17:55 31 Oktober 2020
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    Zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges werden erstmals 20.000 digitale Kopien von Unterlagen über sowjetische Kriegsgefangene aus dem deutschen Bundesarchiv im Rahmen des deutsch-russischen Regierungsprojekts „Sowjetische und deutsche Kriegsgefangene und Internierte des Zweiten Weltkrieges“ an Russland übergeben.

    Es handelt sich um Unterlagen der ehemaligen Wehrmachtauskunftsstelle (WASt) bzw. der Deutschen Dienststelle zu sowjetischen Kriegsgefangenen, die in deutschem Gewahrsam verstorben sind, Krankenunterlagen (Röntgenbilder, Fieberkurven), persönliche Dokumente von Gefangenen, Militärausweise und Personalkarten. Mit der Übergabe der Unterlagen wird es möglich sein, Schicksale sowjetischer Kriegsgefangener zu klären, ihnen Namen und Biografien zurückzugeben.

    Mehr als fünf Millionen sowjetische Soldaten und Offiziere gerieten in deutsche Gefangenschaft. Mehr als drei Millionen fielen den unmenschlichen Bedingungen zum Opfer oder wurden direkt ermordet. Der deutsche Umgang mit sowjetischen Kriegsgefangenen zählt zu den größten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs.

    Das NS-Regime habe dem sowjetischen Militär systematisch das menschenwürdige Benehmen verweigert, betonte der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Géza Andreas von Geyr, zu Beginn der Zeremonie. Die Folgen davon waren die Massenausbeutung von Zwangsarbeitern und der Tod von Millionen aufgrund unmenschlicher Haftbedingungen. Das Schicksal vieler von ihnen ist noch unbekannt.

    "Im Vorfeld des 75. Jahrestages des Kriegsendes treten drei Aspekte in den Vordergrund für die Deutschen", sagte der deutsche Botschafter. Dies seien Dankbarkeit für die Befreiung von den Schrecken des Nationalsozialismus; die Erinnerung an das unermessliche Leid, das der durch das damalige Deutschland ausgelöste Krieg gebracht hatte; sowie Hochachtung vor der Erinnerung an die Opfer, die zur Niederlage der nationalsozialistischen Diktatur gebracht wurden, vor allem von den Völkern der ehemaligen Sowjetunion.

    "Die von Deutschland vorgelegten Dokumente werden dazu beitragen, das Schicksal Tausender sowjetischer Kriegsgefangener zu bestimmen", sagte der Sondervertreter des Präsidenten der Russischen Föderation für Internationale Kulturbeziehungen, Prof. Michail Schwydkoj. Denn jeder vermisster Mensch, der aus dem Nichtsein zurückgekehrt sei, sei für seine Verwandten sehr wichtig.

    Russische und deutsche Wissenschaftler arbeiteten Hand in Hand an dem Projekt. So wurde es möglich, mehr über das Schicksal von mehr als fünf Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen zu erfahren, von denen fast drei Millionen an systematischer unmenschlicher Behandlung in deutschen Lagern starben.

    Nach Angaben des Präsidenten des Volksbundes der Deutschen Kriegsgräberfürsorge, Wolfgang Schneiderhan, wurden Millionen sowjetischer Soldaten unter unmenschlichen Bedingungen in deutschen Kriegsgefangenenlagern inhaftiert, misshandelt, gnadenlos ausgebeutet, gezwungen, an Hunger und Krankheit zu sterben, ohne medizinische Behandlung zu erhalten. Seit Jahrzehnten achtet die Gesellschaft nicht mehr auf das Ausmaß dieser kriminellen Aktivitäten. In letzter Zeit wurden umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Thema durchgeführt, aber diese Arbeit ist noch lange nicht abgeschlossen.

    „Vor 75 Jahren hat sich die deutsche Wehrmacht in Berlin ergeben. Der Sieg der Roten Armeemachte Schluss nicht nur mit dem kriminellen Krieg zur Vernichtung ganzer Nationen, sondern befreite auch Deutschland von der NS-Diktatur. Und die Tatsache, dass Deutschland trotz aller Verbrechen dieser Zeit wieder ein anerkanntes Mitglied der internationalen Gemeinschaft werden konnte, ist ein bedeutender Verdienst Russlands“, so Wolfgang Schneiderhan.

