00:03 10 Juli 2020
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    Was macht den Menschen in der Bundesrepublik derzeit die meisten Sorgen? Wie sehen sie das Handeln von Politik und Behörden? Wem vertrauen sie in der Krise und wie sehen sie die Anti-Corona-Maßnahmen? Diese und andere Fragen beantwortet eine Sonderausgabe des „Sicherheitsreports 2020“ auf Grundlage einer Umfrage.

    Die Angst vor Infektionen nimmt unter den Bundesbürgern ab, während die vor den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise zunimmt. Das zeigt die am Dienstag in Berlin vorgestellte Sonderausgabe des „Sicherheitsreports 2020“. Danach machen sich 76 Prozent der Bürger Sorgen über die Auswirkungen auf die Wirtschaft.

    Der Studie zufolge hat die Angst der Bundesbürger, sich persönlich mit dem Corona-Virus zu infizieren, in den letzten Wochen deutlich abgenommen. „Im April fürchteten noch 44 Prozent eine Infektion, aktuell 31 Prozent.“ Zwei Drittel der Befragten würden die Maskenpflicht in der derzeitigen Situation weiterhin als notwendig ansehen, „auch wenn viele sie als nervig empfinden“.

    Die Mehrheit der Bürger richte sich darauf ein, dass ein normales Leben ohne Einschränkungen erst nach einem längeren Zeitraum wieder möglich ist. „38 Prozent gehen von mehreren Monaten aus, 51 Prozent von einem längeren Zeitraum.“

    Sorgen über wirtschaftliche Entwicklung

    70 Prozent erwarten dem Report zufolge, dass sich die Konjunktur in den nächsten zwölf Monaten nicht erholt, während 40 Prozent mit einem noch längeren Abschwung rechnen. Zwar würden 57 Prozent der Befragten die staatlichen Stützungsprogramme für die Wirtschaft für hilfreich halten. Aber gleichzeitig sei eine Mehrheit überzeugt, dass den meisten Unternehmen nicht ausreichend geholfen werde.

    „Aktuell ist jeder Fünfte persönlich von Kurzarbeit und Betriebsschließungen betroffen; 17 Prozent haben in ihrem Haushalt Angehörige, die betroffen sind.“

    Die Unternehmen seien stärker betroffen als die große Mehrheit der Bevölkerung, so die Autoren des Reports. 58 Prozent der Bürger würden ihre derzeitige wirtschaftliche Situation mit gut oder sehr gut bewerten. Dieser Anteil sei vor der Corona-Krise ähnlich hoch gewesen.

    Klimawandel macht mehr Angst

    „Wieweit die Krise den Wohlstand der Bevölkerung angreift, wird sich erst in einigen Monaten abschätzen lassen“, erklärte Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) dazu. „Wenn es in der Mehrzahl der Fälle bei einer vorübergehenden Kurzarbeit bleibt, könnte die Krise für die überwältigende Mehrheit vorerst glimpflich verlaufen“, schätzte sie ein.

    Der „Sicherheitsreport“ wird seit 2011 vom Centrum für Strategie und Höhere Führung herausgegeben. Die entsprechenden Umfragen führt das Institut für Demoskopie (IfD) Allensbach mindestens einmal pro Jahr durch. Dabei geht es um die Risikowahrnehmungen und -einschätzungen der Bevölkerung. Für die Sonderausgabe des Sicherheitsreports wurden den Angaben nach zwischen 6. und 14. Mai insgesamt 1013 Interviews mit einem repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung ab 16 Jahre durchgeführt.

    Laut der Sonderausgabe des Reports wird die Rangliste der Sorgen der Bundesbürger „nach wie vor von den Folgen des Klimawandels angeführt“. Ängste um die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes hätten zwar zugenommen haben. Sie würden in der Rangliste aber immer noch „relativ weit unten rangieren“.

