07:18 21 Oktober 2020
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    Auf der traditionellen Veranstaltung des Deutsch-Russischen Forums „Moskauer Gespräche“, die wegen der Corona-Pandemie online stattfand, diskutierte man im 75. Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, wie für die jüngeren Generationen in Russland und Deutschland eine gemeinsame Erinnerungskultur an den vergangenen Krieg gestaltet werden könnte.

    Nicht weniger wichtig ist auch die Frage, wie ihr Blick für eine gemeinsame Zukunftsverantwortung geschärft werden kann, stellten Teilnehmer der Videokonferenz fest. Und das bei wesentlichen Unterschieden im tradierten Gedenken. Der deutsche Botschafter in Moskau, Dr. Andreas Géza von Geyr, merkte an:

    „Wir haben gelernt, ein ehrlicher Umgang mit der Geschichte, der Täter und Opfer nicht verwechselt, ist kostbar. Er ist auch bestimmend für die Glaubwürdigkeit eines Landes nach innen und nach außen.“

    Er plädierte dafür, dass man Geschichte nicht instrumentalisiert und sie quasi  zu einer Waffe macht, sondern auf das kostbare Gut einer ungeschminkten Geschichtsbetrachtung achtgibt. „Auch darin muss sich gemeinsame Zukunftsverantwortung bewähren. Kein Land und keine Nation kann ihrer Geschichte entfliehen.“

    Dr. Irina Scherbakowa, Mitbegründerin und Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation MEMORIAL, wies auch darauf hin, dass junge Menschen spüren, dass man die Geschichte missbraucht, um etwas mit ihnen zu machen. „Das geschieht beispielsweise mit den Neuen Rechten in Deutschland. Nur mit einer ehrlichen und nüchternen Geschichtserzählung könne man gewährleisten, dass sich junge Menschen weiterhin ausreichend mit der Thematik des Zweiten Weltkrieges auseinandersetzen.“

    Die Diskussionsteilnehmer gingen vertieft auf offizielle und institutionelle Gedenken in Russland und Deutschland ein. Dabei unterstrich Arina Nemkowa, Leiterin der Stiftung zur Förderung und Entwicklung deutsch-russischer Beziehungen „Deutsch-Russisches Begegnungszentrum“ in Petersburg, dass die Begegnung mit Zeitzeugen, wie sie beispielsweise im Projekt „Humanitäre Geste“ realisiert werden, eine gute Möglichkeit für junge Deutsche sei, um „mit dem Thema der Leningrader Blockade in Kontakt zu kommen und einen wichtigen Schritt zur Toleranz und Akzeptanz gegenüber den Opfern der belagerten Stadt zu machen.“

    Begegnungen mit Zeitzeugen der Leningrader Blockade

    In deutschen Schulen und an den Universitäten werde wenig bis gar nicht über die Blockade geredet, so die Stiftungsleiterin. „Es gibt auch wenige Publikationen über die Leningrader Blockade, die ins Deutsche übersetzt wurden. Deutsche Jugendliche haben uns die Möglichkeit gegeben, in kleinen Runden mit Zeitzeugen unter vier Augen zu reden und Fragen zu stellen und selbst zu erfahren, wie es wirklich war. Die Überlebenden der Blockade konnten mit jungen Deutschen über ihre Erfahrungen sprechen. Diese Kenntnisse sind in russischen Schulen schon vorhanden, wo Treffen mit Kriegsveteranen oft stattfinden. Aber das findet in großen Gruppen statt. Das ist mir zu offiziell. Und wie tiefer die Fragen der deutschen Jugendlichen werden, desto offener werden auch russische Senioren. Zum Schluss kommt es zum gemeinsamen Umarmen und Weinen.“

    Kristiane Janeke, Historikerin und Ausstellungskuratorin von dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst, betonte, wie wichtig es sei, dass gerade junge Deutsche nicht nur die Orte des Zweiten Weltkrieges in Deutschland, sondern auch ehemalige Kriegsschauplätze in Osteuropa besuchten, um ein größeres Bewusstsein für die dort begangenen Gräueltaten und die dadurch verursachten Schäden herzustellen.

    „Die Begegnung mit Zeitzeugen ist ein immens wichtiges Moment in dieser Erinnerung und in dieser Gemeinsamkeit. Die Zeitzeugen werden nicht mehr lange unter uns sein, und die persönliche Begegnung werden wir eines Tages so nicht mehr haben, um den gegenseitigen Respekt vor anderen Erinnerungen und anderen Perspektiven miteinander bestehen zu lassen.“

    Dazu gehöre natürlich Aufklärung, so die Historikerin. „Es ist deshalb wichtig, herauszufinden und gegenseitig zu erklären, warum das so war. Wenn wir über die Blockade sprechen, dann ist das heutige Petersburg, früher Leningrad, der historische Ort. Und es ist ja wichtig, dass die jungen Menschen an einem Ort diese Erinnerungsarbeit spüren. Sie ist immer anders, als wenn wir das in einer Bibliothek oder in einem Museum machen.“

