03:14 26 November 2020
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    Kitas und Schulen sind noch immer nicht für alle geöffnet. Wie geht es Eltern und ihren Kindern nach Monaten des Spagats zwischen Arbeit und Kinderbetreuung während der Corona-Krise? Dies wurden mehr als 25.000 Eltern im Rahmen einer Studie gefragt.

    Die weitreichenden Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben den Alltag vieler Familien in erheblichem Umfang verändert. Die zum Aufwachsen gehörenden Institutionen – Krippen, Kindergärten, Schulen, Horte – waren über Wochen nur für Notbetreuungen verfügbar und gehen erst schrittweise wieder in den Regelbetrieb über. Daneben waren und sind auch eine Vielzahl an Freizeitaktivitäten – wie der Besuch von Spielplätzen, Freizeitparks, Büchereien, Schwimmbädern – zeitweilig ausgesetzt. Nicht zuletzt hat sich der Arbeitsalltag vieler Eltern verändert, sie arbeiten zum Teil trotz der Pandemie regulär weiter, sind im sogenannten Homeoffice, befinden sich in Kurzarbeit oder sorgen sich um ihren Arbeitsplatz. Darüber hinaus gelten weiterhin Hygieneregeln und Verhaltensrichtlinien, die den Alltag von Kindern und ihren Eltern auch auf längere Zeit noch beeinträchtigen werden.

    Wie es Eltern und ihren Kindern damit geht, wie ihr aktuelles Wohlbefinden ist, was ihren Alltag kennzeichnet, wie sie den Spagat zwischen Arbeit und geschlossenen Kitas und Schulen hinbekommen – dies sind die Kernfragen der Onlinebefragung „KiCo“, bei der vom 24. April bis 03. Mai 2020 mehr als 25.000 Eltern befragt wurden.

    Familien als Seismograph der Gesellschaft

    In der Studie, deren erste Zwischenergebnisse jetzt präsentiert wurden, heißt es: „Familien erweisen sich als eine Art Seismograph, der anzeigt, worin die gesellschaftlichen Probleme derzeit bestehen.“ Wer also wissen will, welche sozialen Folgen die Pandemie hat, muss auf die Haushalte blicken. Sie sind mehr als vorher zum Ort der Aushandlung sozialer Zufriedenheit und der Bewältigung der sozialen Ungleichheiten in der Pandemie geworden. Die wirtschaftlichen Folgen schlagen sich im familialen Alltag und in den Haushalten nieder und können von existenzieller Bedeutung sein. Bereits bestehende Ungleichheiten verschärfen sich.

    Die meisten Befragten der Studie sagten aus, dass sie nicht den Eindruck haben, Familieninteressen würden aktuell von der Politik ernst genommen. Zugleich wird die Wahrnehmung geteilt, dass die politisch Verantwortlichen von Familien erwarten, die gesellschaftlichen Herausforderungen „irgendwie“ in den Griff zu bekommen.

    Viele sind überlastet, manche sehen Krise als Chance

    Das Wegbrechen der Infrastruktur für Kinder und Jugendliche und die neue Situation in den Betreuungs-, Freizeit- und Bildungsangeboten sowie die teilweise erlebte Neuordnung der Erwerbsarbeit trifft Familien jedoch unterschiedlich. Für die einen findet plötzlich alles zu Hause mit gleich gebliebenen Erwartungen und Herausforderungen statt, andere finden neue Erwartungen und gemeinsame Zeit.

    Vor allem erwerbstätige Mütter haben sich an der Umfrage beteiligt. Sie berichten von Schuldgefühlen gegenüber ihren Kindern und dem Arbeitgeber, weil sie alles gleichzeitig managen müssen. So antwortet eine befragte Mutter:

    „Ich habe bisher keinerlei Hilfen erhalten. Unverschuldet bin ich so wie andere auch in diese Situation gekommen. Man weiß nicht wie es weitergehen soll. Nachdem ich bereits unbezahlten und bezahlten Urlaub genommen habe bin ich am Ende meiner Kräfte, da nicht abzusehen ist wann die Kindergärten wieder öffnen.“

    Allerdings gibt es, wenn auch weniger häufig, Familien, die den Lockdown und die Arbeit im Home-Office als Bereicherung empfinden. So äußert ein Elternteil in der Studie:

    „Meine Familie profitiert vom Wegfall des Freizeitstresses und der ewigen Hin- und Herfahrerei. Man steht heutzutage mit der ewigen Fördererei und dem Hobbymuss so unter Stress. Das kann nur schädlich sein. Für unsere Familie und die Stärkung der Geschwisterbeziehung werde ich Corona ewig dankbar sein. Mal aus dem Hamsterrad auszusteigen ist eine Wahnsinnschance.“

    Hausfrauen am zufriedensten?

