22:12 05 Juli 2020
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    Im Vorfeld des Tages des Sieges über den Nationalsozialismus ging es auf der Videokonferenz mit dem deutschen Botschafter, die in der Nachrichtenagentur „Rossiya Segodnya“ stattfand, um die Rolle des Zweiten Weltkrieges im geistigen und politischen Leben der Gegenwart sowie um seine Präsenz im Kontext der aktuellen Weltpolitik.

    Erörtert wurden ferner das historische Gedächtnis und die Konflikte, die seinerzeit in den Zweiten Weltkrieg mündeten und die möglicherweise bis heute noch nicht endgültig überwunden sind. Der Berater des russischen Präsidenten und Vorsitzende der Militärhistorischen Gesellschaft Wladimir Medinski meinte, jeder Versuch, Ergebnisse des Krieges zu revidieren, würde alle Grundlagen der Vereinbarungen untergraben, die 1945 in Jalta und Potsdam erreicht worden sind.

     „Ob sich auf dieser Grundlage etwas Besseres errichten lässt, wissen wir nicht. Eben deshalb reagiert man in vielen Ländern, besonders aber in Russland so empfindlich auf jeden Versuch einer rechtlichen bzw. moralischen Revision der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges.“

    Weshalb ist es in Russland besonders ausgeprägt? Der Historiker erläutert: „Der Zweite Weltkrieg hat verschiedene Staaten unterschiedlich hart getroffen. Wir kennen die kolossalen Verluste neben der Sowjetunion auch Polens, Deutschlands selbst und Jugoslawiens. Große Verluste haben Frankreich, England und Italien erlitten. Es gibt Staaten, deren Leiden relativ bescheiden waren. Während Dänemark einige Dutzend Opfer zu verzeichnen hat, beziffern sich die von uns auf einige zehn Millionen. Norwegen hat sich Hitler nicht gebeugt. Es wehrte sich so gut und so lange es konnte. Die Wehrmacht büßte in den Kämpfen um Norwegen eine knappe Division ein. Bei uns an der Ostfront verlor sie so viel an einem Tag. Denn die Intensität des Krieges, der Grad seiner Härte und der Preis des Sieges waren verschieden.“

    Deshalb löse jede Erörterung eines mit dem Zweiten Weltkrieg zusammenhängenden Themas durch die internationale Politik und jede deren scheinbar lokale Handlung, welche von der russischen Gesellschaft als ungerecht empfunden wird, bei jeder Familie in Russland eine persönliche Reaktion aus, so Medinski. „Denn so gut wie jede Familie hat Verwandte, die in diesem Kriege gefallen sind.“

    Was beleidigt Russen?

    Man hätte keine größere Ungerechtigkeit begehen und das ganze russische Volk nicht schwerer beleidigen können, sagt der Historiker weiter, „als es das EU-Parlament mit seiner Resolution vom Oktober 2015 getan hat, die der Sowjetunion und Deutschland die gleiche Schuld an der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges gibt. Dasselbe gilt auch für den Beschluss der lokalen Behörden, der Volksvertreter eines Bezirks von Prag, das Denkmal für Marschall Konew abzureißen. Dieser hat ja nicht nur Prag befreit. Er hat den Befehl erteilt, die Stadt nicht mit schwerer Artillerie zu beschießen. Dank ihm persönlich ist Prag bis heute als Zlatá Praha, das goldene Prag erhalten geblieben. Übrigens hat es die Rote Armee 12.000 tote Soldaten und Offiziere gekostet.“

    Der Historiker fügt hinzu: „Prag wurde auch ohne Bombereinsatz befreit. Man hätte genauso wie die Amerikaner mit Dresden und Frankfurt verfahren können. Es ist ja Krieg, kein Scherz! Die Stadt als auch ihre Bevölkerung sind aber erhalten geblieben. Nun beschließen 33 Bezirksabgeordnete den Abriss des Konew-Denkmals. Dadurch wird jeder Bürger Russlands persönlich beleidigt. Das Thema Krieg ist im Hinblick darauf zu behandeln. Es ist nach wie vor etwas ausgesprochen Persönliches, je nach Land mehr oder weniger.“