    Wichtig seien auch gerade diese Reisen, fuhr Janeke fort, wenn es um Deutschland und Russland gehe, „dass wir nicht nur an die Orte der deutschen Verbrechen auf deutschem Gebiet und in den ehemaligen Konzentrationslagern schauen, sondern eben viel mehr junge Menschen einfach nach Russland fahren und sich einfach vorstellen, dass auf diesem Boden dieser Krieg stattgefunden hat. Damit besteht dann auch der Bezug zur Gegenwart.“

    Was hat Krieg mit mir zu tun

    Sie ging auch darauf ein, dass die jungen Menschen oft die Frage stellen, was hat das alles mit mir zu tun. Die Historikerin erörterte, „dass es viele Möglichkeiten gibt, um den Bogen zu schlagen und auf Aspekte aufmerksam zu machen, die auch für die jungen Menschen heute unter den Stichworten Ausgrenzung und Fremdheit relevant sind. Es ist wichtig, uns zu erinnern, nicht nur um des Erinnerns willen, sondern auch um der Gegenwart und der Zukunft willen.“

    Janeke verwies auch auf unterschiedliche Blicke auf diesen Krieg, „die sich selbstverständlich aus dem unterschiedlichen historischen Vorsätzen der beiden Länder herleiten. Es gibt auch unterschiedliche Erinnerungskulturen, auch in den Gewohnheiten und in den Bildern, mit denen wir erinnern. Begegnungen mit Zeitzeugen geben uns die Möglichkeit, das gemeinsam zu tun, und die Gemeinsamkeiten in verschiedenen Perspektiven stehenzulassen, sie auch ernst zu nehmen und uns damit auseinanderzusetzen, auch wenn es manchmal schmerzlich ist. Zugespitzt formuliert, muss es nicht immer eine gemeinsame Erinnerung und auch eine gemeinsame Erinnerungskultur sein.“

    Pavel Polian, Kulturgeograph und Historiker von der Hochschule der Wirtschaftswissenschaft (HSE Moskau) nahm zur Frage, wie man die Geschichtsfälschung behandeln muss, Stellung, indem er alle aufforderte, nicht mehr von verschiedenen propagandistischen wie politischen Faktoren abhängig zu sein. „Sie entstehen bei dem Wunsch, die Geschichte auszunutzen, sie sozusagen zu knechten und für politische Zwecke zu instrumentalisieren. Es war schon immer so, aber 75 Jahre sind vergangen, und wir müssen aufhören, auf all das zu reagieren. Eine ruhige historische Studie, die auf der ständig wachsenden empirischen Archiv-Basis steht, kann genau diese Instrumentalisierung verhindern und ,kalte Erinnerungskriege‘ beenden.“

    Gesamteuropäische Sichtweise gefragt

    Als er Mitglied des wissenschaftlichen Rates des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig war, fand er es eine großartige Idee, verschiedene nationale Geschichtsschreibungen zu sammeln. „Auf die eine oder andere Weise werden sie irgendwo funkeln, aber sie werden im Dialog stehen. Wir haben ein solches Museum aufgebaut, aber mit dem Wechsel der politischen Führung in Polen, als das Kaczynski-Team an die Macht kam, wurde das Konzept des Museums grundlegend geändert.“

    Es wurde zum Nationalmuseum der polnischen Beteiligung am Zweiten Weltkrieg, stellte der Historiker fest.

    „Dies ist natürlich auch sehr wichtig. Aber die Eigenart der gesamteuropäischen Sichtweise, die keine politisierte, sondern eine historische Symphonie der nationalen Historiographien implizierte, die im Architektur- und Ausstellungsbild dieses Museums effektiv gelöst wurde, schwächte sich ab. Und das ist ja traurig.“

    Wenn  man diesen Propaganda-Druck loswerde, werde es keine Fälschung mehr geben, ist sich Dr. Polian sicher. „Dies erfordert die Beteiligung aller interessierten Geschichtswissenschaftler, und nicht nur der vom Staat engagierten, sondern der unabhängigen Fachleute. Hier ist das Zusammenspiel russischer und deutscher Historiker, unter denen es viele ernsthafte Experten im Bereich der Geschichte des Zweiten Weltkriegs gibt, äußerst fruchtbar.“

    Die Deutschen seien auch hier mal wieder die Weltmeister in der Aufarbeitung, merkte Dr. Janeke an, „dann kann es weder unsere Aufgabe sein, die Art unseres Erinnerns in andere Länder zu exportieren, noch heißt das, dass wir perfekt und vollständig alles erforscht und erinnert haben. Es gibt viele Dinge, die vielleicht manchmal nicht gut ankommen, aber nur kritische Auseinandersetzung kann ja im Großen und Ganzen, das Gebot der Stunde sein. Das ist etwas, was die deutsche Aufarbeitungsarbeit, wenn man es mal so nennen will, sicherlich prägt. Das kann man teilweise kritisieren, aber das ist ein Vorzug, der uns gut steht, weil es uns ganz besonders betrifft und auch unsere Aufgabe ist, durch Forschung und Erinnerungsarbeit dieser Verantwortung gerecht zu werden.“

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    Tags:
    Erinnerungskultur, Zweiter Weltkrieg, Russland, Deutschland