    Leider wurde das Thema der sowjetischen Kriegsgefangenen bis vor kurzem nicht richtig entwickelt. Jetzt ändert sich die Situation. Sowohl Russland als auch Deutschland seien den Menschen verpflichtet, die oft nicht eigenwillig gefangen genommen wurden und viel Leid erlitten haben, sagte der Direktor des Russischen Staatlichen Militärarchivs, Wladimir Tarassow.

    „Es ist bekannt, dass dieses Thema in der Sowjetunion vertuscht wurde. In den Personalien stand die Frage: Waren Sie oder Ihre Verwandten in der Gefangenschaft? Solche Menschen wurden schwarz markiert, obwohl bekannt ist, dass viele von ihnen verwundet und bewusstlos gefangen genommen worden waren. Aus deutscher Gefangenschaft gerieten sie in sowjetische NKWD-Lager. Unter ihnen waren ja auch Verräter. Bis jetzt erhalten wir eine große Anzahl von Anfragen von Verwandten, die etwas über das Schicksal ihrer Nächsten wissen wollen. Das Deutsche Archiv hat einen unschätzbaren Beitrag zur Suche nach diesen Menschen geleistet“, sagte Wladimir Tarassow.

    Das Archiv Russlands enthält Dokumente über ausländische Kriegsgefangene, allein die Kartei enthält mehr als fünf Millionen Karten. Das Archiv arbeitet seit fast 30 Jahren mit deutschen Kollegen zusammen. Seitdem wurden zahlreiche Informationen über deutsche Kriegsgefangene an die deutsche Seite übermittelt.

    „Es ist uns eine Ehre, an diesem Projekt teilzunehmen“, so der Präsident des deutschen Bundesarchivs, Dr. Michael Hollmann. Nach der Übergabe von Dokumenten vom ehemaligen Wehrmachtsinformationsamt an das Bundesarchiv verfügt das Archiv über eine Vielzahl von Dokumenten, die das Schicksal von noch mehr Menschen bestimmen können. Die Dokumente werden digitalisiert und enthalten Informationen über sowjetische Kriegsgefangene und lediglich Militärpersonal sowie Informationen über ihre mögliche Bestattung. Dies gilt für insgesamt 350.000 Menschen.

    Moskau und Berlin werden die Zusammenarbeit bei Archivdokumenten fortsetzen. Dies sei ein gemeinsames russisch-deutsches Projekt mit Blick auf die Zukunft, stellte der deutsche Botschafter von Geyr fest. Die Übergabe von Archivdokumenten sei ein Symbol der Versöhnung und eine Erinnerung daran, dass die Vergangenheit niemals wiederholt werden sollte, fügte er hinzu.

    Am 22. Juni 2016, dem 75. Jahrestag des Überfalls des nationalsozialistischen Deutschlands  auf die Sowjetunion, wurde durch eine gemeinsame Erklärung des damaligen Bundesaußenministers Frank-Walter Steinmeier und des russischen Außenministers Sergej Lawrow das Regierungsprojekt „Recherche und Digitalisierung noch nicht erschlossener Daten zur Schicksalsklärung sowjetischer und deutscher Kriegsgefangener und Internierter des Zweiten Weltkrieges“ ins Leben gerufen. Das deutsch-russische Gemeinschaftsvorhaben hat zum Ziel, individuelle Schicksale zu klären und die entsprechenden Dokumente und Daten für Angehörige sowie für die historische Forschung und die Gedenkarbeit zugänglich zu machen. Dafür werden Quellen in deutschen, russischen und internationalen Archiven bearbeitet.

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    Tags:
    Wehrmacht, Deutschland, Drittes Reich, Kriegsgefangene, Archiv, UdSSR, Sowjetunion, Zweiter Weltkrieg