11:46 31 Oktober 2020
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    Als eine wenngleich späte Würdigung des furchtbaren Leides der Russlanddeutschen nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion hat der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Dr. Bernd Fabritius, die Leistung symbolischer Entschädigungen in Höhe von 2500 Euro pro Person bezeichnet, die 2020 abgeschlossen wird.

    Damit verbindet er die Hoffnung, „dass die Empfänger diese Leistung versöhnend empfinden können.“ Viele Russlanddeutsche befanden sich in den Kriegsjahren in der sogenannten Trudarmee (sowjetische Arbeitslager). Beim Bundesverwaltungsamt gingen mehr als 20.000 Anträge der Trudarmisten aus der früheren UdSSR auf Entschädigung ein. Bis Ende März wurden laut Angaben der deutschen Seite 97 Prozent der Anträge geprüft. 90 Prozent der Antragsteller sind älter als 80 Jahre. Etwa zwei Drittel davon sind Frauen.

    Laut Sebastian Klappert, Referent im deutschen Bundesministerium des Innern, der den Prozess der Entschädigungsleistung koordiniert, hat niemand mit einer so großen Zahl von Anträgen gerechnet. „Dies bedeutete für uns eine große Herausforderung“, so der Beamte. Kompliziert war auch die Kommunikation mit den sehr betagten Menschen, die dazu noch oft an Demenz litten, um irgendwelche Punkte zu präzisieren, die ihren Aufenthalt im Arbeitslager betrafen. Eine große Hilfe leistete dabei der Internationale Verband der deutschen Kultur (IVDK) An das Bundesverwaltungsamt wurden vom Verband 117 Anträge gestellt. Meistens haben die Russlanddeutschen das selbst gemacht.

    Natalia Dempke, Ex-Vorsitzende des Interregionalen Koordinierungsrates der Zentralregion Russlands und der Region Nordwest merkte an: „Neben dem fortgeschrittenen Alter der Antragsteller fehlten ihnen oft Deutschkenntnisse und Nachweisdokumente, die man Körnchen für Körnchen wiederbeschaffen musste, für das Wohl dieser Menschen.“

    Ludmila Wownjanko, Tochter einer ehemaligen Trudarmistin berichtet: „Meine Mutter Marija Becking war noch am Leben, als sie erfuhr, dass die deutsche Bundesregierung sie unterstützen will. Mama lebte auf, obwohl sie schon sehr krank war. Schließlich begann sie, den Kindern über die Trudarmee zu erzählen. Ihr ganzes Leben lang schwieg sie darüber und nun kam es zur Sprache. Sie hat sogar ein Gedicht geschrieben. Bald darauf ist meine Mutter verstorben, und das Geld für ihr gebrochenes Leben erhielten wir, ihre Kinder. Wir möchten den Deutschen danken, nicht so sehr für das Geld, sondern vielmehr für die Anerkennung und das Gedenken, die die Trudarmisten sicherlich verdient haben!“

    „Leider hat mein Vater den Tag des Entschädigungseingangs nicht erlebt“, schreibt der Sohn eines Trudarmisten, Pjotr Rempel, „aber uns sind in unserer Familie seine Erinnerungen aus jener schweren Zeit gegenwärtig und darüber, unter welchen Bedingungen er, der damals noch fast ein Kind war, 16 Stunden am Tag im Schacht arbeiten musste. Ich möchte meinen Dank an die deutsche Regierung für die erwiesene Hilfe richten und auch an all diejenigen, die dabei mitwirkten.“

    „Für eine angenehme Überraschung sorgte die Entschädigungsleistung für Frieda Benz im Vorfeld ihres 90. Geburtstages“, so die Vorsitzende des Koordinierungsrates der Deutschen im Verwaltungsgebiet Kemerowo, Sofija Simakowa. „Auch das Ehepaar Schulz erhielt die Entschädigungsleistung vor ihrer Diamantenen Hochzeit. Als Frieda Schulz den Brief aus Deutschland sah, war sie tief gerührt und wollte ihn gleich lesen. Aber dort stand alles auf Deutsch. Die Enkelin war nicht da, und der Urenkel konnte kein Deutsch. Nun wartete die ganze Familie auf die Übersetzung. Nur das einzige Wort ‚Frau‘ verstand Frieda, obwohl sie fast nichts sieht. Allein über dieses Wort freute sie sich sehr und lächelte. Wie wenig braucht man mit 92 Jahren!“

    Ehepaar Schulz während ihres Hochzeit-Jubiläums
    © Foto : IVDK/Privatfoto
    Ehepaar Schulz während ihres Hochzeit-Jubiläums

    „Die Russlanddeutschen sehen mit großem Respekt“, sagte im Sputnik-Gespräch Olga Martens, IVDK-Vizevorsitzende, „wie Deutschland auch 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges der Verantwortung für seine Folgen gerecht wird und die Deutschen im Ausland unterstützt, die nur aufgrund ihrer Nationalität litten. Sie bemerkte, dass dies nicht das einzige Programm sei. Die Bundesregierung und der Deutsche Bundestag nähmen Entschädigungsleistungen für Opfer des Nationalsozialismus nicht von der Tagesordnung. Seit einigen Jahren zahlt Deutschland Entschädigung an KZ-Überlebende und Zwangsarbeiter aus Osteuropa.“

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    Tags:
    Versöhnung, Krieg, Entschädigung, Deutschland, Russlanddeutsche