05:54 16 Juli 2020
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    Tausende Berliner haben es sich am Freitag trotz der Umstände nicht nehmen lassen, an den Gedenkstätten für die sowjetischen Soldaten und im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst an den 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus zu erinnern. Vor allem am sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow legten viele Menschen Blumen nieder.

    Bei strahlendem Sonnenschein gab es am diesjährigen 8. Mai in Berlin keine großen offiziellen Gedenkfeiern an das Ende des 2. Weltkrieges und die Befreiung des europäischen Kontinents vom deutschen Faschismus vor 75 Jahren. Immerhin war er erstmals, aber nur in der Hauptstadt, offizieller Feiertag. Die Beschränkungen des gesellschaftlichen Lebens in Folge der Corona-Krise verhinderten die großen Gedenkveranstaltungen. Vor allem die Politiker verzichteten, abgesehen von einzelnen Auftritten wie dem das Regierenden Bürgermeisters Michael Müller unter anderem im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst. Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier legten an der "Neuen Wache" Unter den Linden Kränze nieder.

    In Karlshorst war in der Nacht vom 8. zum 9. Mai die endgültige deutsche Kapitulation vor den Siegermächten des 2. Weltkrieges, der UdSSR, den USA, Großbritannien und Frankreich, unterzeichnet worden. Zwar gab es in diesem Jahr nicht das beliebte Museumsfest, aber trotzdem folgten Hunderte der Einladung des Museums, sich den historischen Saal der Kapitulation sowie die Freiluftausstellung zu dem historischen Ereignis anzusehen. Viele legten Blumen an dem Panzer mit der kyrillischen Aufschrift „Sa rodinu“ (Für die Heimat) nieder, der neben dem Museumseingang steht.

    • Der historische Saal der Kapitulation
      Der historische Saal der Kapitulation
      © Sputnik / Tilo Gräser
    • Das russische Exemplar der Kapitulation vom 8. Mai 1945, ausgestellt im Museum
      Das russische Exemplar der Kapitulation vom 8. Mai 1945, ausgestellt im Museum
      © Sputnik / Tilo Gräser
    • Das deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst
      Das deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst
      © Sputnik / Tilo Gräser
    • Der Raketenwerfer Katjuscha, die berüchtigte Stalin-Orgel, im Musemumsgarten
      Der Raketenwerfer "Katjuscha", die berüchtigte "Stalin-Orgel", im Musemumsgarten
      © Sputnik / Tilo Gräser
    •  14: Blumen zum Gedenken an die Sowjetsoldaten in Treptow
      Blumen zum Gedenken an die Sowjetsoldaten in Treptow
      © Sputnik / Tilo Gräser
    • Ein Berg Blumen am Fuß des Sowjetischen Ehrenmals in Treptow
      Ein Berg Blumen am Fuß des Sowjetischen Ehrenmals in Treptow
      © Sputnik / Tilo Gräser
    • Blumen an allen Gräbern und Denkmälern in Treptow
      Blumen an allen Gräbern und Denkmälern in Treptow
      © Sputnik / Tilo Gräser
    • Im Laufe des Tages kamen immer mehr Menschen zum Ehrenmal im Treptower Park
      Im Laufe des Tages kamen immer mehr Menschen zum Ehrenmal im Treptower Park
      © Sputnik / Tilo Gräser
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    © Sputnik / Tilo Gräser
    Der historische Saal der Kapitulation

    Für das Ehepaar Stier aus Berlin-Lichtenberg, sie 68 und er 72 Jahre, war der 75. Jahrestag der Befreiung Anlass für einen Besuch in Karlshorst. Beide sind in der DDR aufgewachsen und für sie ist der 8. Mai weiterhin der Tag der Befreiung, wie sie gegenüber Sputniknews erklärten. „Grundsätzlich ist unsere Meinung so geblieben“, sagte Frau Stier. „Man muss immer wieder anerkennen, dass die deutschen Truppen sehr viel Leid und Elend über die Welt gebracht haben“, fügte ihr Mann hinzu.

