16:00 07 Juli 2020
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    Nach langem Warten kann die deutsche Corona-Warn-App auf Smartphones geladen werden. Doch ist das ratsam? Die Risiken sind überschaubar, sagt der Datenschützer Thilo Weichert im Sputnik-Interview. Der Jurist war von 2004 bis 2015 Datenschutzbeauftragter von Schleswig-Holstein und ist Vorstandsmitglied der Deutschen Vereinigung für Datenschutz.

    - Herr Weichert, haben Sie sich schon die sogenannte Corona-Warn-App installiert?

    Nein, ich habe sie nicht installiert und zwar einfach aus dem Grund, dass ich mein Handy nur auf Reisen regelmäßig nutze und wegen Corona im Augenblick keine Reisen anstehen. Die Infektionsgefahr ist für mich in Kiel hier relativ gering.

    - Wie bewerten Sie die Corona-Warn-App vom Datenschutzaspekt her?

    So wie sie jetzt gestaltet ist, halte ich die Warn-App aus Datenschutzsicht für akzeptabel. Es findet keine zentrale Datenübermittlung statt, es wird auch keine anderweitige Auswertung mit den Daten vorgenommen. Die Kontaktdaten werden nur auf dem Handy gespeichert. Und im Falle einer Infektion muss sich die infizierte Person jeweils freiwillig melden, so dass eine Warnung an die anderen erfolgen kann. Aus Datenschutzsicht sind alle Voraussetzungen gegeben, konform mit dem Persönlichkeitsrecht die Kontaktverfolgung vorzunehmen und um dann auch entsprechende Warnungen auszusprechen.

    ​- Der Quellcode ist öffentlich, die Hersteller sagen, sie garantieren hundertprozentige Transparenz. Stimmt das so?

    Das muss sich erst noch zeigen. Der Quellcode ist zugänglich, das ist richtig. Aber es ist ja auf Kante genäht worden in der letzten Zeit, um die App jetzt auch schnell rauszubringen. Da gab es ja einige Verzögerungen. Das hat zur Folge gehabt, dass eine umfassende Testung nicht möglich war. Die Tests die stattgefunden haben, scheinen alle erfolgreich gewesen zu sein. Die Angriffsmöglichkeiten auf die App sind offensichtlich so weit minimiert, dass keine allzu große Gefahr – bei einer normalen Nutzung – besteht, dass da etwas mit den Daten passieren könnte.

    - Corona gibt es ja nicht erst seit gestern. Hätte die App nicht früher kommen müssen?

    Die hätte natürlich früher kommen sollen. Aber ich denke, bei so einer Softwaregestaltung, muss man eine ganze Menge an Sachen beachten. Zunächst einmal wurde ja ein zentralisierter Ansatz, gemeinsam mit der EU, verfolgt. Als sich dann erwies, dass dann die Anbieter für Betriebssoftware der meisten Handys, Google und Apple, das nicht unterstützen, und außerdem der Widerstand so groß war, war es dann schon auch richtig und sinnvoll, sich dann die notwendige Zeit zu nehmen und eine dezentrale App zu entwickeln. Ich habe die ganz große Hoffnung, dass das, was in Deutschland realisiert wird, auch in anderen Staaten Schule macht, mit der Folge, dass dann diese App auch europaweit zum Einsatz kommt.

    - Die App wird ja auf dem Download-Markt von Google und Apple bereitgestellt. Die beiden großen Tech-Firmen, stellen auch die Schnittstelle für das Bluetooth-Signal der Mobiltelefone zur Verfügung. Kann man denn davon ausgehen, dass da keine Daten an Google oder Apple abfließen?

    Das soll der offene Quellcode gewährleisten. Das kann überprüft werden. Eine hundertprozentige Sicherheit haben wir bei diesen großen Anbietern nicht. Ich glaube aber, dass sowohl bei Apple als auch bei Google die Motivation die ist, die Akzeptanz für ihre eigene Software zu erhöhen. Wenn so etwas herauskommen würde, würde das einen ganz massiven Vertrauensverlust zur Folge haben. So können sie sich als die großen Wohltäter zur Bekämpfung des Covid-19 profilieren.

    - Wie ist das denn mit anderen Apps? Google-Maps, Facebook oder Amazon zum Beispiel. Da teilt man doch wahrscheinlich ungleich mehr Daten über sich selbst, als mit dieser Corona-App?

    Das ist absolut richtig. Das, was sonst an Information, per „Datenschleuder“ sozusagen, mit dem Smartphone in die Welt verbreitet wird, ist erheblich gravierender, was jetzt zusätzlich über diese App an Daten entsteht. Insofern muss man das, was dann noch an Datenschutzrisiken übrigbleibt, auch sehr relativ sehen. Gleichzeitig ist damit auch die Aufgabe verbunden, sich andere Angebote genauer anzuschauen. Insbesondere wenn damit eine GPS-Ortung verbunden ist, was natürlich hoch aussagekräftig ist, wo man ist, mit wem man zusammen ist, wofür man sich interessiert, und genau diese Informationen werden mit der Corona-App nicht erhoben.

    ​- Die Präsidentin der deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Eva Grill, sagte, der wissenschaftliche Nutzen der App sei nicht erwiesen. Sie sei dennoch „ein Fan der Idee und dafür, sie auszuprobieren“. Wie beurteilen Sie den Nutzen-Kosten Faktor der Corona-Warn-App?

    Das kann man erst beurteilen, wenn wir einige Monate, oder sogar eine längere Zeit Erfahrung gemacht haben. Wir bewegen uns bei der Bekämpfung des Corona-Virus auf absolut neuem Terrain. Aus medizinischer, epidemiologischer, aber auch aus technischer Sicht ist das etwas völlig Neues. Da kann man nicht mit Gewissheiten arbeiten, sondern da regieren Versuch und Irrtum. Ich glaube nicht, dass die Corona-Warn-App gar nichts bringen wird. Es wird sicher Warnmeldungen geben, die dann dazu führen, dass Leute sich testen, und das ist sinnvoll. Ich gehe auch davon aus, dass sich einige in der Bevölkerung die App installieren werden, so dass ein gewisser Erfolg damit erreicht werden kann. Wenn sich aber erweist, dass diese App nichts bringt, dann müsste man sie auch wieder einstampfen und sagen, okay, war ein Versuch wert, aber hat nichts gebracht.

    Das komplette Interview mit Dr. Thilo Weichert zum Nachhören:

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