00:41 01 Dezember 2020
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    Ein Jahr nach seinem Erfolgsvideo „Die Zerstörung der CDU“ nimmt Youtuber Rezo etablierte Medien aufs Korn. Im Hintergrund die seit Tagen laufende Debatte um die Berichterstattung der „Bild“-Zeitung über eine angeblich falsche Studie des Virologen Christian Drosten. Rezo geht weiter und wirft den Medien Verbreitung von Verschwörungstheorien vor.

    Eine Ursache für die Verschwörungsmythen, die mich „am meisten abfuckt“, sagt der 27-Jährige in dem einstündigen Video, sei der Verlust des Vertrauens gegenüber der seriösen Presse. Das Video, das Rezo am Sonntagabend veröffentlicht hatte, ist bereits über 1,5 Millionen Mal angeklickt worden. Der Youtuber zeigt sich darin überzeugt: Die Ursachen des fehlenden Vertrauens liegen tiefer und teilweise an den Missständen innerhalb der Presseszene. Vor allem dem Axel-Springer-Verlag und der FAZ hält er vor, beim Entstehen und bei der Verbreitung von Verschwörungstheorien eine große Rolle zu spielen, etwa durch die unsaubere Recherche.

    ​Rezo sagte mit Blick auf die Hygiene-Demos gegen die Corona-Maßnahmen, in den letzten Wochen hätten sich Verschwörungsstories darauf ausgewirkt, dass sich Menschen bewusst gegen wissenschaftliche Erkenntnisse stellen würden. Er kritisierte weiter ein über drei Millionen Mal geklicktes deutsches Video, in dem behauptet werde, Bill Gates bestimme knallhart den Kurs der Weltgesundheitsorganisation (WHO), weil er die zu über 80 Prozent finanziere. „Sowas ist kompletter Bullshit“, konterte Rezo, „Kurz Googeln hätte gereicht, um zu checken, dass sie nicht zu 80 Prozent von Bill Gates, sondern zu 80 Prozent insgesamt von Spenden finanziert werden, und Bill Gates davon nur einen kleinen Teil ausmacht.“ Das Promis wie etwa Koch Attila Hildmann in der Corona-Krise als eindeutige Verschwörungstheoretiker auftreten würden, lasse sich im Laufe der Zeit bestätigen, etwa dadurch, dass die Friseure auch ohne Impfpflicht schon arbeiten dürften – anders, als Hildmann einmal gewarnt hatte.

    Nach direkter Kritik an Boulevardzeitungen, die oft bewusst Fakes über das Leben von Promis verbreiten, legte sich Rezo direkt mit der „Bild“-Zeitung an.

    „Die ‘Bild’ hat behauptet“, so der Influencer, „dass Schulen und Kitas dicht wären, wenn eine bestimmte wissenschaftliche Studie falsch wäre. Großer Claim. Wurde er belegt? Natürlich nicht, wie bei Verschwörungsideologen.“ Stattdessen bemühe man sich um Zitate von irgendwelchen anderen Wissenschaftlern, die kritisch klingen würden, indem man sie aus dem Zusammenhang reißen würde. Rezo wies auch darauf hin, dass die zitierten Experten sich schon gegen eine Anti-Drosten-Kampagne durch die Zeitung ausgesprochen haben. Niemand von ihnen sei von der „Bild“ kontaktiert worden. Die Zeitung propagiere mitten in der Pandemie Wissenschaftsfeindlichkeit, die dann auch bei Verschwörungsideologen wie Attila Hildmann gut ankomme. Auch findet er es „hochgradig ekelhaft und menschenfeindlich“, dass „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt sein Gehalt nicht preisgeben wolle, die Gehälter von anderen Unternehmenschefs aber veröffentlichen lasse.

    Als weitere Mängel nennt er Verstöße gegen die journalistische Ethik, Verfehlungen gegen den Opferschutz wie im Fall Rebecca bzw. die Veröffentlichung der Fotos von Opfern von Verbrechen, reißerische und irreführende Überschriften für „Klicks und Cash“. Auch wirft der Youtuber den Medien vor – wie das auch bei Verschwörungstheoretikern der Fall ist –, häufig mit gestellten Fragen etwas zu suggerieren, was so nicht stimme. Auch wenn die Frage in der Überschrift im Artikel dann verneint werde, brenne sie sich in den Köpfen der Leser als Fakt ein, wenn auch nur teilweise. Beispielhaft dafür sind laut Rezo Überschriften wie „Ist das Grundgesetz tatsächlich in Gefahr?“ bei der „Stuttgarter“, „Was hat Bill Gates mit der Corona zu tun“ bei der „Sächsischen“ oder „Müssen wir alle abstürzen? Ist das Teil des Programms?“ bei der „Neuen Zürcher Zeitung“. Wenn ein Leser sich durch solch eine Überschrift ohne Belege im Text dann betrogen fühle, mache er dafür nicht explizit den Textautor oder das Medium dafür verantwortlich. Es leide aber das Grundvertrauen in die Medien, so der junge Mann.

    Nicht alle Journalisten „in einen Topf schmeißen“

    In 34 Prozent von nach seinen Angaben 400 untersuchten Artikeln hat er Fehler gefunden - analysiert hat er dabei Artikel über die eigene Person. Er gibt an, dass mehrere Medien Falschbehauptungen über ihn veröffentlichen würden, in den FAZ-Artikeln seien  sogar 67 Prozent davon fehlerhaft, wie etwa Worte, die er nie gesagt habe, oder die Behauptung, er würde die Zerstörung der CDU zelebrieren. Der Arbeitsweise von Journalisten der „Bild“, die einem Drosten etwa nur eine Stunde Zeit für ein Statement gäben, müsse man weiter misstrauen, sie sogar verachten. Gleichzeitig ruft Rezo am Ende des Videos dazu auf, nicht alle Journalisten „in einen Topf zu schmeißen“, sondern alle Artikel kritisch zu hinterfragen und bei mangelnder Qualität bestimmte Medien nicht zu lesen. Neben den Journalisten, die „viel abliefern“, lobte er auch die Arbeit der öffentlich-rechtlichen Medien. 

    „Bild“-Chefredakteur Reichelt kritisierte inzwischen „dieses schreckliche Millennial-Social-Media-Deutsch“.

    „’Die Zerstörung der…’ Jetzt Medien, vermutlich Bild. Sei froh, dass es Medien gibt, Rezo. (…) Sei froh, dass Medien (und auch die CDU) auf dieses Land aufgepasst, es geprägt, beschützt, vereint haben, als es Youtube noch nicht gab“, twitterte er in einer längeren Antwort. Youtube sei als Plattform, auf der Rezo Geld mache, mitverantwortlich für die Verbreitung übelster Verschwörungstheorien, so Reichelt. Zum Schluss lud er Rezo zu einem Gespräch bei „Bild“ ein. Mehrere Nutzer der sozialen Netzwerke einschließlich Journalisten werfen Reichelt vor, das Video überhaupt nicht gesehen zu haben. Der Redaktionsleiter des Politikmagazins Monitor in der ARD, George Restle, wies seinerseits darauf hin, dass auch in der Antwort von Reichelt Vermutungen Recherche übertreffen würden.

    ​Mittlerweile wird Rezo für sein „wahnsinnig mutiges Video“ weitgehend gefeiert. Es finden sich aber auch jene, die seinen Ansatz hinterfragen - offenbar vor allem CDU-Anhänger.

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    Tags:
    Fake-News, Verschwörung, Axel-Springer-Verlag, Springer-Verlag, Bild-Zeitung, Julian Reichelt, YouTuber „Rezo“