02:13 15 Juli 2020
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    Fünf gewichtige Verbände, die sich mit Kinder- und Jugendmedizin beschäftigen, fordern in einem Aufruf, Kindergärten und Schulen umgehend und vollständig zu öffnen. Damit stellen sie sich in Opposition zum Virologen Drosten und zur Bundesregierung. Familienministerin Giffey unterstützt die Forderung, will aber wissenschaftliche Evidenz abwarten.

    Es sind nicht irgendwelche Verbände, die sich da in direkte Opposition zu den derzeitigen Corona-Vorgaben der Bundesregierung stellen. Für ihren gemeinsamen Appell haben sich die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH), die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), die Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ), die Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin (GHUP) und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland (bvkj e.V.) zusammengeschlossen. Sie fordern, Schulen und Kitas sollen wieder geöffnet werden. Der Schutz von Lehrern, Erziehern, Betreuern und Eltern sowie die allgemeinen Hygieneregeln stehen dem nicht entgegen, heißt es in dem Aufruf.

    Was schlagen die Verbände praktisch vor?

    Die Medizinerverbände fordern, Kitas, Kindergärten und Grundschulen zeitnah - unter Berücksichtigung der regionalen Neuinfektionsrate und der vorhandenen Kapazitäten - wiederzueröffnen. Dies sei auf Seiten der Kinder ohne massive Einschränkungen, wie zum Beispiel durch Kleinstgruppenbildung und Barriereschutzmaßnahmen wie Abstandswahrung und Maskentragen, möglich, heißt es in dem Aufruf. „Entscheidender als die individuelle Gruppengröße ist die Frage der nachhaltigen Konstanz der jeweiligen Gruppe und Vermeidung von Durchmischungen.“, bemerken die Experten.

    Hygieneregeln für die Kleinen

    Natürlich sollten die allgemeinen Hygieneregeln auch in Kitas gelten. Hierzu empfehlen die Mediziner: „Kinder können in Grundregeln der Hygiene wie Händewaschen und achtsames Hygieneverhalten im Umgang miteinander, beim Essen und in den Sanitäreinrichtungen spielerisch und kindgerecht unterwiesen werden. Dies und die dazu erforderliche angemessene Ausstattung aller Schultoiletten und Händewaschplätze mit Seifenspendern und Papierhandtüchern hätte nach heutigem Wissensstand langfristig erhebliche positive Auswirkungen auf die Ausbreitung vieler anderer kontagiöser Erreger in solchen Einrichtungen.“

    Auch der Schutz des Lehr-, Erziehungs- und Betreuungspersonals sollte gewährleistet werden. Hierzu empfehlen die Mediziner die Abstandswahrung untereinander, Mund-Nasen-Schutz, je nach Möglichkeit Händedesinfektion und gegebenenfalls regelmäßige Coronatests der gesamten Belegschaft.

    Für Schulkinder, vor allem für die älteren Kinder und Jugendlichen ab 10 Jahren halten die Experten es für noch einfacher, diese aktiv in konkrete Hygieneregeln einzubeziehen. „Hier erlauben eine weitgehende Abstandswahrung (1,5 m), das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung (solange die Schüler nicht an dem ihnen zugewiesenen Platz sitzen) und die konsequente Erziehung in den Grundregeln der Infektionsprävention größere Spielräume für eine Normalisierung des Unterrichtsbetriebes.“, heißt es in dem Aufruf.

    Begleitende Untersuchungen

    Des Weiteren empfiehlt die Expertengruppe, „die Öffnung der Schulen und Kindereinrichtungen sollte durch strukturierte wissenschaftliche Surveillance-Untersuchungen exemplarisch begleitet werden, die die noch offenen Fragen zum infektiologischen Geschehen und Hygienemanagement weitergehend abklären.“ Diese begleitenden Untersuchungen seien essentiell, um die Wirksamkeit der bereits jetzt geforderten Hygienemaßnahmen zu evaluieren und zu verifizieren.

    Die Verfasser der fünf Wissenschaftsverbände fordern, die Erkenntnisse zur Rolle von Kindern bei der Corona-Pandemie sollten „entsprechende gesellschaftspolitische Entscheidungen im Rahmen des Pandemiemanagements grundlegend leiten“.

