17:20 19 September 2020
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    „Besatzer, keine Freunde“, schloß kürzlich der MDR in einer Reportage über das Verhältnis der DDR-Deutschen zu den „Russen“ - und erntete bereits Kritik von der russischen Botschaft. Im Gespräch mit Sputnik trennt der bekannte Historiker Dr. Detlef Nakath Weizen vom Spreu und meint, dass das Russen-Image in der Bevölkerung auch komplett anders war.

    „Es gibt offenbar ein besonderes Verhältnis der Ostdeutschen zu Russland“, fragte sich der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) in einer Reportage. „Dabei war die Liebe zum ‘Großen Bruder’ damals, als die Freundschaft zwischen DDR und Sowjetunion Staatsräson war, meist wenig innig. <…> Warum hat sich das heute teilweise geändert?“, will die Reporterin wissen. Es sei eine „späte Liebe“, so ihre Botschaft, irrational, weil die Sanktionen der EU gegen Russland bereits seit sechs Jahren bestehen.

    „Unfair, MDR“, meldete sich die russische Botschaft im Netz. Für Menschen in den ostdeutschen Bundesländern sei die Freundschaft nach wie vor alles andere als vergessen. Und eigentlich hätten die sowjetischen Streitkräfte als Nachfolger der Roten Armee Frieden und Sicherheit nach der  Befreiung Europas vom Nationalsozialismus garantiert. Verwiesen wurde dabei auf die Sätze, die Russen in der DDR seien bis zu Ihrem Abzug in den Augen vieler vor allem eins: Besatzer. „Mit Truppenübungen, zerfahrenen Straßen und Feldern sowie Offiziersfrauen, die schon vormittags die Geschäfte leerkauften. Als sie dann endlich gingen, war die sogenannte ‘Freundschaft’ längst vergessen.“ 

    Präsenz die amerikanischen Soldaten nicht „legitimer“ gewesen

    Für den deutschen Historiker Detlef Nakath ist der Begriff „Besatzer“ zunächst nicht falsch und formal korrekt. Auch die sowjetischen Soldaten hätten sich als eine sowjetische Besatzungsmacht verstanden, sagt Nakath, ehemaliges Vorstandsmitglied der Rosa-Luxemburg-Stiftung, gegenüber Sputnik. „Allerdings kann es nur im Zusammenhang mit dem Überfall des Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion betrachtet werden. Dass die sowjetische Armee als Bestandteil der Anti-Hitler-Koalition den Hauptanteil an der Niederschlagung des deutschen Faschismus hatte, ist grundlegend für die Wertung, dass die Rote Armee als Befreier nach Deutschland kam.“ In dieser Hinsicht sieht der Historiker die Präsenz der sowjetischen Soldaten in Deutschland „auf jeden Fall völkerrechtlich legitim“ - erst aufgrund der Vereinbarungen von Teheran, Jalta und Potsdam, dann aufgrund der Stationierungsverträge mit der DDR 1955, 1964 und 1975.

    „Die drei Westmächte haben das akzeptiert, die waren ja auch stationiert im Westen und insofern auch Besatzer. Selbstverständlich!“, sagt Nakath weiter. Deshalb könne man nicht sagen, dass die Präsenz die amerikanischen Soldaten etwa „legitimer“ und sie bessere „Freunde“ gewesen seien.

    Diese Art von Besatzung hängt aus seiner Sicht allerdings damit zusammen, dass erst noch im Kriegsverlauf und dann im Ergebnis der NS-Zerschlagung die Welt vor weiteren feindseligen Aktionen Deutschlands geschützt werden musste. Ein Problem sieht aber der Historiker darin, dass die Westmächte den Faschismus zwar militärisch, aber nicht in den Köpfen vieler Leute mitbesiegt hätten. „Während man in der sowjetischen Zone sehr massiv gegen die geistigen Überbleibsel des Faschismus vorgegangen ist, hat sich das in den westlichen Besatzungszonen zwar auch ereignet, dann aber mit Gründung der Bundesrepublik sich wieder verändert. Insbesondere in der Justiz waren alte Nazis präsent, und die Haltung zum Umgang mit dem deutschen Faschismus war generell anders.“ 

    „Es wird aber heruntergespielt, dass …“

    Und doch entspricht es nicht der Erfahrung des Historikers, der seinerzeit im DDR-Berlin lebte, dass die Russen oder, besser gesagt, die Sowjets in der Bevölkerung als „Besatzer“ wahrgenommen wurden. In diversen Bevölkerungsgruppen sei die Wahrnehmung von durchschnittlich 400.000 Soldaten allerdings unterschiedlich gewesen. Nicht vergessen will Nakath etwa 4,3 Millionen Umgesiedelte bzw. Vertriebene aus den früheren deutschen Ostgebieten in Pommern, Schlesien oder Ostpreußen, die später in Sachsen, Thüringen, Mecklenburg und Brandenburg lebten und ein kritisches Verhältnis zu den „Besatzern“ hatten. Einige davon hätten auch „wie ein immer geartetes Verhältnis zum Nationalsozialismus“ gehabt. „Es wird aber heruntergespielt, dass all das nicht passiert wäre, wenn Deutschland diesen Krieg nicht begonnen hätte“, sagt der Historiker. Auf der anderen Seite habe es nach dem Krieg viele jüngere Leute gegeben, die sich in der DDR politische und sonstige Karriere gemacht hätten. „Sie fühlten sich wohl in diesem Land und hatten ein positives Verhältnis zu den sowjetischen Soldaten. Was die Mehrheitsmeinung war, dazu gibt es keine wissenschaftliche Untersuchung. Auch fühlten sich manche, die auch Angst vor den Russen hatten, generell stärker an die US-, französische und britische Lebensart, die sogenannte bürgerliche Demokratie gebunden.“

    Zum 1. Oktober 1990 waren in der DDR insgesamt noch etwa 360.000 sowjetische Soldaten stationiert.  Am 1. September 1994 waren sie alle aus Deutschland weg. In Westdeutschland dagegen waren bis 1990 rund 230.000 US-Soldaten präsent - abgesehen von den US-Zivilangestellten und den Familienangehörigen. Heute sind in Deutschland noch 35.000 Militärs des Nato-Partners USA anwesend plus weitere rund 17.000 zivile US-Mitarbeitende der US-Streitkräfte. Auf den Begriff „Wiedervereinigung“ verzichtet der Historiker und verwendet lediglich den Begriff „Vereinigung“: 1990 sei etwas Neues entstanden, was es politisch und territorial noch nicht gegeben habe.

    „Ich glaube, dass die deutsche Politik und die Bundesregierung seitdem in ihren außenpolitischen Entscheidungen und in der Souveränität-Frage in wesentlichen Punkten freier geworden sind“, kommt Nakath zum Schluss.

    In der EU sei ein Teil der Souveränität allerdings an die Gemeinschaft übergeben worden und in der Nato agiere man ganz häufig dem Stärkeren, den US-amerikanischen Einflüssen gegenüber. Aber auch da seien deutliche Distanzen gegenüber Trumps Administration zu verzeichnen. Gerade vor diesen Distanzen warnte kürzlich der scheidende US-Botschafter Richard Grenell, nach Bezeichnung des Ex-SPD-Chefs Martin Schulz „ein rechtsextremer Kolonialoffizier“, als er meinte, der US-Druck auf die Deutschen werde mit seiner Abberufung weg sein.

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    Tags:
    Rosa-Luxemburg-Stiftung, DDR, Sowjetische Besatzungszone (SBZ), Besatzung