19:21 28 Oktober 2020
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    Kommt es in der Bundesrepublik durch die Corona-Krise vermehrt zu Selbsttötungen? Was bewirken die Pandemie und die Angst vor dem Corona-Virus? Warum protestieren zahlreiche Menschen gegen die Anti-Corona-Maßnahmen? Diese und andere Fragen hat der Soziologe Hartmut Rosa gegenüber ausländischen Korrespondenten beantwortet.

    Es kommt in Folge der Corona-Krise nicht zu mehr Selbstmorden (Suiziden) in Deutschland. Das sagte der Soziologe Hartmut Rosa am Montag in einem Online-Pressegespräch mit Korrespondenten ausländischer Medien. Er widersprach damit Befürchtungen von Rechtsmedizinern und Psychiatern, die vor vermehrten Selbsttötungen in Folge der Corona-Krise warnen.

    Rosa sieht aber wie sie zunehmende psychische Folgen und Probleme wie Depressionen und psychosomatische Erkrankungen. Die seien zum einen bedingt durch die Angst vor dem Virus Sars-Cov 2 und die von ihm laut Weltgesundheitsorganisation WHO ausgelöste Krankheit Covid-19. Zum anderen sei das Folge der Beschränkungen des gesellschaftlichen Lebens, die verstärkt zu Einsamkeit und Isolation führten, so der Soziologe von der Universität Jena in Thüringen.

    „Die Suizid-Raten scheinen eher abgenommen zu haben“, sagte Rosa mit Verweis auf entsprechende Untersuchungen. Das habe werde durch generelle Beobachtung bestätigt, dass in Krisen- und Notzeiten die Zahl der Selbsttötungen abnehmen. Dafür sorge das Gefühl, „gemeinsam in einer Krisenlage zu sein“. Der und die Einzelne würden sehen: „Nicht ich bin das Problem, sondern wir alle sind in einer solchen Lage.“

    Massiver Stillstand

    Die Bedrohung bzw. der Feind kämen in solchen Situationen von außen.

    „Das weckt Handlungs- und Widerstandskräfte. So lässt sich erstaunlicherweise feststellen: In Krisenzeiten nehmen Suizid-Raten und Depressionsneigung erstaunlicherweise zumindest tendenziell eher ab.“

    Zu den psychologischen Folgen der Corona-Krise gebe es aber noch nicht ausreichend soziologische Untersuchungen, um endgültige Aussagen treffen zu können.

    Der Soziologe beschäftigt sich seit langem mit gesellschaftlichen Entwicklungen ebenso wie soziologischen und psychosozialen Krisen. Vor mehreren Jahren veröffentlichte er unter anderem das Buch „Beschleunigung und Entfremdung“. So ging er in dem Gespräch mit Mitgliedern des Vereins der ausländischen Presse in Deutschland (VAP) auch auf diese gesellschaftlichen Prozesse ein.

    Gegenwärtig sei das „Gegenteil von Beschleunigung“ zu erleben, stellte Rosa fest. „Das gleicht eigentlich so etwas wie einem Unfall.“ Der Soziologe verglich das mit einem Fahrrad, das nur stabil gehalten werden kann, wenn es immer schneller fährt, aber plötzlich angehalten wird. Seine These:

    „Wir haben das erste Mal seit 250 Jahren eine massive Entschleunigung, eine massive Verlangsamung. Diese Verlangsamung ist nicht unmittelbar vom Virus verursacht.“

    Die Ursache dafür sieht er in der politischen Reaktion auf die Corona-Pandemie, welche von der WHO am 11. März ausgerufen wurde. „Wir haben das erste Mal mit den Mitteln des politischen Handelns, des Regierens, einen massiven Stillstand der Antriebsräder der Moderne erreicht.“ Rosa sieht darin eine „Chance zur politischen Ermächtigung“, weil es zeige, was politischer Wille erreichen könne.

    Historischer Ausnahmezustand

    Für den Soziologen handelt es sich um einen weltweiten „historischen Ausnahmezustand“. Nach diesem werde entweder zu den alten Verhältnissen zurückgekehrt oder ein „Pfadwechsel“, eine Kurskorrektur vorgenommen. Es gebe aber kein soziologisches Modell dafür, wie es nach der Krise weitergehen kann, betonte er.

    Diese globale historische Ausnahmezustand treffe alle gesellschaftliche Schichten, „wenn auch auf unterschiedliche Weise“. Er habe alle Prozesse verlangsamt und auch die Reichweiten verkürzt. Das zeige sich an den globalen Bewegungsprofilen, von individuellen Bewegungen der einzelnen Menschen über Transportwege bis hin zum globalen Flugverkehr. Das sei Folge der massiven „Lockdown“-Regeln.