    Glücklich über das Ende des Krieges

    Er erzählte, dass er bereits mit seinem Vater in dem Museum war. Dieser habe als Fernmeldesoldat den gesamten 2. Weltkrieg von 1939 bis 1945 auch in der Sowjetunion und die Schlacht von Stalingrad miterlebt und überlebt. Im Mai 1945 sei sein Vater dann in Prag unter den deutschen Truppen gewesen, die dort vor der Roten Armee kapitulierten. „Von dort aus ist er dann zu Fuß nach Hause, nach Mecklenburg-Vorpommern, mit einem guten Kameraden gezogen.“

    Der Vater habe vieles vom Krieg erzählt, aber nichts von Gräueltaten. Er habe sich als Befehlsempfänger gesehen, der dienen musste, nachdem er vom Arbeitsdienst in die Wehrmacht übernommen worden war. Für ihn sei es eine Befreiung gewesen, dass der Krieg im Mai 1945 zu Ende war, berichtete Herr Stier von seinem Vater. Der sei „glücklich und zufrieden gewesen“, dass er überlebt hatte.

    Das Berliner Ehepaar schaute sich den Kapitulationssaal und die Freiluftausstellung an, wie auch die Familie Tutschek. Die wohnt gleich gegenüber dem Museum, seit etwa acht Jahren, und war schon mehrmals in dem historischen Gebäude, wie sie erzählten. „Das ist für uns schon eine Tradition, dass wir immer am 8. Mai hierherkommen“, sagte Lydia Tutschek.

    Karsten, Anton und Lydia Tutschek am Samstag in Berlin-Karlshorst
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Karsten, Anton und Lydia Tutschek am Samstag in Berlin-Karlshorst

    „Es bleibt ein wichtiger Tag“

    Dieser Tag ist auch ihr Geburtstag, verriet sie, in diesem Jahr der 38. Sie ist wie ihr Mann Karsten in der DDR aufgewachsen und sieht das Datum weiterhin auch als „Tag der Befreiung“. Beide waren mit ihren Kindern Marlene und Anton im Museum und in der Ausstellung.

    „Ich finde es ganz wichtig, diesen Tag immer wieder in Erinnerung zu rufen, weil er zur deutschen Geschichte dazu gehört“, sagte Lydia Tutschek. „Er sollte uns als deutsches Volk immer beschäftigen und wir sollten uns auch immer wieder daran erinnern, was früher unter dem Naziregime alles passiert ist.“

    „Aus Respekt vor denen, die uns letztlich die Freiheit und den Frieden gebracht haben“, kam ein 78-Jähriger aus Berlin und legte Blumen am Panzerdenkmal neben dem Museumseingang nieder. Auch er war mit seiner Frau nicht das erste Mal an der historischen Stätte, wie er gegenüber Sputniknews sagte. Er komme immer wieder „aus Pflicht und Verantwortungsbewusstsein“ und sehe den 8. Mai als „schwierigen Tag, wenn ich die offizielle Politik sehe“.

    „Es fällt ja den Regierenden offensichtlich sehr schwer, diesen Tag zu würdigen und anzuerkennen“, bedauerte er im Gespräch. Für ihn und seine Frau bleibe es ein ebenfalls wichtiger Tag, auch wenn manches historisch neu bewertet werden müsse.

    Erinnern an die Befreiung

    Tausende zeigten auch in Berlin-Treptow, am dortigen Sowjetischen Ehrenmal, dass für sie der 8. Mai ebenfalls ein bedeutsamer und erinnerungswürdiger Tag bleibt. Sie brachten viele Blumen mit und legten sie an den einzelnen Denkmälern und Grabstätten ab. Zu Beginn ging die Polizei noch gegen Einige vor und verhaftet sie, die auf dem Gelände demonstrierten. Ansonsten hielten die Beamten sich aber offensichtlich zurück, als es immer mehr Menschen wurden.

    Die beiden Gruppen „Bund der Antifaschisten“ (BdA) Treptow und die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten“ Köpenick (VVN-BdA) hatten gemeinsam zum „Stillen Gedenken“ am Denkmal „Mutter Heimat“ am Eingang zum Geländes des Ehrenmals ausgerufen. Zu den Organisatoren gehörte die Historikerin Susanne Willems, die sich seit Jahren für das Erinnern an die Befreiung Deutschlands und Europas von der deutschen faschistischen Besatzung einsetzt. „Wir erinnern hier an 7.000 Rotarmisten aller Nationen, die hier beerdigt sind“, sagte sie im Gespräch.

