18:55 03 Juli 2020
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    Corona-Pandemie breitet sich weiter aus – alle Entwicklungen (527)
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    Die Corona-Pandemie stellt zweifellos eine ernste Bedrohung dar. Die Verantwortlichen werten den Rückgang der Infektionen als Beweis für die Richtigkeit des „Lockdowns“. Doch der gesellschaftliche Schaden scheint den eventuellen Nutzen zu übersteigen. In Teil 3 der Analyse geht es um die Wirkung der Kontaktbeschränkungen – und um Schweden.

    Die verantwortlichen Politiker und ihre wissenschaftlichen Berater werten die nun zurückgehenden Infektionszahlen als Beweis dafür, dass ihr gesamten Anti-Corona-Maßnahmen-Paket richtig war und ist. Sie warnen vorsorglich vor dem sogenannten „Präventions-Paradoxon“, wonach eine Prävention gerade durch ihren Erfolg, das heißt dem Ausbleiben dessen, wovor sie bewahren soll, als überflüssig erachtet werden kann. Doch lässt sich umgekehrt mit dieser Logik auch jede staatliche Überreaktion als Erfolg verbuchen.

    Realitätsnähere Darstellungen des Verlaufs der Infektionszahlen zeigen, dass bereits die ersten Maßnahmen ausgereicht hatten, die Epidemie einzudämmen. Das belegen selbst Daten, die das zuständige Robert-Koch-Institut (RKI) mittlerweile veröffent­lichte, so im Lagebericht vom 7. Mai. Statt wie üblich die täglichen Zahlen der Neuinfizierten pro Meldedatum anzugeben, obwohl dieses fünf bis zehn Tage nach dem Datum der Infektion liegt, wurden sie hier zum Datum des Erkrankungsbeginns aufgetragen. Die aufgrund des Meldeverzugs noch fehlenden aktuellen Fälle werden mit einem statistischen Verfahren korrigiert.

    Geschätzte Entwicklung der Anzahl von neuen SARS-CoV-2-Fällen in Deutschland nach (teilweise imputiertem) Datum des Erkrankungsbeginns Die gestrichelten vertikalen Linien kennzeichnen den Start bestimmter Maßnahmen am 9., 16. und 23. März (aktualisierte Kurve, RKI Lagebericht zu COVID-19, 07.05.2020, Abb. 6)
    © Foto : RKI
    Geschätzte Entwicklung der Anzahl von neuen SARS-CoV-2-Fällen in Deutschland nach (teilweise imputiertem) Datum des Erkrankungsbeginns Die gestrichelten vertikalen Linien kennzeichnen den Start bestimmter Maßnahmen am 9., 16. und 23. März (aktualisierte Kurve, RKI Lagebericht zu COVID-19, 07.05.2020, Abb. 6)

    Die so ermittelten Verlaufskurven beginnen nach einem anfänglich deutlichen Anstieg schon nach dem 9. März abzuflachen. Ab dem 19. März geht die Zahl der Neuinfektionen bereits stark zurück, also schon vier Tage, bevor am 23. März die umfassenden Kontaktsperren in Kraft traten. Danach beschleunigte sich der Rückgang kaum noch. Die auf Basis der Fallzahlen pro Erkrankungsdatum geschätzte Reproduktionszahl „R“, die angibt, wie viele Menschen im Durchschnitt ein Infizierter ansteckt, sank schon ab dem 12. März stark ab und liegt seit dem 19. März unter dem Wert 1.

    Die Aussagekraft der Statistiken wird durch die unbekannte Dunkelziffer an Infizierten und der starken Abhängigkeit der Fallzahlen von der Testhäufigkeit beeinträchtigt. So dürfte das Abflachen des Rückgangs von R ab dem 15. März auf die massive Ausweitung der Tests zurückzuführen sein. In der Woche zuvor waren knapp 130.000 Tests durchgeführt worden, in der Woche danach rund 350.000, also 2,7mal so viel. Bei gleicher Testhäufigkeit wäre R daher damals schon weiter gefallen. In ihrem Bericht zur Methodik weisen die RKI-Wissenschaftler auch auf diesen Effekt hin.

