21:23 30 Oktober 2020
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    Es ist veraltet, wie Deutschland gegenüber Russland denkt und handelt, so Richard David Precht. Die Welt stehe vor „Jahrhundertaufgaben“, die nicht mit so einem Denken zu bewältigen seien. Bei der AHK-Russlandkonferenz zur Coronakrise kritisiert er Aufrüstung und den „erpresserischen Freund“ Deutschlands: Die USA.

    Die deutsch-russische Auslandshandelskammer (AHK) hat am Montag eine große Fachkonferenz zum Thema „Russland und die Welt 2021“ zum Einfluss Coronas abgehalten, bei der Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler und Politiker in interaktiven Formaten zu Wort kamen.  

    Es ging um die Auswirkungen der Pandemie auf die russische, deutsche und weltweite Wirtschaft, über Verschiebungen zwischen den Super- und Großmächten bis hin zu globalen Lieferketten sowie aktuelle medizinische Entwicklungen und philosophisch-existenzielle Fragen.

    Was die Konsequenzen aus Corona für den Menschen diesseits wie jenseits der Grenzen seien, beleuchtete der deutsche Gegenwartsphilosoph Richard David Precht.

    Gesundheit und menschenwürdiges Leben

    „Der Mensch bleibt der Alte!“, so Precht. Es gäbe „nichts Alberneres“ als gegenwärtig die ständige Behauptung, nach Corona würde alles anders. „Die Menschen werden nach Corona nicht wesentlich anders werden, aber sie werden sich vielleicht bewusst geworden sein, dass sie nicht so etwas sind, wie defizitäre Computer oder dass sie nicht mit ihren Handys verwandt sind, sondern biologische Lebewesen und in einer Biosphäre lebend, dass sie sehr verletzbar sind.“

    Doch beim „Schutz des Lebens“ in einer Abwägung zu wirtschaftlichen Interessen gehe es um etwas mehr als nur „Gesundheit“. Mit „Leben“ sei auch gemeint, Freiheitsspielräume auszukosten, ein glückliches, erfülltes und menschenwürdiges Leben zu führen, aus dem der schlichte Gesundheitsaspekt nicht einfach so herausgelöst eine Sonderposition zugewiesen werden könne. Zum menschenwürdigen Leben gehörten laut Precht bestimmte wirtschaftliche Aspekte, weshalb keine Trennung, aber ein Abwägen beider Interessengüter mit Augenmaß im Lichte der Pandemie erfolgen sollte.

    Corona-Einschränkungen und Lockerungen regional abwägen

    In Deutschland habe es durch das föderalistische System die Möglichkeit gegeben, je nach Bundesland, sogar nach Region, Entscheidungen zu treffen, wie viele Einschränkungen gemacht und wo mehr Freiheitsrechte gewährt werden konnten, etwa weil das Risiko als geringer erachtet wurde. Das sei „vorbildlich“, so Precht.  

    „Man sollte nicht mit ‚holzhackerischer‘ Sicherheit aus einer Perspektive über viele Millionen Menschen urteilen, sondern (...) nach der Bedürfnislage der jeweiligen Region entscheiden.“ Precht glaubt, „dann sind die Entscheidungen bei weitem nicht so schwierig, wie sie sich im großen nationalen Kontext oft darstellen“.

    Brennglas Corona und die wahren „Jahrhundert-Herausforderungen“

    Corona habe aber wie ein Brennglas bestimmte Probleme, die längst vor Corona existierten, sichtbarer gemacht hat und Trends beschleunigt, so Precht. Die Menschheit stünde im 21. Jahrhundert vor „zwei gigantischen Aufgaben“, die es schon vor der Pandemie gab.

    Digitalisierung und Biologisches Überleben des Menschen 

    Die erste „Jahrhundert-Herausforderung“ sei, die Digitalisierung zu meistern, also den Einstieg ins zweite Maschinenzeitalter, in dem die Menschheit es mehr und mehr mit Maschinen zu tun haben werde und bei denen die Automation selbst automatisiert sei. Und die zweite Herausforderung sei die des Klimawandels und des Ressourcenverbrauches, also sich um das biologische Überleben der Menschheit drängende Fragen.

    „Die Digitalisierung wird gewaltige Folgen haben für unsere Kulturen, für unsere Gesellschaften, auch für unsere Arbeitsmärkte, bis hin zu unseren sozialen Sicherungssystemen. Wir machen hier einen ähnlichen Umbruch durch, wie bei der ersten industriellen Revolution, als aus Agrarstaaten Industriestaaten wurden.“

    So habe Russland die erste industrielle Revolution in der Zarenzeit „verschlafen“ und es dann selbst mit den gewaltigen Anstrengungen in der Zeit Stalins nicht vollständig geschafft, seinerzeit auf gleicher Höhe „mit ins Boot“ zu kommen. Das zeige, mit welcher dramatischen Geschwindigkeit und mit welchen großen Konsequenzen industrielle Revolutionen einhergingen.

    Was den Klimawandel und den Ressourcenverbrauch anbelange, so gelte es, die bestehenden Wirtschaftssysteme in von Nachhaltigkeit geprägte zu transformieren. Diese beiden Aufgaben seien beide „unendlich schwer zu bewältigen“, hätten gleichermaßen „große gesellschaftliche Folgen“ und seien „die wahren Probleme und Konfliktlinien des 21. Jahrhunderts“, so Precht.

