21:20 05 August 2020
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    Der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum hat in einem Gespräch mit dem „Deutschlandfunk“ seinen Respekt für die russischen Befreier von Berlin bekundet. Laut Baum mussten die Russen für den Sieg über den Nationalsozialismus einen extrem hohen Preis zahlen – das dürfen die politischen Differenzen von heute nicht überdecken.

    Als Junge überlebte Baum die Bombardierung seiner Heimatstadt Dresden. Zwölf Jahre sei er damals gewesen, als schließlich die amerikanischen Truppen in seinem Fluchtort Tegernsee einmarschiert seien. Er habe selbst eine riesige Erleichterung empfunden. Das Nazi-Regime sei zusammengebrochen und für die Menschen von damals habe das einen Neuanfang bedeutet, so Baum. Der eigentliche Anlass dafür sei die Befreiung Berlins gewesen. Das dürfe man nicht vergessen.

    „Die Russen haben Berlin befreit unter unglaublichen Menschenopfern. Allein der Kampf um Berlin an der Oder hat 40.000 russischen Soldaten das Leben gekostet, in Berlin noch mal so vielen.“

    Deshalb habe er hohen Respekt vor den russischen Befreiern und vor den Familien, fügte der Politiker hinzu. „Fast jede russische Familie ist von diesen Opfern betroffen.“

    Baum verwies darauf, dass es wichtig sei, die Erinnerung von der heutigen politischen Situation zu trennen. Er habe in seinem Leben sehr oft Russland besucht – zum ersten Mal 1966. Dort habe er kaum Ressentiments gegen die Deutschen gespürt.

    „Und das müssen wir ernst nehmen. Es geht nicht jetzt darum, ob man das Putin-Regime bekämpft oder nicht, sondern es geht um das Gedenken. Und da verstehe ich es nicht, dass man zu bestimmten Ereignissen auch den jetzigen Staatschef Putin nicht eingeladen hat“, sagte der Politiker.

    Dabei stellte er klar, dass man jetzt nicht unbefangen die deutsch-russischen Beziehungen entwickeln könne. Er selbst sei Sohn einer Russin und spüre, wie die Russen denken. Die russische Situation sei gekennzeichnet durch Unterdrückung nach innen und Aggression nach außen. Das könne nicht verschwiegen werden.  

    „Aber wir sollten unsere Sympathien mit dem russischen Volk zeigen, gerade an einem Tag wie heute. Die Befreiung Berlins war dann das Ende des Krieges. Und für mich ist das Ehrenmal heute das russische Ehrenmal in Berlin zum Gedenken an die russischen Toten, die im Häuserkampf um Berlin ums Leben gekommen sind.“

    Erinnerung ist wichtig

    Im Hinblick darauf, dass heute viele junge Menschen in Deutschland mit den Ereignissen von damals wenig anfangen können, betonte Baum die Wichtigkeit der Erinnerung. Diese müsse den Jungen weitergeben werden. Ob es dafür einer Menge von Gedenktagen bedürfe, bezweifelte der Politiker.

    „Aber dass wir uns heute des Kriegsendes so erinnern, wie das geschieht, ist absolut notwendig. Und wir müssen den jungen Menschen auch vermitteln, dass wir auf einem dünnen Eis stehen. Die Befreiung ist kein dauerhafter Zustand“, so  Baum. Den müssten die Menschen verteidigen, wie auch das Grundgesetz.

    Auch über rechtsextremistische Tendenzen in der Gesellschaft zeigte sich der Politiker besorgt. Es schleiche sich ein Denken ein, das er für hoch gefährlich halte – ein Denken nämlich, dass der Zweite Weltkrieg und die damit verbundenen Verbrechen gar nicht so schlimm gewesen seien. „Bis hin zu der Denke, dass wir die eigentlichen Opfer sind. Schrecklich!“

    In dieser Frage könne es keinen Schlussstrich geben. Der Schlussstrich würde Deutschland der demokratischen Legitimation berauben. 

    mka/gs

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    Tags:
    Deutschland, Befreiung, Sowjetunion, Russland, Zweiter Weltkrieg