15:16 20 Oktober 2020
SNA Radio
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    403254
    Abonnieren

    Vor 35 Jahren bezeichnete Richard von Weizsäcker als erster Bundespräsident den 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“. Damals stieß die Rede zum Teil auf Unmut. Der langjährige Bundestagspräsident Norbert Lammert erklärt, was sich seitdem in der Wahrnehmung der Deutschen getan hat.

    Die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 vor dem Deutschen Bundestag gilt heute als Meilenstein in der gesellschaftlichen Aufarbeitung der NS-Zeit der Bundesrepublik. Zum ersten Mal bezeichnete ein Staatsoberhaupt der BRD das Datum, an dem die deutsche Wehrmacht 1945 kapitulierte, als „Tag der Befreiung“.

    Ein Auszug aus der Ansprache: „Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft. Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.

    Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg."

    Der Vorsitzende der „Konrad-Adenauer-Stiftung“ (KAS) und früherer Bundestagspräsident, Prof. Dr. Norbert Lammert (CDU), war dabei, als Weizsäcker seine berühmte Rede gehalten hat. Mit dieser Rede habe Weizsäcker die Wahrnehmung im eigenen Land und im Ausland von einem auf den anderen Tag signifikant verändert. Mit einer „bemerkenswerten Regelmäßigkeit“ werde diese Rede zitiert, die inzwischen „über jeden Streit erhaben“ sei, erklärte Lammert in einer Online-Konferenz am Donnerstag.

    8. Mai damals und heute

    Gleichzeitig glaubt er, dass die Rede heute „nicht annähernd die gleiche Wirkung hätte, wie sie es damals hatte“. Ob, wie und welche Aussagen wirkten, hänge erheblich von den Umständen ab, unter denen diese gemacht würden, so Lammert.

    „Damals bestand die deutsche Bevölkerung noch zu einem überwiegenden Teil aus Menschen mit eigener biografischer Erfahrung an die Verhältnisse in Deutschland, die zum Zweiten Weltkrieg und zum Ende dieses Krieges geführt haben. Und da das für viele eine ganz persönlich dramatische Erfahrung war, haben sich damals viele mit der Positionierung des deutschen Staatsoberhauptes, der 8. Mai 1945 sei ein Tag der Befreiung gewesen, außerordentlich schwergetan, weil ihre eigene Erinnerung an ihre damaligen Lebensverhältnisse damit überhaupt nicht übereinstimmte“, sagte Lammert gegenüber Vertretern des „Vereins der Ausländischen Presse in Deutschland“ (VAP).

    Heute, 35 Jahre später, würden die Bundesbürger nicht nur in einer sich „gründlich verändernden Welt“ leben, sondern in einer Zeit, in der die ganz überwiegende Mehrheit der heute lebenden Bevölkerung keine biografischen Erinnerungen an die damalige Zeit habe, bemerkt der KAS-Vorsitzende. „Für die ist das fast eine banale Ansicht, die nicht nur nicht mit den eigenen biografischen Erfahrungen kollidiert, sondern für die ist es der erlernte gemeinsam wahrgenommene Bewusstseinsstand in Deutschland.“

    Doch habe Richard von Weizsäcker nicht sagen wollen, es sei für alle Deutschen ein Tag der Freude gewesen, unterstreicht Lammert. „Er hat politisch deutlich machen wollen, auch und gerade für Deutschland ist mit dem 8. Mai nicht nur ein Krieg zu Ende gegangen, sondern eine selbst herbeigeführte autoritäre, totalitäre Herrschaftszeit. Insofern ist das Ende des Zweiten Weltkriegs ein Tag der Befreiung“, betonte der CDU-Politiker.

    „Kein Mangel an Gedenktagen“

    Trotzdem sieht Lammert keine Notwendigkeit darin, den 8. Mai als Feiertag in Deutschland zu etablieren:

    „Wir haben in Deutschland nicht nur keinen Mangel an gesetzlichen Feiertagen, wir haben auch ganz sicher keinen Mangel an historischen Gedenk- und Erinnerungstagen. Der 8. Mai gehört ganz sicher zu den unangefochtenen historischen Erinnerungstagen, zu denen ich aber noch ein halbes Dutzend ähnlich bedeutender, mit kürzerer und längerer historischer Perspektive nennen könnte“, so der langjährige Bundestagspräsident.

    Zum 75. Jahrestag wird in Berlin der „Tag der Befreiung“ am Freitag zunächst einmalig als gesetzlicher Feiertag begangen.

    Auf Beschluss der Volkskammer wurde das Ereignis in der Deutschen Demokratischen Republik als „Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus“ gefeiert. Zum 30. Jahrestag des Kriegsendes im Jahr 1975 wurde dann nach sowjetischem Vorbild der Tag des Sieges - also der 9. Mai - vom Zentralkomitee der SED zum arbeitsfreien Feiertag erklärt, aber nur in dem einen Jahr.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Manuela Schwesig fordert bei Nord Stream 2 die Grünen heraus: „Sie haben behauptet, dieses Gas...“
    USA erweitern Sanktionen gegen Nord Stream 2
    Reisen nur noch mit Anmeldung? – Spahn-Ministerium plant strengere Auflagen
    „Klima der Einschüchterung“ auch an deutschen Schulen – Lehrerverbandschef warnt
    Tags:
    Konrad Adenauer, 70. Jahrestag des Sieges, Tag des Sieges, 9. Mai, 8. Mai 1945, Faschismus, Nationalsozialismus, Adolf Hitler, Hitler, Norbert Lammert