17:44 19 September 2020
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    Eine Umfrage unter Virologen, Immunologen und anderen in der Corona-Krise gefragten Medizinern hat ergeben, dass viele Angst haben, öffentlich Ihre Meinung zu äußern. Außerdem sehen die Experten einige Maßnahmen der Regierung skeptisch.

    Der wohl bekannteste Virologe, Christian Drosten, warnt immer wieder davor, auf die Meinung anderer Ärzte zu hören, die nicht kompetent genug wären, die Gefahren durch das neuartige Coronavirus einzuschätzen. So sagte Drosten bereits vor einem Monat in einem Videoclip des Bundesgesundheitsministeriums: „Verlassen Sie sich nicht auf irgendwelche Professoren oder Doktoren, die nur, weil sie Mediziner sind, für sich beanspruchen, Ahnung von diesen Dingen zu haben.“

    An diesem Dienstag legte der Star-Virologe von der Berliner Charité in seinem Podcast für den NDR nach, als er kritisierte, dass Ärzte und Professoren in Videos „irgendeinen Quatsch in die Welt setzen“. Möglicherweise sind es auch solche Äußerungen, die andere Virologen und Mediziner derzeit einschüchtern, obwohl sie selbst oft über jahrzehntelange Erfahrung auf dem Gebiet der Virenforschung und -bekämpfung verfügen.

    Ein Drittel sieht freie Meinungsäußerung bedroht

    So ergab nun eine Umfrage unter Virologen, Mikrobiologen, Immunologen, Intensivmedizinern und anderen Experten, deren Meinung eigentlich in der Corona-Pandemie gefragt sein sollte, dass viele Mediziner sich inzwischen eher zurückhalten. Aus der Umfrage des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg (UKE), der Gesellschaft für Virologie (GfV) und der Universität Tübingen geht hervor, dass rund ein Drittel der befragten Experten die freie Meinungsäußerung in der Wissenschaft aktuell bedroht sehen.

    Keine Diskussion – immer dieselben Interviewpartner

    Die Rolle der Medien wird von den befragten Medizinern und Wissenschaftlern zunehmend kritisch eingestuft und nur noch von 59 Prozent als sachlich empfunden. Bei einer ähnlichen Umfrage Anfang April unter damals 197 Medizinern empfanden noch 79,7 Prozent die Berichterstattung als sachlich. Die Experten vermissen inzwischen eine ausgewogene Berichterstattung (82,6 Prozent) – zu oft würden die gleichen befragt. Außerdem, so die Aussage von 62,9 Prozent, fehle eine konstruktive Fachdiskussion mit unterschiedlichen Positionen der Experten. Jeder zehnte Befragte beklagte sich zudem über eine sehr restriktive Informationspolitik einiger Universitäten, sogar ein Drittel aller Expertinnen und Experten sieht die freie Meinungsäußerung in der Wissenschaft als bedroht. Professor Michael Schindler, Leiter der Molekularen Virologie an der Uni Tübingen, erklärt hierzu: „Ein aus unserer Sicht bedenkliches Ergebnis. Wenn sich ein Drittel der Fachkolleginnen und Kollegen in Ihrer freien Meinungsäußerung bedroht sieht, sollten wir unsere Diskussionskultur grundsätzlich hinterfragen.“

    Zweifel an Kitas- und Schulschließungen und Mund-Nasen-Schutz

    Die Umfrage unter 178 Medizinern brachte noch andere erstaunliche Ergebnisse. So sehen nur fünf Prozent der befragten Experten Kitas- und Schulschließungen als wichtige Maßnahme an.

    Die Ergebnisse bezüglich der Sinnhaftigkeit von Mund-Nasen-Bedeckung sind sehr ambivalent: Obwohl sie in den Antworten der Wissenschaftler häufig als Maßnahme genannt werden, ordnen die Experten die Masken nur selten als wichtig ein. Harte wissenschaftliche Belege für die Schutzwirkung von Masken, ob professioneller Mund-Nasen-Schutz oder selbst hergestellte („Alltags“-) Atemmasken, sind den wenigsten Experten bekannt. Über 70 Prozent sehen hingegen Risiken durch falsche Handhabung der Masken. „In diesem Zusammenhang hat uns die diskrepante Haltung gegenüber dem Thema Atemmasken überrascht. Obwohl keine oder widersprüchliche Evidenz zu deren Schutzwirkung bekannt ist, befürworten ein Großteil das Tragen z. B. im ÖPNV“, kommentiert Schindler und ergänzt: „Auch Wissenschaftler sind nur Menschen und scheinen bei einigen Themen eher ihrem Bauchgefühl zu vertrauen.“

    Nur noch jeder Zweite unterstützt Corona-Maßnahmen

    Die Zustimmung zu den von der Bundesregierung getroffenen Maßnahmen ist allgemein auch unter den Wissenschaftlern gesunken und wird zum aktuellen Zeitpunkt nur noch mit 50,1 Prozent befürwortet – bei einer Erstbefragung Ende März waren dies noch 80,7 Prozent. Die Aussage, das öffentliche und wirtschaftliche Leben wiederherzustellen, im Alltag jedoch weitestgehend Atemmasken zu nutzen, befürworten 62,9 Prozent, bei der Erstbefragung lag diese Zahl noch bei 16,8 Prozent. 

    Allerdings zeigt die aktuelle Umfrage auch, dass mehr als 70 Prozent der Befragten die Abstandsregel von zwei Metern sowie das Verbot von Großveranstaltungen als potentielle Maßnahme zur Kontrolle und Eindämmung von SARS-CoV-2 befürworten und sogar favorisieren.

    50 Prozent Durchseuchung bei einem Prozent Sterberate

    Wenig oder gar nicht verändert hat sich die Einschätzung der Expertinnen und Experten zu Verlauf und Schwere der Erkrankung. Im Durchschnitt gehen sie von einer Ansteckung von bis zu 50 Prozent der Bevölkerung mit dem Coronavirus aus. Die Notwendigkeit einer intensivmedizinischen Behandlung wird bei etwa fünf Prozent gesehen mit einer Sterblichkeit von einem Prozent. 

    Bei der Befragung wurden die Rückmeldungen von 178 Probanden ausgewertet und zudem den Ergebnissen einer Erstbefragung mit 197 Personen gegenübergestellt. Über eine anonyme Online-Befragung haben Experten aus den Fachgebieten der Virologie, Mikrobiologie, Hygiene, Tropenmedizin, Immunologie, Inneren Medizin und Intensivmedizin mit abgeschlossener Berufsausbildung teilgenommen. Die Resultate sind als Meinungsbild zum aktuellen Zeitpunkt in Deutschland zu bewerten.

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    Tags:
    Meinungsfreiheit, Coronavirus, Christian Drosten