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    Ursprünglich wollte Sputnik mit dem 80-jährigen Dr. Frank Roßner über seine Eindrücke von sowjetischen Soldaten im Mai 1945 sprechen. Doch was als Erinnerung gedacht war, wurde letztendlich zu einem leidenschaftlichen Plädoyer für ein besseres Verhältnis zu Russland.

    Roßner, 1940 am Fuße des Erzgebirges in Sachsen geboren, studierte seinerzeit bis 1965 sechs Jahre in Moskau und entwickelte beim beruflichen Start im Petrolchemischen Kombinat Schwedt im ständigen Kontakt zu den Sowjets, wie er sagt, „ein Gefühl für die ‘russische Seele’ mit Aufrichtigkeit, Bescheidenheit und Vielfalt der Menschen in diesem Riesenland“.

    „Manifestiert haben sich bei mir die fundierte kulturelle Bildung“, erzählt Roßner gegenüber Sputnik, „die Achtung vor dem und die Sympathie für das deutsche Volk, das Interesse für die deutsche Kultur und Literatur – trotz des Weltkriegsdesasters!“ Roßner habe tiefe Eindrücke davon bekommen, „in welch unvorstellbarem Maß“ das Sowjetland unter dem Krieg gelitten habe. Bis heute habe Roßner Respekt und Dankbarkeit gegenüber Russen, Ukrainern, Bjelorussen, Kasachen und anderen ehemaligen Sowjetvölkern. Seine Sympathie gelte ihnen „unverändert“.

    Ein Kindheitserlebnis steht bei dem Sputnik-Gesprächspartner exemplarisch für seine enge Verbindung zu den Sowjetmenschen und ihren Nachfolgern. Es gehe unmittelbar zurück auf die Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus durch die Sowjetarmee unter Beteiligung der Alliierten, sagt Roßner.

    „Im Sommer 1945 hatten fast alle Einwohner in unserer Kleinstadt Wilkau-Haßlau am Fuße des Westerzgebirges verständlicherweise panische Angst vor den Russen“, blickt er zurück. Es sei ja permanent gegen die „Russen“, „Bolschewisten“ und „Kommunisten“ aufs Übelste gehetzt worden, bis zu primitivsten Gruselgeschichten durch die Kriegspropaganda. Andererseits hätten deutsche Soldaten beim Überfall auf die Sowjetunion und danach barbarisch gewütet. „Das war zum Teil auch Inhalt der Soldatenbriefe von der Front, so wurde folgerichtig in der Bevölkerung drastische Rache erwartet.“

    So hatte auch Roßners Mutter Angst vor den „Russen“ – auch weil sein Vater, Apotheker, noch November 1944 zur Wehrmacht einberufen wurde, aus dem Krieg nicht zurückgekehrt und sie allein mit vier Kindern war.

    „Selbst im Juni 1945, als die Rote Armee in Westsachsen einzog, wurden noch verleumderische Geschichten über die unmittelbare Vergewaltigung der Frauen, die brutale Behandlung der Kinder in meinem Heimatort erzählt, die so im Ort und der Umgebung nachweisbar nicht stattgefunden hatten“, erinnert sich Roßner weiter. „Dazu kam der äußere Eindruck der Sowjetarmee: Durch die langen, heftigen Kriegshandlungen total erschöpfte Soldaten, verschmutzte Uniformen. Das stand im schroffen Gegensatz zu den amerikanischen Armeeangehörigen, die Anfang Mai, aus westlicher Richtung kommend, ohne wesentlichen kriegerischen Widerstand den thüringisch-sächsischen Raum erreichten.“

    Seine Familie wohnte in der gepachteten Apotheke, „einem ansehnlichen Gebäude“. Als sowjetische Offiziere einmal am Abend das Haus besichtigen wollten, brachte die Mutter die Kinder zeitig ins Bett im ersten Stock, damit die „bösen Russen“ sie nicht sehen konnten.

    „Mit beträchtlichem Herzklopfen und riesiger Angst stand Mutter mit den Offizieren im Treppenhaus, nachdem diese die großen Apothekenräume im Erdgeschoss mit Wohlwollen besichtigt hatten“, erzählt der Mann weiter. „Da klappte im Obergeschoss eine Tür. Mutter erschrak, sie meinte, ihr Herz müsste stehenbleiben. Ein Lockenkopf wurde sichtbar, und ich als fünfjähriger Steppke verkündete unbeeindruckt von den vielen fremden Männern in Uniform, ich müsse mal auf Toilette.“

    Was anschließend geschah, bezeichnet der 80-Jährige als „Wunder“. Die Soldaten seien von seinem Anblick sichtlich gerührt gewesen und hätten gefragt, ob Mutter noch mehr Kinder habe. Sie habe geglaubt, das Leben aller ihrer Kinder sei gefährdet. Ein Offizier habe ihr jedoch beruhigend auf die Schulter geklopft und gesagt: „Du ganz ruhig, Frau, Kinder behalten Wohnung!“

    Der Militärstützpunkt sei also in einer Nachbargemeinde eingerichtet worden. „So habe ich, der nicht gleich einschlafen konnte, unbewusst die Wohnung für unsere Familie gerettet“, sagt Roßner.