    Giffey offen für Diskussion über Kita- und Schulöffnung

    Von dieser Forderung fühlte sich Bundesfamilienministerin Franziska Giffey direkt angesprochen. Seit Wochen ringt die Ministerin mit den einzelnen Bundesländern um eine Lösung für Kitas und Schulen. In einer ersten spontanen Reaktion auf den Aufruf der Verbände hat sich Giffey zumindest für die Prüfung einer schnelleren Öffnung von Kitas und Schulen ausgesprochen. Wenn sich wirklich bewahrheiten sollte, dass Kinder eine geringere Infektions- und Ansteckungsrate hätten, könne man anders über die Rückkehr zum vollständigen Regelbetrieb diskutieren, sagte die SPD-Politikerin der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

    Im Moment ist es so, dass an den Kitas in den meisten Bundesländern nur ein Notbetrieb in kleinen Gruppen zugelassen ist. 60 bis 90 Prozent der Kitakinder müssen zuhause bleiben. Dies wird für Eltern und Kinder immer mehr zu einer Zerreißprobe. Die Eltern müssen arbeiten und die Kinder vermissen ihre Freunde und pädagogische Impulse in der Gemeinschaft außerhalb des Elternhauses. Die Überlastung der Eltern führt verstärkt zu häuslicher Gewalt.

    Wie ist der Stand der Wissenschaft?

    Wie ist die wissenschaftliche Einschätzung in Bezug auf die Ansteckungsgefahr von Kindern? Äußerst widersprüchlich. Während der Chef der Virologie an der Charité Berlin Christian Drosten vermutet, dass Kinder genauso ansteckend sind wie Erwachsene, belegen viele internationale Studien das Gegenteil. Kinder und Jugendliche erkranken nach den bislang vorliegenden Erkenntnissen nicht nur seltener, sondern auch im Falle einer Infektion in der Regel weniger schwer als Erwachsene. Todesfälle bei Kindern und Jugendlichen durch COVOD-19 sind extrem selten. Auch in anderen Ländern gibt es bislang nur wenige Einzelfälle.

    Bei einer Studie in Island fand sich unter 13.000 getesteten Personen nicht ein infiziertes Kind. Auch in den Niederlanden kamen Wissenschaftler zu der Erkenntnis, dass Kinder kaum ansteckend sind. Die Bedeutung von Schul- und Kita-Schließungen auf die Dynamik der weiteren Infektionsausbreitung wird von den Experten in den Niederlanden und in Island als gering eingeschätzt. Die Kitas wurden in Holland am 11. Mai wieder vollständig geöffnet. In Island wurden Schulen und Kitas nie vollständig geschlossen.

    Drosten versus Medizinerverbände

    Der vielleicht wichtigste Sars-CoV-2-Experte in Deutschland Christian Drosten von der Charité Berlin hatte auf eine Untersuchung seines Krankenhauses hingewiesen, in der bei infizierten Kindern eine ähnlich hohe Viruskonzentration im Rachen nachgewiesen wurde wie bei Erwachsenen. Daraus schloss Drosten Ende April, dass Kinder ähnlich hoch ansteckend seien. Dem widersprechen die Wissenschaftler in ihrem Aufruf:

    „Dass auch wenig symptomatische Kinder das Virus in der gleichen Konzentration in nasopharyngealen Sekreten ausscheiden wie symptomatische Erwachsene, ist für Kinder- und Jugendmediziner kein erstaunlicher Befund. Daraus ein höheres Übertragungsrisiko von Kindern auf andere Personen (v.a. auf Erwachsene) abzuleiten, widerspricht der Beobachtung, dass bei den meisten gesicherten SARS-CoV-2 Nachweisen bei Kindern eine erwachsene Kontaktperson (z.B. ein Elternteil) die Ansteckungsquelle war.“, heißt es in dem Aufruf.
    Die Infektionsübertragung auf Kinder innerhalb von Familien erfolgt in der Regel durch infizierte Erwachsene, während Belege für eine Transmission auf mehrere Erwachsene durch ein infiziertes Kind bisher fehlen.

    Deutlich geringere Ansteckungsrate bei kleinen Kindern

    Insbesondere bei Kindern unter 10 Jahren sprechen die aktuellen Daten sowohl für eine geringere Infektions-als auch für eine deutlich geringere Ansteckungsrate. Der Anteil von Kindern der Altersgruppe bis 10 Jahre an allen positiv getesteten Patienten weltweit liegt bislang bei 1 bis 2 Prozent und erreicht maximal 6 Prozent bis zum Alter von 20 Jahren. In Deutschland lag der Anteil der Kinder unter 10 Jahren bei 1,9 Prozent und von 10 –19 Jahren bei 4,3 Prozent.

    Wie hoch die Gefahr ist, dass infizierte Kinder andere Menschen anstecken, ist bislang nicht zweifelsfrei geklärt. Hierzu läuft gerade eine Studie mit 6000 Kindern in Hamburg. Mit ersten Ergebnissen wird nicht vor Mitte Juni gerechnet. Zahlreiche Erkenntnisse sprechen jedoch gegen ein erhöhtes Ansteckungsrisiko durch Kinder. Ersten Analysen aus China belegen, dass Kinder und Jugendliche bei der Virusübertragung auf andere Kinder und Jugendliche, aber auch auf Erwachsene, eine untergeordnete Rolle spielen.

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    Tags:
    Öffnung, Schule, Kita, Coronavirus