehenden; und so ging das, immer unter Gejohle und Gepfeife, fort, bis ich plötzlich als erster an der Gulaschkanone stand.

    Die Suppe war noch nicht ganz fertig, ich musste also noch etwas warten. Die Soldaten redeten auf mich ein, aber ich verstand kein Wort russisch. Erlöst wurde ich von dieser mir peinlichen Situation, als mir der Koch den Topf aus der Hand nahm, ihn randvoll mit duftender Suppe füllte und – auf russisch – guten Appetit (Priatnowa appetita) wünschte. Schnell lief ich zur Mutter, die über das ganze Gesicht strahlte, und wir ließen uns die köstliche russische Suppe gut schmecken und waren seit sehr langer Zeit endlich wieder einmal richtig satt.

    Bei dem großen Fressen hatten wir aber eine schwere Sünde begangen; die Großmutter war ja auch noch da, und wir hatten sie buchstäblich vergessen. Meine Mutter wartete, bis der letzte Russe sein Essgeschirr voll hatte, und ging nun, ziemlich mutig, zu dem Koch, zeigte auf den Topf und rief immer wieder „Babuschka, Babuschka…“ Der Koch verstand, kratze im Kessel und kippte eine volle Portion in den Topf. So hat sich auch die Großmutter seit langem wieder einmal satt gegessen.

    Die Russen blieben, es gab keinerlei Anstalten, dass sie sich weiter am Krieg beteiligen würden. Aus den wild in der Luft umherschwirrenden Gerüchten war zu entnehmen, dass die Russen vor Berlin standen und der Krieg wohl bald vorbei sein würde. Wir bekamen nun täglich unsere Portion zu Mittag; nicht sehr üppig, aber geschmeckt hat es wie eine Delikatesse.

    Mutter fing plötzlich an davon zu sprechen, dass der Krieg noch eine Weile dauern könnte, dann hätten wir wenigstens etwas zum Essen. Am 5. oder 6. Tag der Einquartierung bemerkte Mutter plötzlich, dass sämtliches Geschirr, die Bettwäsche, Handtücher und weiteres nicht mehr am Platz war; die Russen hatten das alles geklaut. Heulend lief sie zu dem Offizier und beklagte sich über diese Missetat seiner Soldaten. Der Offizier war nicht gerade sehr freundlich; herrisch verlangte er, dass sie alles, was fehlt, aufschreiben und ihm den Zettel bringen soll. Mit zittrigen Händen schrieb sie also die Anzahl der Bestecke, der Betttücher, Laken, Handtücher usw. auf und gab dem Offizier diesen Zettel. Der zog seine Pistole, lief in den Garten, wo die Soldaten ihre Zelte hatten, richtete den Lauf der Pistole in das Zeltinnere und schrie dabei etwas, was wir natürlich nicht verstehen konnten. Und plötzlich wurden aus dem Zelt Handtücher, Tassen, Bestecke u. ä. herausgeworfen. Der Vorgang wiederholte sich bei allen Zelten; wie viele das waren, ist uns zwischenzeitlich entfallen. Der Offizier befahl meiner Mutter, alles aufzusammeln, zu kontrollieren, ob alles da sei, und ihn über das Ergebnis zu informieren. Mutter, immer noch zittrig, zählte alles und stellte fest, dass nichts fehlte. Sie lief zu dem Offizier, sagte diesem, dass alles da sei, und bedankte sich.

    Da fing der Offizier zum ersten Mal an, etwas aus seinem Leben zu erzählen.

    Er sei Direktor eines Musikkonservatoriums in Odessa, trat als Solist in Klavierkonzerten auf und sehnte das Ende des Krieges herbei. Gleichfalls zum ersten Mal (Radio hatten wir und die Nachbarn nicht) informierte er uns, dass der Krieg nur noch Tage dauern könne. Sowjetische Truppen befänden sich bereits in der Nähe des Hitlerbunkers und würden diesen wohl in den nächsten Tagen einnehmen.

    Zwei oder drei Tage später, es war der 8. Mai, begann plötzlich ein unbeschreiblicher Jubel unter den Russen. Immer wieder schrien sie „Hurra, hurra…“ und Ähnliches, was wir aber nicht verstanden. Der Kommandierende stand mitten unter ihnen, vor sich ein Korb voller Flaschen, die er triumphierend an die Soldaten ausgab.

    Als er meine Mutter sah, gab er ihr auch eine Flasche und befahl, auf den sowjetischen Sieg über den Hitlerfaschismus zu trinken.