    „Das schafft nicht einmal ein Krieg“, hob der Soziologe hervor. Krieg sei immer eine Generalmobilmachung aller gesellschaftlichen Ressourcen, die viele Dinge in Bewegung setze. Der räumliche Horizont der Menschen sei durch die Corona-Pandemie auf ihren Wohnort begrenzt worden. „Zeitlich konnte niemand weiter rechnen als zwei Wochen, weil keiner wusste, was danach sein wird.“

    Soziale Unterschiede

    Das habe alle Menschen getroffen, mit unterschiedlichen Folgen für die verschiedenen sozialen Gruppen. Für Privilegierte wie Reiche, Vermögende oder Staatsbeamte seien die individuellen Folgen beherrschbar., auch wegen ihrer Wohnsituation. Sie hätten durch die Entschleunigung sogar „angenehme Erfahrungen“ gemacht und „Zeit im Überfluss“ bekommen, so Rosa.

    Alle habe aber die Angst vor dem Virus getroffen, während für sozial benachteiligte Gruppen soziale Ängste hinzukommen. Dazu gehörten insbesondere die vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und des damit verbundenen Einkommens. Für einige Gruppen sei noch ein politisches Bedrohungsgefühl hinzugekommen.

    „Das Corona-Virus hat Entfremdungserfahrungen auf allen möglichen Ebenen verstärkt“, sagte er auf eine entsprechende Frage von Sputniknews. „Entfremdung stellt sich ein, wenn jemand das Gefühl hat, die Welt ist gefährlich, bedrohlich oder Abscheu erregend.“ Das Misstrauen sei körperlich spürbar geworden, erklärte Rosa, bestimmt von der Angst vor dem unsichtbaren Virus.

    Trennende Masken

    Das werde auch an den Gesichtsmasken deutlich. Dies seien etwas, was zwischen den Menschen und ihrer Umwelt steht:

    „Atmen ist die Grundform der Weltbeziehung. Wir atmen immer zu Welt ein und aus. Wenn das Gefühl da ist, es ist gefährlich geworden zu atmen, dann ist das die fundamentalste Störung oder Entfremdung von der Welt, die wir überhaupt haben können.“

    Zudem sei das Gesicht mit Mimik und Stimme ein „zentrales Resonanzfenster“ im Austausch zwischen Menschen. Wenn das verhüllt werden müsse, werde das als spürbare Entfremdung wahrgenommen, so Rosa über die psychischen Folgen. Dadurch werde auch „der Andere, der Fremde, der da vorbei geht, jetzt erst Recht zur Bedrohung, zur lebensgefährlichen Gefahr“. Diese Tendenz sei schon vorher in der Gesellschaft vorhanden gewesen, werde jetzt aber mit dem Corona-Virus begründet.

    Verlorene Kontrolle

    Das habe auch zu einem „Selbstmisstrauen“ geführt, „weil wir das Virus ja nicht sehen, nicht hören, nicht fühlen und nicht schmecken können“. Das untergrabe die individuelle Überzeugung, selbst fähig zu sein, zu handeln. Für den Soziologen ist das Virus der „Inbegriff von Unverfügbarkeit“, dem Gegenteil von der Fähigkeit, etwas beherrschen oder kontrollieren zu können. Moderne Gesellschaften seien eigentlich darauf ausgerichtet, die Welt verfügbar zu machen, sie zu beherrschen und berechenbar zu machen.

    Die Bedrohung durch das neue Corona-Virus werde in der Bundesrepublik „fast nur medial vermittelt “, betonte der Soziologe. „In Deutschland hat ja kaum jemand unmittelbare Erfahrung von Krankheit oder sogar Tod gehabt, sondern das wurde nur über die Medien wahrgenommen.“

    Zugleich habe die Pandemie die bisherigen gesellschaftlichen Muster wie das Gefälle zwischen Reich und Arme verstärkt, stellte Rosa fest, „zum Teil wie in einem Brennglas“. So zeige sich in den USA eine deutliche soziale Spaltung mit „massiven Unterschieden“ zwischen den ethnischen und sozialen Gruppen. Das habe sehr viel mit den Lebensbedingungen wie den Wohnverhältnissen zu tun.

    Verstärkte Muster

    Das System der Gesundheitsversorgung spielt aus Sicht des Soziologen ebenfalls eine große Rolle, ob alle die notwendige Behandlung bekämen oder es eine Sache des Geldbeutels sei. Zudem sei da Risiko, in Folge der Krise arbeitslos zu werden oder gar kein Einkommen mehr zu haben, „sehr ungleich verteilt“.