    Die durchgängig höchste Zufriedenheit mit der Betreuung der Kinder zeigen Personen, die sich vor allem um den Haushalt und Care-Arbeit kümmern, während Berufstätige durchgängig niedrigere Werte aufweisen. Differenziert man in der Gruppe der Berufstätigen nach unterschiedlichen Corona-bedingten Einschränkungen, dann zeichnen sich folgende Tendenzen deutlich ab: Homeoffice und wegbrechende Betreuung der Kinder ist eine starke Belastung, die sich in niedrigen Zufriedenheitswerten wiederspiegelt. Darüber hinaus zeigt sich, dass bei den Personen ohne berufliche Veränderung die Unzufriedenheit mit zunehmender Kinderzahl ansteigt, während man die höchsten Zufriedenheitswerte in der Gruppe der ‚Nicht-Berufstätigen‘ findet.

    Kita und Schule neu zu schätzen gelernt

    Viele Eltern tun alles, damit wenigsten ihre Kinder die Krise glücklich überstehen. Der Preis, den sie dafür zahlen, ist jedoch Erschöpfung, Übermüdung und Überforderung. So berichten viele Mütter und Väter von ihren großen Belastungen und wünschen sich eine stabile und verlässliche Infrastruktur zurück. Viele Eltern wird erst jetzt bewusst, was sonst die Infrastrukturen der Kinder- und Jugendhilfe und Schulen für die Alltagsstruktur leisten. So heißt es in der Studie:

    „Es ist, als wenn eine tragende Struktur des Alltags herausgezogen wird und die jungen Menschen und Eltern gemeinsam auf den Lebensort ‚eigener Haushalt‘ verwiesen werden, der aber gar nicht auf Homeschooling und Homeoffice ausgerichtet ist.“

    Mütter rund um die Uhr beschäftigt

    Viele der in der Befragung vorrangig erreichten Mütter beschreiben, dass sie früh morgens und spät am Abend im Homeoffice arbeiten und tagsüber Care-Arbeit leisten. Eine besondere Belastung resultiert auch daraus, dass eben diese Belastungen und Überforderungen nicht genügend gesehen und anerkannt werden. In der öffentlichen Wahrnehmung werden zwar die so genannten „systemrelevanten“ Berufe thematisiert und durchaus kritisch deren häufig niedrige Bezahlung problematisiert. Seit langem ist darüber hinaus bekannt, dass insbesondere Frauen in diesen sozialen, pädagogischen, medizinischen und pflegerischen Berufen tätig sind. Doch in der „KiCo“-Befragung wird deutlich, dass selbst mit einem Platz in der Notbetreuung nicht zwangsläufig eine tatsächliche Entlastung gegeben ist. Diese alleinerziehende Mutter beschreibt ihre Situation folgendermaßen:

    „Ich arbeite in einer Tiefkühlspedition in Teilzeit, fahre zur Arbeit 45 min hin und 45 zurück, arbeite 5 Std ohne Pause damit ich früher zu Hause bin. Die Notbetreuung reicht nicht aus. Kinder bekommen dort kein Mittagessen. Ich bin völlig alleine und mit den Nerven am Ende. Kindern geht es auch nicht gut so isoliert zu sein, seine Freunde nicht treffen zu dürfen, kein Schwimmen, kein Sport, kein Kino, keine Oma. Nur gestresste erschöpfte Mutter die alleine um die Existenz kämpft, weil ihr Kündigung droht, falls Kinderbetreuung nicht gesichert wird. Vater gibt es nicht. Oma ist alt und darf nicht besucht werden.“