    Lob für Krankenhäuser und Unternehmen

    Das Handeln von staatlichen und öffentlichen Behörden und Institutionen wird mehrheitlich positiv bewertet. Die überwältigende Mehrheit der Befragten bescheinigt laut dem Report vor allem den Krankenhäusern und den Unternehmen ein gutes Krisenmanagement. „92 Prozent haben den Eindruck, dass sich die Krankenhäuser in der Krise gut geschlagen haben. 70 Prozent attestieren dies auch dem eigenen Arbeitgeber.“

    Das Bildungssystem und die kommunale Verwaltung, die Ämter und Behörden vor Ort, werden den Angaben nach schwächer bewertet. Nur rund die Hälfte der Bürger meine, dass diese auf die Ausnahmesituation gut reagiert haben. „54 Prozent bewerten die Einsätze der Polizei als hilfreich, jeder Fünfte bewertet sie als weniger hilfreich.“

    Gleichzeitig sei eine „überwältigende Mehrheit“ für mehr Geld für Schulen und für das Gesundheitssystem. „86 Prozent der Bürger fordern mehr Investitionen in die Ausstattung der Schulen, 84 Prozent mehr Mittel für das Gesundheitssystem.“

    Lob für Gesundheitswesen und Wissenschaft

    Auch für Familien mit Kindern, für Digitalisierung und für Umweltschutz fordere die Mehrheit höhere Staatsausgaben. Klaus Schweinsberg vom Centrum für Strategie und Höhere Führung meinte, „die Menschen erwarten jetzt, dass nun endlich kräftig in die Digitalisierung von Bildung, Gesundheit und öffentlicher Verwaltung investiert wird“.

    Den Bürgern sei klargeworden, dass das bundesdeutsche Gesundheitssystem „für solche Krisen deutlich besser gerüstet war und ist als in anderen Ländern“. Die bereits vorhandene hohe Anerkennung für das deutsche Gesundheitssystem sei weiter gestiegen. „89 Prozent der Bevölkerung bewerten das deutsche Gesundheitssystem mit gut oder sehr gut – der höchste Wert im Verlauf der letzten 20 Jahre.“

    Die Wissenschaft bekomme ebenfalls „überwiegend ein gutes Zeugnis“, so die Autoren des Reports: „83 Prozent haben den Eindruck, dass Virologen zurzeit einen großen oder sogar sehr großen Einfluss auf die Politik ausüben; die Mehrheit hat damit kein Problem, sondern hält den Einfluss für angemessen.“ Das tonangebende Robert-Koch-Institut (RKI) würden 69 Prozent der Bürger mit „großem oder sogar sehr großem Vertrauen“ sehen. Nur 23 Prozent der Befragten hätten sich kritisch über das RKI geäußert, das dem Bundesgesundheitsministerium untersteht und vom Tiermediziner Lothar Wieler geleitet.

    Gute Noten für Merkel und Co.

    Die Sonderausgabe des „Sicherheitsreports“ vermeldet eine „stabil große Anerkennung für die Politik der Bundesregierung“. Diese würde die Krise gut meistern, hätten im April 75 Prozent der Befragten eingeschätzt, im Mai 74 Prozent, so IfD-Geschäftsführerin Köcher. Die Werte seien parteiübergreifend. Nur die Anhänger der AfD würden das Krisenmanagement „überwiegend kritisch“ bewerten.

    Besonders positiv falle das Urteil über das Krisenmanagement von Kanzlerin Angela Merkel aus, heißt es. Das gelte ebenso für Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

    Kritik nur „Verschwörungstheorie“?

    Laut Corona-„Sicherheitsreport“ sind 27 Prozent der Befragten „anfällig für Verschwörungstheorien“. Sie würden glauben, dass die politischen Anti-Corona-Maßnahmen ganz andere als die von Politik und Medien dargestellten Ziele verfolgen. „38 Prozent haben auch den Eindruck, dass versucht wird, die Menschen zu ängstigen, damit sie die politischen Maßnahmen klaglos hinnehmen.“

    27 Prozent der Befragten würden meinen, ihre Meinung zu der aktuellen Situation und den politischen Maßnahmen nur vorsichtig äußern zu können. Der „Sicherheitsreport“ meldet mehrmals, dass solche kritischen Sichten vor allem unter den AfD-Anhängern zu finden seien. Die Anteile unter anderen Parteianhängern oder Parteilosen werden nicht angegeben.

    Dafür heißt es in dem Material, dass die „große Mehrheit der Bürger“ (65 Prozent der Befragten) den Eindruck habe, ihre Meinung zu der aktuellen Lage und den politischen Maßnahmen frei äußern zu können.

    tg

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