    So wirke sich die seit langem beobachtete Trennung der Beschäftigten von Unternehmen in Festangestellte und Leiharbeiter verschärft aus. Die prekär und befristet Beschäftigten würden als Erste entlassen.

    „Da wiederholen sich Muster, die ohnehin zu sehen sind“, sagte Rosa. Zudem seien Frauen stärker betroffen, weil bisherige Betreuungseinrichtungen für Kinder und andere Familienangehörige ausgefallen seien. „Das ist eine der großen Sorgen, dass sich in dieser Hinsicht das Rad zurückgedreht haben könnte.“

    Der Soziologe warnte ebenso davor, die Folgen für Kinder und Jugendliche zu unterschätzen. Die seien zwar nach bisherigen Erkenntnissen weniger gesundheitlich vom Virus gefährdet. Die Heranwachsenden würden ebenfalls einen „hohen Preis“ bezahlen, weil sie wochen- bis monatelang nicht in die Kita oder die Schule gehen können. Das habe Folgen für das soziale Miteinander und die Bildungschancen der Jüngeren.

    Heterogene Opposition

    Rosa meinte, in Ostdeutschland seien das Misstrauen und die Sorge größer, dass die Krise ein Instrument sein kann, die politische Überwachung hochzufahren. In den ostdeutschen Bundesländern werde aufgrund der historischen Erfahrung eher befürchtet, politisch gegängelt zu werden. Aus seiner Sicht zeigen sich in der Corona-Krise an den Orten besonders deutlich Konflikte, wo es schon zuvor zu solchen zwischen Bürgern und Staat gekommen sei. Das sei in Stuttgart oder eben in Ostdeutschland der Fall.

    Er sprach auf die Frage nach jenen, die gegen die Maßnahmen in der Corona-Krise protestieren, von einer „heterogenen Opposition“ mit verschiedenen politischen Motiven. Diese Opposition eine nur das Misstrauen gegenüber staatlicher Lenkung und Steuerung sowie den staatlichen und ökonomischen Eliten, so der Soziologe.

    „Die Menschen wollen sich nicht vorschreiben lassen, wie sie zu leben haben.“ Rosa verweigerte, die protestierenden Gruppen in das Links-Rechts-Schema einzusortieren oder sie gar alle als von Rechten vereinnahmt zu bewerten.

    „Das vermischt sich stark mit liberalen Motiven. Das man mir vorschreibt oder verbietet, anderen die Hand zu schütteln. Dass man mich zwingen will, mein Gesicht zu verhüllen. Es gibt eine erstaunlich große Zahl von Menschen, die das als physischen, unerhörten Zwang erlebt. Das weckt fast instinktiv Abwehrgefühle.“

    Abgelehnte Andersdenkende

    Zuvor hatte er auf Ergebnisse von soziologischen Studien zu jenen hingewiesen, die den bisherigen gesellschaftlichen Mustern der Beschleunigung und Effizienz folgten. Diese würden „den politisch Andersdenkenden immer stärker mit Ekel und Abscheu betrachten“. Der Soziologe erklärte das damit, dass die Menschen gezwungen seien, „permanent effizienter zu sein, zu optimieren, Dinge verfügbar zu machen. Deshalb wollen wir andere Menschen, die anders denken, am besten ausschalten. Die kommen uns immer nur wie Hindernisse vor.“

    Zwar würden immer noch laut Umfragen etwas zwei Drittel der Bundesbürger den einschränkenden Maßnahmen zustimmen. Diese hätten „das Gefühl, wir handeln politisch gegen das Corona-Virus, wir unternehmen etwas“. Aber das andere Drittel habe massiv das Gefühl, „die wollen uns zu etwas zwingen“. Rosa verwies darauf, dass rechtspopulistischen Kräfte wie die Partei AfD derzeit nicht zu den Nutznießern der Stimmung gehören.

    Die rechten Kräfte in der Bundesrepublik wie die AfD sind für den Soziologe nicht diejenigen, die den notwendigen Pfadwechsel nach der Corona-Krise bewirken können. Aber auch die linken Kräfte sieht er dazu nicht in der Lage, wie er auf Sputnik-Nachfrage erklärte. Das erwarte er ebenso wenig von den Grünen, von denen kaum noch Impulse für Veränderungen ausgingen.

    „Ich glaube, die Erneuerungskraft kommt nicht aus den etablierten Gruppen oder Parteien“, sagte Rosa. Die sei eher von Gruppen am Rand der Gesellschaft und deren etablierten Strukturen sowie von Jugendlichen zu erwarten, meinte er. „Gesellschaften müssen durch Jugendliche herausgefordert werden.“ Die Schüler-Bewegung „Fridays for Future“ könne ein Beispiel dafür sein.

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