    Freund-Feind-Schablone: Antiquierte Denkweise im Verhältnis zu Russland

    Das „Ärgerliche“ daran sei, dass oft mit einer aus dem vergangenen Jahrhundert stammenden Denkweise an diese Probleme herangegangen würde. Dazu gehörten auch die oft „schablonenartigen Freund-Feind-Verhältnisse“, die Deutschland gegenüber Russland habe, so der Philosoph:  

    „Die reflexartige Ablehnung von Allem, was Putin macht, die moralische Verurteilung Russlands bei gleichzeitiger freundlicher Behandlung Chinas und Saudi Arabiens, sind Relikte des 20. Jahrhunderts.“  

    Die heutige Welt, in der tatsächlich immer mehr Geld für Waffen ausgegeben würde, obwohl zwei vordringlichere Probleme zu lösen seien, zeige, wie sehr überfordert die Menschen damit seien, die wahren Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu erkennen. Sie verbildliche, wie stark einerseits Lobbyinteressen und anderseits veraltetes Mindset (zu deutsch: Denkweise) immer wieder ins 20. Jahrhundert „zurückpfeiffen“ und den Menschen zuweilen den Glauben daran verlieren ließen, bereits auf der „Höhe der Zeit“ zu sein.

    „Man muss sich fragen, wie gut diese Freunde sind“

    Exemplarisch mag herhalten, wie die deutsche Wirtschaft in harte Auseinandersetzungen rund um Nord Stream-2 begriffen sei und seitens der US-Amerikaner Sanktionen ausgebaut und immer neue angedroht werden: „Es ist schon erstaunlich, wie stark man von Freunden erpresst werden kann“, so Precht dazu, wie die deutsche Gesellschaft und Politik das Verhältnis zu Russland gegebenenfalls verbessern könne.  

    „Und wenn man so stark von Freunden erpresst wird, muss man sich fragen, wie gut diese Freunde sind“, so Precht weiter. Deutschland würde umgekehrt auch nicht versuchen, die Geschäftsbeziehungen der USA zu anderen Ländern zu moralisieren oder zu unterbinden. An dem Beispiel würde deutlich, dass die Zukunft Deutschlands wie Europas vom gleichlautenden Wunsch der russischen Seite getragen sei, wohlverstandene deutsche und europäische Interessen zu vertreten.

    Feindbild für Rüstungsindustrie

    Es gäbe einige Punkte, da sei die Interessenlage ähnlich der USA, in anderen aber ganz anders: „Man darf nicht vergessen, dass die USA mit Russland so gut wie keine Wirtschaftspolitik betreiben und Russland als Wirtschaftspartner nicht brauchen, aber als Feind im Hinblick auf ihre Rüstungsindustrie ausgesprochen gut gebrauchen können.“

    „Nichts Segensreicheres“, als entspanntes Russland-Verhältnis

    Es sei an der Zeit, so Precht, dass die „deutsche Politik mit Vernunft und mit Augenmaß lerne, ein gutes Verhältnis nicht nur zu den Vereinigten Staaten, sondern auch gegenüber Russland zu gewinnen“, weil dies für beide Länder wichtig sei und weil es „nichts Segensreicheres geben kann, als ein entspanntes Verhältnis gegenüber Russland und kaum etwas Gefährlicheres, als ein dermaßen angespanntes Verhältnis, wie wir das im Augenblick sehr bedauerlicherweise wieder erleben“. 

    Die russischen Bemühungen im Hinblick auf die Atomare Abrüstung und das ständige „Am-Ball-Bleiben“ in dieser Frage, würden der Welt laut Precht „relativ gut signalisieren, dass die Russen an einer weiteren Verschärfung der Rüstungsspirale kein Interesse haben“.

    Er wünsche sich, dass sich diese Initiative, auch wenn sie zwischendurch frustriert werden möge, „immer wieder und immer lauter vorgetragen wird, um auch vielen Menschen in Europa klar zu machen, dass die Russen kein Interesse haben an einer Wiederkehr des Rüstungswettlaufs, wie wir es im Kalten Krieg erlebt haben.“

    Versäumnisse um die Nato

    Nach dem Ende des Kalten Krieges 1992 war Precht für eine Revision der Nato, „wenn sie nicht mehr gegen den alten Feind gerichtet ist“. Die Amerikaner - „die mit Abstand stärkste Kraft in der Nato“ - hätten das anders gesehen. Ihr Interesse bestand darin, so viele Länder wie möglich in ihren Dunstkreis aufzunehmen: Für die „Falken“ (politische Hardliner, Anm. d. Red.) in den USA war der Kalte Krieg 1992 längst nicht beendet, so Precht. „Das ist ein großes Versäumnis, dass wir damals die Nato nicht modernisiert oder in ein anderes Verteidigungsbündnis überführt haben  und es ist traurig zu sehen, dass heute nicht die geringsten Ansätze dafür vorliegen, sondern dass Ereignisse wie in der Ukraine als Beispiele dafür genommen werden, für die nächsten 20 oder 30 Jahre an den einmal etablierten Strukturen von früher festzuhalten.“

    Fühlbare Missstände führen zu Veränderungen  - Krise sei Dank 

    Precht glaube, dass die Möglichkeit für gesellschaftliche Umwandlungen bestünde, aber seine Befürchtung sei, dass dafür Crashs und Krisen vonnöten seien, wie jetzt das Corona-Dilemma, damit „bestimmte Dinge, die man sich immer schon mal gedacht hat, wirklich fühlbar werden und darüber auch zur Veränderung führen können“.

    Gesellschaft kann Politik „jagen“

    Es gäbe Zeitgeistströmungen und sehr starke Trends, die die Politiker vor sich hertrieben. Die heutige Politik in den westlichen Demokratien sei abhängig von den Launen der Medien und von den Stimmungsschwankungen der Bevölkerung. Und wenn sich innerhalb dieser Stimmungsschwankungen stärkere Trends abzeichnen, dann ließe die Politik sich perfekt von der Gesellschaft jagen.

     

     

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