    Schuldgefühle

    Das Thema Erschöpfung geht auch mit Schuldgefühlen einher, den Kindern und ihren Bedürfnissen nicht gerecht werden zu können. Mütter und Väter verweisen zwar auf ihre Ohnmacht angesichts der Situation. Sie seien „schuldlos“ in die Krise geraten, die sie nicht beeinflussen können, aber dennoch haben sie ein schlechtes Gewissen. Auch einen Platz in der Notbetreuung für das Kind zu haben, wissend, dass es anderen nicht so geht, erzeugt einen sozialen Druck. So berichtet eine befragte Mutter:

    „Ich bin alleinerziehend, Pflegekraft im sozialen Bereich und fühle mich ziemlich im Stich gelassen. Weder Hilfe vom Staat, noch finanzielle Unterstützung oder Betreuungsangebote die ohne schlechtes Gewissen in Anspruch genommen werden können.“

    Gegenüber den Kindern entwickeln Eltern ebenfalls oftmals ein schlechtes Gewissen, wenn sie sie nicht angemessen beschäftigen und unterstützen können. Eine Mutter erzählt:

    „Um Mal kurz Ruhe zu haben, parke ich die Kinder vor TV und Tablet und bekomme davon ein schlechtes Gewissen. Ich werde weder mir noch den anderen gerecht und fühle mich erschöpft.“

    Häusliche Gewalt

    Die Autoren der Studie haben im Fragebogen nicht direkt nach Gewalt im familiären Kontext gefragt. Aber in den Antworten gibt es durchaus Beschreibungen, wie eine Familie an den Rand der Belastbarkeit kommen kann und dann Grenzen überschritten werden. Hier ein Beispiel eines Elternteils:

    „Die Kinder sind unausgelastet, während ich es extrem anstrengend finde, sie rund um die Uhr alleine zu betreuen, während mein Mann wie gewohnt (oder länger) zur Arbeit geht. Dies alles hat sehr erhebliche Konflikte innerhalb der Paarbeziehung zur Folge, die von ‚häuslicher Gewalt‘ oft nicht weit entfernt sind und die Kinder vermutlich sehr belasten.“

    Ungewisse Zukunft

    Zu den Belastungen des wochenlangen Lockdowns kommt für die Familien Ungewissheit über die Zukunft hinzu.Offensichtlich fehlt den Kindern, ebenso wie den Eltern die Klarheit, wann die Kitas und Schulen wieder öffnen. Auch belastet aus Sicht der Eltern die Kinder,dass sie nicht schuld daran sein wollen, andere anzustecken, etwa, wenn Schulen wieder geöffnet werden, wie dieses Zitat ausdrückt: 

    „Ich würde mir wünschen, dass unsere Kinder jetzt nicht auf die Schlachtbank geführt werden, um sich und andere womöglich anzustecken. Mein Sohn sagte mir vor ein paar Tagen, dass er nicht schuld sein will, dass wegen ihm jemand krank wird.“

    Diese Ungewissheit mache mürbe. Ihr Kind sei oft unzufrieden und wütend, sagt eine Mutter in der Befragung. Den anderen Familienmitgliedern gehe es ähnlich: „Auch die Großeltern sind sehr traurig und depressiv, weshalb wir den Kontakt zu ihnen ein klein wenig gelockert haben. Auch meinem Mann fehlen die sozialen Kontakte nun immer mehr, was zu Unzufriedenheit und schlechter Laune führt. Die Ungewissheit, wann und wie es weitergeht, spielt ebenso eine Rolle.“

    Hoher Mitteilungsbedarf

    Die bundesweite Studie „KiCo“ wurde umgesetzt vom Forschungsverbund "Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit", der sich aus den Universitäten Hildesheim, Frankfurt und Bielefeld zusammensetzt.

    Die befragten Personen haben in dieser kurzen Zeit mindestens 95% des Fragebogens beantwortet und sich damit viel Zeit genommen. Insgesamt nutzten zudem über 5.000 Befragte die Möglichkeit, sich – zum Teil sehr umfangreich – über die Inhalte des Fragebogens hinweg oder vertiefend zu bereits angesprochenen Themenbereichen zu äußern. „Die umfangreiche Beteiligung an der Befragung verstehen wir als einen Indikator dafür, dass es unter Müttern und Vätern einen hohen Mitteilungsbedarf gibt“, so die Wissenschaftlerin Dr. Severine Thomas.

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    Tags:
    Kinder, Selbstisolation, Quarantäne, Coronavirus, Häusliche Gewalt