    Man könnte diese Abgeordneten verurteilen, führt Medinski weiter aus, dort herrsche aber eine bestimmte öffentliche Meinung vor. „Tschechien ist ein junger Staat. Und das, obwohl es 1938, zum Zeitpunkt des Münchner Abkommens, nach England, Frankreich und Deutschland die viertgrößte Wirtschaft Europas war. Die Tschechoslowakei besaß die viertstärkste Schwerindustrie und eine der stärksten Armeen in Europa. Auch weigerten sich viele tschechische Patrioten bis zuletzt entschieden, Beneš Gehorsam zu leisten und die Bedingungen des Münchner Abkommens zu akzeptieren. Aber die allgemeine Stimmung der Gesellschaft war, nicht zu kämpfen, das Land nicht zu verteidigen. Die Bürger des jungen Staates haben ihn wahrscheinlich noch nicht als ihre Heimat aufgefasst.“

    Der Filmregisseur Alexander Kott, der sich an der Diskussion beteiligte, erinnerte sich an sein Gespräch mit einem Deutschen, dessen Großvater auf der Seite der Wehrmacht gekämpft hatte. Er fragte seinen Bekannten, wie dieser dazu stehe. Ob er es vergessen habe. Und wie er dies empfinde- Der erwiderte, er sei nicht für seine Eltern verantwortlich, sondern dafür, was bevorsteht, für seine Kinder. Er wolle nicht von diesem Gedächtnis leben. Seine Wahrheit liege darin, dass er seine Kinder großziehe. Auch Kott ist der Meinung, dass „wir für diejenigen verantwortlich sind, die wir großziehen, die weiterleben und sich an diesen Krieg erinnern werden“.

    Erinnerungskultur und Verantwortung

    Der Rektor des Russischen Instituts für Theaterkunst Grigori Saslawski erinnerte an das Schicksal eines Schlagers der Kriegszeit, in dem es hieß, „wenn es weit und breit keine Deutschen mehr gibt“. „Sobald aber der Krieg zu Ende war, wurde diese Stelle im Lied ersetzt durch ‚wenn es weit und breit keine Nazis mehr gibt‛. Auch bezeichnet heute Putin die Feinde nicht als Deutsche, sondern spricht von Petschenegen und Polowezern, die ein Problem für die alte Rus waren, um nicht daran zu erinnern, wer in historisch näheren Zeiten unser Feind war.“

    Der deutsche Botschafter in Russland Géza Andreas von Geyr sprach vom kollektiven Gedächtnis und der Verantwortung, davon, dass Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ein angesehenes Mitglied der Weltgemeinschaft geworden ist, weil es sich mit der eigenen Vergangenheit ehrlich auseinandergesetzt hatte. Das Land, das generell für den fürchterlichsten aller Kriege und den Holocaust verantwortlich sei, habe keine leicht zu verarbeitende Vergangenheit. Deutschland habe es gelernt, sich damit ehrlich auseinanderzusetzen, was für das Land ein wichtiges politisches Moment darstelle. Für das Wohl der kommenden Generationen müsse man diese Erinnerung aufrechterhalten und die Verantwortung für das Geschehene übernehmen.

    Abschließend bemerkte Medinski: „Historiker sind bemüht, das Vorgehen der Politiker verschiedener Länder im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges zu erforschen und zu analysieren. Es gilt, den Grad der Schuld eines jeden von ihnen abzuwägen, die Beweggründe der verschiedenen Staaten herauszubekommen, die schrittweise in den Zweiten Weltkrieg eingestiegen sind, und auch, ob sie ihn hätten vermeiden können. Was aber unter keinen Umständen geschehen darf, ist die Anzweiflung des Ergebnisses des Zweiten Weltkrieges. Die Beschlüsse, die von der ganzen zivilisierten Welt gemeinsam gefasst worden sind, dürfen nicht angezweifelt werden. Denn gerade diese Beschlüsse haben unseren heutigen Frieden gewährleistet. Sie zu revidieren wäre das Gleiche, als wenn man die Zehn Gebote revidieren würde. Über die Wahrheitstreue der biblischen Geschichten lässt sich unendlich streiten, man darf aber nicht so weit gehen, die Zehn Gebote aufzuheben. Wenn wir nämlich das Gebot „du sollst nicht töten“ abschaffen, reißen wir die Welt in den Abgrund“.

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    Deutschland, Tag des Sieges