    „Später haben viele Deutsche, auch ich, die Erfahrung gemacht, wiekinderfreundlich die Sowjetmenschen sind. Soweit meine erste kindliche Berührung mit der großen, vielgestaltigen Sowjetunion und einem Teil der russischen Seele.“

    Vieles ist seitdem geschehen. Die DDR, die die deutsch-sowjetische Freundschaft in Aktion brachte, ist – viele Deutsche betrachten das als ihr Glück – seit beinahe 30 Jahren vorüber. Vorbei scheint auch die proklamierte Freundschaft zu sein – aber offensichtlich nicht bei Menschen wie Roßner.

    „Trotz der katastrophalen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Entwicklung in der Ära von Gorbatschow und Jelzin und des heute existierenden Oligarchenkapitalismus in Russland habe ich – wie viele Bekannte – meine frühere Position zur Sowjetunion weitgehend auf das heutige Russland übertragen“, gibt der Mann zu. Die Haltung zu den innen- und außenpolitischen Prozessen sei jedoch „differenzierter, objektiver und facettenreicher“ geworden.

    Jedoch würden bei Roßner „einige spezifische Betrachtungsaspekte und Wertungskriterien“ seine Russlandsicht mitprägen. Ein besonderes Gepräge habe die Würdigung des Tages der Befreiung des deutschen Volkes am 8. Mai und des Tages des Sieges am 9. Mai auf Kundgebungen am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park in Berlin. Die antifaschistische, patriotische Geisteshaltung in weiten Teilen der Völker der ehemaligen Sowjetunion ist für Roßner ein wichtiger Berührungspunkt, der auch aktuell zu Sympathie und Hochachtung herausfordert. Dem offenen Willen des russischen Präsidenten Wladimir Putins zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit Deutschland, ob im Deutschen Bundestag 2001 oder auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2007 ausgesprochen, stellt der 80-Jährige die „hinterhältige Politik der Westmächte zur Erniedrigung Russlands und ihrer Bewohner“ entgegen. Hier wird Roßner besonders emotional.

    „Ich bin besorgt“, sagt er weiter, „um die Haltung der Bundesregierung, das eisige Verhältnis vieler Deutscher, vor allem westdeutscher Sozialisation, zu den ‘Russen’. Ich bin erschrocken, wie die heutigen Regierenden Deutschlands alles zu DDR-Zeiten schon Errungene aufs Spiel setzen. Die aggressive Nato-Strategie und die eskalierenden Einkreisungsschritte gegen Russland schließen für mich aus, nur neutraler Beobachter zu sein. Ich wende mich entschieden dagegen, dass unter dem Schirm von USA und Nato Teile der deutschen Großbourgeoisie, Nachfahren des faschistischen deutschen Offizierskorps und neue antirussisch eingestellte Revanchisten versuchen, eine Korrektur der im Zweiten Weltkrieg erlittenen Niederlage zu erreichen.“

    Kürzlich hat Ex-Außenminister Joschka Fischer die Deutschen aufgefordert, ihren „instinktiven Pazifismus“ zu „hinterfragen“. Als die Deutschen schwach gewesen seien, sei ihnen ein echter Neuanfang unter der Aufsicht verständiger und weitblickender Siegermächte im Westen und der anhaltenden Bedrohung durch die Sowjetunion aus dem Osten gelungen, so Fischer.

    Nun schwächelt das US-deutsche Verhältnis. Bei Russland sind West- und Ostdeutschland allerdings sehr geteilt. Laut einer Umfrage des Forschungszentrums Pew und der Körber-Stiftung vom März wünschten sich 38 Prozent der Befragten im Osten ein engeres Verhältnis zu Russland – gegen 23 Prozent US-Befürworter. Im Westen sind es nur 21 gegen 43 Prozent. „Viele deutsche Konzerne und mittelständige Unternehmen sind in Russland engagiert und für eine Ausweitung der Wirtschaftsbeziehungen“, argumentiert der Gesprächspartner von Sputnik weiter. Ob das Deutsch-Russische Forum und der Petersburger Dialog ihrer politischen Verantwortung gerecht werden?

    Was Roßner klar sei, sei die „unbedingte Notwendigkeit der Erhaltung des Friedens in Europa und der Welt“. Darin bestehe seine Hoffnung – „wenn es den Mächtigen in Russland gelingt, gefährliche, von den USA und der Nato geschaffene politische und militärische Konfliktsituationen zu entschärfen, besonnen, diplomatisch klug und deeskalierend zu handeln“. Russland sei gegenwärtig der einzige kapitalistische Staat, weist der Mann hin, der sich „ausgehend von seinen Interessen und zur Sicherung des eigenen Überlebens – wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg – gegen das Diktat der US-Administration zur Wehr setzt“. Sollte Russlands Sicherheit durch die „Torheiten westlicher Politiker und Profiteure“ gefährdet werden, dann läge die Hoffnung Roßners in der „Stärkung der Wirtschaftskraft Russlands und der friedlichen geopolitischen Koexistenz mit China unter Anerkennung der beiderseitigen Interessen und Möglichkeiten“. Damit müsse es gelingen, glaubt der Mann, „die extrem gefährlichen, von den USA und der Nato in den verschiedensten Regionen der Welt geschaffenen, politischen und militärischen Konfliktsituationen zu entschärfen.“

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    Erinnerungen, UdSSR, Sowjetunion, Russland, Ostdeutschland, Zweiter Weltkrieg