    Erste Maßnahmen am effektivsten

    Anfang März waren die ersten Anti-Corona-Maßnahmen ergriffen worden, wie das Verbot von Großveranstaltungen, Quarantäne für Erkrankte und Kontaktpersonen, betroffene Schulklassen und andere, sowie Appelle veröffentlicht worden, Hygieneregeln einzuhalten. Firmen begannen Teile der Belegschaft ins Homeoffice zu schicken. Schon eine Woche danach begann die Reproduktionszahl zu sinken. Der Anstieg täglicher Infektionen war bereits gestoppt, als am 16. März unter anderem der Betrieb an Schulen, Kindergärten und Hochschulen eingestellt sowie Kultureinrichtungen, Sportstätten, Bäder und so weiter geschlossen wurden.

    Die ersten Maßnahmen waren somit schon sehr effektiv und offensichtlich wesentlich wirkungsvoller als die anschließend verordneten Einschränkungen. Vermutlich trug wie bei anderen Corona-Viren oder der Grippe der Frühlingsbeginn zum Rückgang der Infektionen bei. Auf einen saisonalen Einfluss der Ausbreitung deuten auch die Entwicklungen in Australien und Südamerika hin, wo vermutlich der beginnende Herbst die Infektionsraten in die Höhe treibt.

    Berechnungen des Verlaufs der Reproduktionszahl an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich zeigen auch für die Schweiz einen Infektionsrückgang vor dem dortigen Lockdown. Carl Heneghan, Direktor des Zentrums für evidenzbasierte Medizin der Universität Oxford, stellte in einer Analyse fest, dass die meisten Länder den Höhepunkt (Peak) der Epidemie schon vor dem jeweiligen Lockdown erreicht hatten.

    Kontaktsperren bringen wenig Nutzen

    Aus den erwähnten RKI-Statistiken ist nicht erkennbar, wie stark die Infektionsraten auch ohne Schulschließungen und dem folgendem kompletten Lockdown zurückgegangen wären. Das ursprünglich anvisierte Ziel, einen exponentiellen Anstieg der Infektionen zu stoppen, war jedoch auf jeden Fall schon ohne sie erreicht worden.

    Eine Analyse von Wissenschaftlern der ETH Zürich und der Universität Basel untersuchte die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen auf Basis von Daten aus 20 westlichen Ländern. Sie ergab, dass tatsächlich Schulschließungen mit durchschnittlich acht Prozent und Lockdowns mit fünf Prozent am wenigsten zur Eindämmung in diesen Ländern beigetragen haben. Eine im medizinischen Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlichte Studie kam zum Schluss, dass Schulschließungen nur zwei bis vier Prozent möglicher Todesfälle verhindern würden.

    Die geringe Effektivität von Schul- und Kita-Schließungen liegt daran, dass „Kinder und Jugendliche bei der Virusübertragung auf andere Kinder und Jugendliche, aber auch auf Erwachsene eine untergeordnete Rolle spielen“. So schätzen es die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH), die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ), die Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin (GHUP) und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland (bvkj e.V.) in einer gemeinsamen Stellungnahme ein.

    „Schweres Covid-19 ist nach derzeitigem Kenntnisstand in Deutschland bei Kindern keinesfalls häufiger als viele andere potentiell schwer verlaufende Infektionserkrankungen bei Kindern, die nicht zur Schließung von Schulen und Kindereinrichtungen führen.“

    Dies alles deckt sich mit der Mehrheitsmeinung befragter deutscher Experten aus den Fachgebieten Virologie, Mikrobiologie, Hygiene, Tropenmedizin, Immunologie, Inneren Medizin und Intensivmedizin. Die Ergebnisse einer entsprechenden Umfrage hatte das Universitätsklinikum Tübingen Anfang Mai veröffentlicht. 70 Prozent der Befragten sprachen sich für die Abstandsregel und das Verbot von Großveranstaltungen als geeignete Eindämmungsmaßnahmen aus. Dagegen hielten nur fünf Prozent von ihnen Kitas- und Schulschließungen für sinnvoll.

    Knapp zwei Drittel der befragten Wissenschaftler kritisierten zudem das Fehlen konstruktiver Fachdiskussion in den Medien. Ein Drittel sieht sogar die freie Meinungsäußerung in der Wissenschaft bedroht. Wissenschaftliche Belege für die Schutzwirkung von Masken, ob professionell oder selbst hergestellt, sehen nur wenige von ihnen, über 70 Prozent befürchten jedoch Risiken durch falsche Handhabung. Wohl eher aus dem Bauch heraus, so die Autoren der Studie, befürworten die meisten der Befragten dennoch das Tragen an gewissen Orten, wie z.B. in Bussen und Bahnen.