    „Wir erinnern an die Befreiung Berlins und damit an das Ende des Krieges in Europa.“ Zur Debatte, ob für die Deutschen der 8. Mai 1945 eine Niederlage oder eine Befreiung bedeutete, erklärte die 61-Jährige:

    „Was wäre die Zukunft für diejenigen gewesen, die Kinder in der Nazizeit gewesen waren? Von denen haben einige nach dem Krieg begonnen zu begreifen, dass ihre Perspektive unter dem Naziregime die von KZ-Wächtern und Unterdrückern gewesen wäre. Von dieser Perspektive ist die Generation meiner Eltern befreit worden.“

    Natürlich seien vor allem, jene, die Widerstand leisteten, und jene, von den Faschisten aus verschiedenen Gründen verfolgt und vernichtet wurden, befreit worden.

    „In der richtigen Gesellschaft angekommen“

    Seit 1996 lebt Dodo van Randenborg in Berlin und kommt seitdem regelmäßig zum Ehrenmal in Treptow. Sie wurde 1933 geboren und erlebte nahe der Grenze zu den Niederlanden den Faschismus und den Krieg mit. Das habe sie frühzeitig dazu gebracht, sich für eine antifaschistische Entwicklung in der Bundesrepublik und gegen Krieg einzusetzen, wie sie berichtete.

    Dodo van Randeborg am Samstag in Berlin-Treptow
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Dodo van Randeborg am Samstag in Berlin-Treptow

    Sie habe gemeinsam mit anderen Linken in Westdeutschland Erinnerungsorte wie das Ehrenmal und überhaupt die Erinnerung an die Befreiung durch die Rote Armee vor nunmehr 75 Jahren vermisst. „Als ich hierher gezogen bin, habe ich als einen der ersten Orte dieses Ehrenmal besucht und war sehr beeindruckt von der ganzen Anlage.“ Als sie in Treptow das erste Mal den 8. Mai erlebte, habe sie das Gefühl gehabt, „ich bin in der richtigen Gesellschaft angekommen“.

    „Deshalb halte ich daran Jahr für Jahr eisern fest“, betonte die heute 87-Jährige. „Für mich ist dieser Tag wirklich Befreiung gewesen, weil ich aus einem Elternhaus komme, wo auch schon die Großmutter und das ganze Umfeld sehr stark unter dem Faschismus gelitten hat. Damals fing ein neues Leben für uns an.“

    Dankbarkeit für Befreiung und Kriegsende

    Die eigene Erfahrung schon als Kind habe sie zwar nicht zur Kommunistin werden lassen. Aber sie habe sich deshalb später zusammen mit dem späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann für eine demokratische Entwicklung eingesetzt und die damalige Gesamtdeutsche Volkspartei mitgegründet. Sie habe sich Jahrzehnte in der bundesdeutschen Friedens- und Frauenbewegung engagiert und sei oft in der Sowjetunion und später Russland gewesen.

    Zu jenen, die am Samstag nach Treptow kamen, um der Soldaten der Roten Armee mit Blumen zu gedenken, gehörten auch zwei 22-jährige Berliner, die anonym bleiben wollten.

    „Das ist unabhängig vom Alter, dass man einfach froh und dankbar sein muss, dass der Krieg beendet wurde“, so einer der beiden gegenüber Sputniknews. „Das betrifft uns alle.“

    Zuvor hatte ein Lehrerin berichtet, dass ihre Schüler aus der 6. Klasse nicht wussten, warum der 8. Mai in Berlin ein Feiertag ist. Er habe schon im Geschichtsunterricht davon gehört, wenn auch nur sehr wenig, sagte einer der beiden 22-Jährigen dazu. Das Wissen über diesen Tag und seine Hintergründe habe er sich dann selbst angeeignet.

    „Wenn ich sehe, was einige der Mitschüler von diesem Tag denken, bin ich echt erschüttert, aber auch gar nicht verwundert, dass Deutschland 2020 so sehr rechts abgerutscht ist. Das macht mir ehrlich gesagt sehr viel Sorgen. Um so mehr bin ich froh, dass hier so viele Menschen trotz Corona heute da sind.“

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    Tags:
    Berlin, Krieg, Befreiung, Zweiter Weltkrieg, 8. Mai 1945