    Er hatte plötzlich mehrere Biergläser in der Hand, die bis zum Rand mit Wodka gefüllt waren. Eines musste meine Mutter trinken, die sich aber gleich nach den ersten Schlucken unter dem Gejohle der Russen jämmerlich erbrach.

    Die Russen soffen bis in die Nacht, sangen melancholische Lieder und fielen der Reihe nach um. Erstaunlicherweise waren sie am nächsten späten Vormittag aber wieder wach. Der Offizier ließ sie in einer Reihe antreten, hielt eine Rede, von der wir immer nur etwa wie Faschismus verstanden, und zeichnete einige seiner Leute mit Orden aus, die er ihnen an die Brust heftete.

    Nach der Rede begannen die Soldaten wiederum, russische Lieder zu singen, dieses Mal jedoch außergewöhnlich melodiös, musikalisch und noch viel melancholischer als am Tage zuvor während des Besäufnisses. Dem meisten liefen Tränen über das Gesicht, und plötzlich musste meine Mutter auch heulen, und weil ich nicht wusste, warum fast alle heulen, heulte ich eben mit.

    Der Offizier, offensichtlich im Bestreben, meine Mutter zu trösten, fing an auf meine Mutter einzureden. Der Sinn seiner ziemlich langen Rede bestand darin, dass er meiner Mutter versuchte klar zu machen, dass Deutschland und die Deutschen und schon gar nicht die Kinder irgendeine Perspektive haben würden. Er habe deshalb beschlossen, mich mit in seine Heimat nach Odessa zu nehmen. Dort würde ich an Kindes statt aufgenommen und er garantiere meiner Mutter, dass mir alle glänzenden Entwicklungsmöglichkeiten, die die sowjetische Gesellschaft zu bieten hat, zuteilwerden würden. Meine Mutter erschrak gewaltig, fiel fast auf die Knie und heulte los, dass er doch nicht so grausam sein könne, einer Mutter, auch wenn sie eine Deutsche ist, das Kind wegzunehmen. Sein Gesicht nahm einen harten Zug an, er merkte an, dass ihm die Deutschen viel mehr weggenommen hätten. Ansonsten, wenn sie als Mutter so hartherzig und egoistisch wäre, das Kind einer ungewissen Zukunft voller Hunger und weiterer Widrigkeiten auszusetzen, würde er natürlich diesen ihm völlig unverständlichen Wunsch respektieren. Meiner Mutter muss ein Stein vom Herzen gefallen sein, sie umarmte ihn und wünschte ihm und seiner Familie alles Gute.

    Die Russen hatten es plötzlich sehr eilig; sie wollten so schnell wie möglich nach Hause. Hastig beluden sie die Pferdewagen, spannten zwei Pferde vor die Kanone und zogen lachend und singend von dannen. In der großen Eile hatten sie so manches vergessen, was uns in den nächsten Tagen und Wochen nützlich, weil essbar war. Vergessen hatten sie auch den riesigen zotteligen Hund. Als sie noch da waren, durfte sich diesem Untier niemand nähern. Er gebärdete sich wie ein Höllenhund, fletschte die Zähne und knurrte und fauchte, dass man eine mächtige Angst bekam. Als er nun merkte, dass er allein war, wurde er plötzlich zahm wie ein Lamm. Er kam fast auf allen Vieren angekrochen, versuchte die Hände meiner Mutter abzulecken und sah völlig anders aus. Es half ihm indes nicht. Die Fleischerin, Frau Tuschinsky, lud ihn auf ein Gespann und wir hatten wieder eine ganze Zeit etwas Fleisch zu essen. Nicht mit großem Appetit, aber immerhin.

    Uwe Trostel (l.) und die beiden DDR-Statistik-Experten auf dem Podium
    Uwe Trostel (l.) und die beiden DDR-Statistik-Experten auf dem Podium

    Uwe Trostel ist stellvertretender Chef des Vereins für lebensgeschichtliches Erzählen und Erinnern in Berlin und ehemaliges Mitglied der DDR-Plankommission. Kürzlich war er bei Sputnik mit einem leidenschaftlichen Appell aufgetreten, angesichts der Coronakrise über ein neues Verhältnis zu Russland nachzudenken. Außerdem erklärte er zuvor in einem Kommentar für Sputnik, inwiefern das Treuhand-Trauma Ostdeutschlands als Ursprung für dessen andauerndes Zurückbleiben gesehen werden kann, bzw. argumentierte aufgrund seiner DDR-Erfahrung, warum die Ostdeutschen doch Sympathie für Russland haben. 

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    Tags:
    Hitler, NS, Tag des Sieges, 8. Mai 1945, 9. Mai, Rote Armee, Großer Vaterländischer Krieg, Zweiter Weltkrieg