    Der schwedische Weg

    Die relative geringe Wirkung von Lockdown und Schulschließungen lässt sich auch an der Entwicklung in Schweden sehen. Dort wurde auf staatlich verordnete drastische Beschränkungen verzichtet und auf freiwillige Einhaltung von Schutzmaßnahmen gesetzt. Schulen, Läden, Restaurants und Freizeiteinrichtungen blieben geöffnet. Dennoch konnte die Epidemie dort ebenfalls soweit abgebremst werden, dass die tägliche Zahl der Infektionen und Toten nicht weiter steigt.

    Im Unterschied zu den meisten anderen Ländern, wo die Politik entschied, gaben in Schweden die Wissenschaftler der obersten Gesundheitsbehörde den Weg vor. Diese hatten schon früh aus den Daten aus Italien geschlossen haben, dass Schulen keine Treiber der Epidemie sind. Auch wenn oft der Eindruck erweckt wird, geht Schweden dabei keinen völlig anderen Weg. Hier ist ebenfalls das Ziel, die Infektionskurve genügend flach zu halten, um eine Überforderung des Gesundheitssystems zu verhindern.

    Eine schnelle „Herdenimmunität“ wurde anders als in Medienberichten oft behauptet nicht angestrebt. Dagegen setzte die schwedische Gesundheitsbehörde darauf, die Ausbreitung des Virus auch durch Immunität eines wachsenden Teils der Bevölkerung zu bremsen. Sie hätte anderseits nach dem im Land geltendem Recht gar nicht die Möglichkeit, so weitgehende Beschränkungen wie in Deutschland zu verordnen.

    In dem skandinavischen Land gelten als wichtigste Regeln Händewaschen, Abstand halten und zu Hause zu bleiben beim ersten Anzeichen von Erkrankung. Versammlungen von mehr als 50 Personen wurden ab dem 29. März verboten. Bars und Restaurants müssen genügend Platz bieten, damit alle Kunden in der erforderlichen Entfernung voneinander sitzen können. Zudem haben die Schweden wie von der schwedischen Gesundheitsbehörde empfohlen generell ihre Aktivitäten stark reduziert. Viele Firmen wie Volvo haben ihre Werke geschlossen und der Tourismus ist durch die freiwillige Zurückhaltung der Schweden eingebrochen. So hat auch das Land im Norden mit einem wirtschaftlichen Einbruch zu kämpfen – nur sind die gesamten gesellschaftlichen Auswirkungen, insbesondere die sozialen, längst nicht so drastisch wie in den meisten anderen Ländern.

    Oberflächlicher Blick statt interessierter Fragen

    Statt es wohlwollend als interessante Alternative zu beobachten, aus der Lehren für das eigene Land gezogen werden können, wird das schwedische Modell in den deutschen Medien häufig als verantwortungslos angegriffen. Immer wieder wird sein nahes Scheitern prophezeit. Kritiker verweisen vor allem auf eine wesentlich höhere Zahl von Toten pro Einwohner als in den skandinavischen Nachbarländern oder in Deutschland. Tatsächlich lag sie in Schweden am 20. Mai mit 370 pro einer Million Einwohner fast doppelt so hoch wie in Baden-Württemberg oder Bayern und fast fünfmal höher als in Norwegen.

    Stadtzentrum von Stockholm am 20. April 2020
    © REUTERS / TT News Agency / Anders Wiklund
    Andererseits ist die Rate in einer Reihe europäischer Staaten, in denen ein strikter Lockdown verordnet wurde, ähnlich hoch oder sogar noch wesentlich höher. So betrug sie Ende April Angaben zufolge in den Niederlanden 330 Tote pro einer Million Einwohner, in Frankreich 420, in Großbritannien 540 und in Belgien 794. Letztlich lassen sich die Zahlen verschiedener Länder schwer vergleichen. So sind schon die Kriterien für die Registrierung von Todesfällen unter Covid-19 unterschiedlich streng. In Schweden landen ähnlich wie in Belgien nicht nur bestätigte, sondern auch bloß vermutete Covid-19-Todesfälle in der Statistik.

    Vor allem sind die Ausgangsbedingungen unterschiedlich. Schweden gehört zu den Ländern mit einem heftigeren Start der Epidemie. Am Anfang stiegen die Infektionen und in der Folge auch die Todesfälle wesentlich schneller als in Deutschland oder Norwegen. Zudem war das Vorgehen in Schweden selbstverständlich nicht fehlerlos. Auch hier fordern Sparmaßnahmen und Privatisierung im Bereich von Gesundheit und Pflege in den Jahren zuvor ihren Tribut.

    Ursachen in Schweden wie in anderen Ländern

    So räumen die schwedischen Verantwortlichen selbst gravierende Versäumnisse beim Schutz von Menschen in Pflegeheimen ein, wodurch relativ viel alte Menschen erkrankten. Fast die Hälfte der an oder mit Sars-Cov 2 Verstorbenen waren pflegebedürftig. Als eine wesentliche Ursache dafür gilt der massive Einsatz von schlecht bezahlten Zeitarbeiterinnen ohne feste Verträge in der Altenpflege. Diese können es sich nicht leisten, wegen leichten Erkrankungen zu Hause zu bleiben und müssen jeden Tag andere Menschen versorgen müssen.

    Erst relativ spät wurden in Schweden rigorosere Schutzmaßnahmen ergriffen. Mit dem hohen Anteil von Toten in Pflegeheimen steht das Land jedoch keineswegs allein da: In Frankreich lag er Statistiken zufolge Mitte Mai bei 51 Prozent, in Irland bei 62 Prozent und in Kanada sogar bei 82 Prozent, während für die Bundesrepublik 37 Prozent angegeben wurden. In Hessen kam fast jeder zweite der sogenannten Corona-Toten aus einem Altersheim, wie der Hessische Rundfunk (HR) berichtete.

    Die Fehler in einzelnen Bereichen sprechen nicht gegen das schwedische Vorgehen insgesamt. Dadurch wurden auf der anderen Seite viele der sozialen Härten vermieden, die in anderen Ländern auch Opfer fordern. Wieviel Opfer die Pandemie in den verschiedenen Ländern insgesamt fordern wird, kann erst nach ihrem Ende abgeschätzt werden.

    Schweden als mögliches Vorbild

    Das wesentliche Ziel, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten, war auch in Schweden nie in Gefahr. Der Unterschied zu anderen Ländern sei, so der schwedische Chef-Epidemiologe Anders Tegnell, dass sie „diese Art von Politik ohne weiteres monate-, vielleicht sogar jahrelang beibehalten könnten, ohne der Gesellschaft oder unserer Wirtschaft wirklichen Schaden zuzufügen.“ Das sagte er gegenüber der US-Zeitung „Washington Times“.

    Schweden bleibt auf einem höheren Infektionsniveau, erreicht dadurch jedoch schneller eine Immunisierung eines relevanten Teils der Bevölkerung. In Schweden könnte sie, ausgehend von Fallsterblichkeiten zwischen 0,1 bis 0,3 Prozent ausgeht, Ende April schon bei vier bis 12 Prozent gelegen haben. Erste Testreihen mit einem neu entwickelten, zuverlässigen Antikörpertest ergaben Berichten zufolge für die Hauptstadt Stockholm Anfang Mai bereits 20 Prozent.

    Das Land muss daher weniger als die Nachbarn eine neue Covid-19-Welle fürchten. Seinem Land drohe nicht „das Risiko einer riesigen Infektionsspitze“ wie in den Nachbarländern, hielt Tegnell der Kritik aus dem Ausland entgegen. „Norwegen und Dänemark sind jetzt sehr besorgt, wie man diesen vollständigen Lock-Down beenden kann, ohne dass diese Welle sofort einsetzt, sobald die Lockerung beginnt.“ Eine deutliche Mehrheit der Schweden steht laut Medienberichten hinter dem Umgang ihres Landes mit der Epidemie. Bei einer repräsentativen Umfrage des schwedischen Fernsehens Ende April bewerten ihn 80 Prozent mit „Gut“ oder „Sehr gut“.

    Bundesdeutsche Experten empfehlen zu Recht, die Entwicklung in Schweden genau zu beobachten und sich stärker an dessen Vorgehen zu orientieren. Der Exekutivdirektor der Weltgesundheitsorganisation WHO, Mike Ryan, der die weltweiten Maßnahmen gegen das Virus koordiniert, bezeichnete Schweden als „Vorbild“, aus dem Lehren gezogen werden könnte.

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