23:15 23 November 2020
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    Am Tag der Erinnerung und der Trauer, an dem man in Russland der Gefallenen im Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion gegen Nazi-Deutschland gedenkt, wurde die russische Ausgabe des Buches von Karin Felix, die für den Besucherdienst des Deutschen Bundestags tätig war, „Ich war hier - Die Graffiti im Reichstagsgebäude" online vorgestellt.

    In 25 Jahren Arbeit konnte die Autorin Informationen über fast 700 Inschriften sammeln, die Soldaten der Roten Armee hinterlassen hatten. Das Buch wird als äußerst wichtiges Werk der historischen Gedächtniskultur angesehen.

    „Als Staatsduma-Abgeordnete diese im Reichstagsgebäude bewahrten Inschriften zum ersten Mal sahen“, erinnert sich der Parlamentsvize Alexander Schukow, „waren sie über ihren Inhalt tief betroffen und darüber, wie viel Seele in die Bewahrung dieser Inschriften während der Sanierung 1995 investiert wurde. Immerhin hätten sie einfach verschwinden können. Trotzdem hat der Bundestag eine Sonderentscheidung getroffen, sie aufrecht zu erhalten. Dann folgte die großartige Arbeit von Karin Felix, um sie zu identifizieren und darüber hinaus Kontakt mit denen aufzunehmen, die diese Inschriften hinterlassen hatten, oder mit ihren Verwandten.“

    Von der russischen Ausgabe des Buches erwartet sie nach ihren Worten weitaus mehr, als von der deutschen. „Die Namen, die darin stehen, sagen den Deutschen nicht viel. Da sieht man aber an den Wänden des Reichstagsgebäudes das Datum 22. Juni 1941, das mit dem heutigen Tag verbunden ist. Für die Russen ist es ein ganz anderer Bezug. Es sind ihre Menschen, die da geschrieben haben. Und das macht den Unterschied auch aus.“

    Was man in Russland an deutscher Gedächtniskultur schätzt

    Die russische Ausgabe könne die Suche neu anspornen, sagt Schukow. „Nicht allen in Russland ist bekannt, dass diese Inschriften erhalten geblieben sind. Wenn man aber nach Berlin kommt und das Reichstagsgebäude besucht, erfährt man es während der Führung von Karin Felix. Und vergleicht es damit, was man in den Familien erzählt wird.“

    Eine von diesen Geschichten wird im Buch erwähnt. An einer Wand des Reichstagsgebäudes war ein mit einem Pfeil durchbohrtes Herz gezeichnet, die Unterschrift lautete „Galina und Anatoli“. Ohne Nachnamen. Während der Führung am 29. Juli 2011 zeigte eine zwölfjährige Schülerin aus Twer auf die Zeichnung und sagte zu ihrer Freundin: „Ein Foto davon hängt bei meiner Oma im Wohnzimmer an der Wand. Mein Urgroßvater hat das Herz gezeichnet und seine Frontkameraden haben es fotografiert.“ Nun sah die Großenkelin diese Zeichnung im Reichstag. Karin Felix bat das Mädchen um ihren Namen, es weigerte sich aber ihn zu nennen. Man musste ihr erklären, wie wichtig es für das Buch ist, den Vor- und Nachnamen des Soldaten festzustellen.

    Solche Beispiele der Gedächtniskultur seien für Russen besonders wertvoll, schließt der Parlamentarier, gerade in einer Zeit, in der weltweit der Prozess der Denkmalszerstörung an Fahrt gewinne. Der Sonderbeauftragte des Präsidenten Russlands für internationale kulturelle Zusammenarbeit, Michail Schwydkoi, versteht das Buch als Ergebnis einer selbstlosen Arbeit und die Widerspiegelung der inneren Überzeugung der Autorin. „Der höchste Wert, der im deutsch-russischen Verhältnis seit 75 Jahren gepflegt wird, sind das Vertrauen, die Vergebung und die Liebe, die unsere Völker zueinander gefasst haben.“

    Man wisse, so Schwydkoi, „dass der Handelsumsatz sich vergrößert, dass 5.000 deutsche Unternehmen am russischen Markt bleiben, dass die Bildungs- und Forschungspartnerschaft ausgebaut wird, dass in Deutschland ,Russische Saisons‘ und in Russland das Deutschlandjahr stattfinden, das im August starten wird. Aber ohne solche Menschen wie Karin Felix und Wolfgang Kubicki hätten diese Veranstaltungen wiederum nicht diesen Erfolg. Denn die Menschen bilden stets die Grundlage.“

    Selbst in einer Krisenzeit im intensiven Kontakt bleiben

    Wir seien in einer Phase der Beziehungen, die momentan nicht so sehr glücklich sei, stellte Wolfgang Kubicki, Vizepräsident des Deutschen Bundestages, der das Vorwort zu dem Buch geschrieben hat, fest. „Wichtig ist, dass man in einem sehr intensiven Kontakt bleibt, miteinander redet und nicht versucht, schlecht übereinander zu reden oder übereinander herzufallen. Insofern passt das Buch genau auch in die Zeit, weil es uns immer wieder deutlich macht, worauf eigentlich die deutsche Demokratie aufgebaut ist, nämlich auf der Zerstörung des Naziregimes und dem Blutzoll vieler russischer Soldaten.“

    Insofern sei es eine Gelegenheit, wieder daran zu erinnern, dass sich so etwas nie wiederholen dürfe, so Kubicki. „Die Inschriften im Reichstag müssen dauerhaft erhalten bleiben, um uns diese Erinnerung immer wieder wach zu erhalten, damit die Bundestagsbesucher an die Geschichte erinnert werden, damit die russischen Besucher, die zu uns kommen, auch wiederfinden können, was ihre Großväter und Väter geleistet haben. Auch das ist ein verbindendes Element, wenn man in einem Gebäude, in dem ein Parlament sitzt, verstehen kann, hier waren meine Großväter oder meine Väter, um Deutschland vom Nationalsozialismus zu befreien.“

    Es sei wichtig, betont der Bundestagsvize, „dass die Parlamente im Gespräch bleiben. Es ist wichtig, wenn wir miteinander reden. Dies führt dazu, dass man Missverständnisse vermeidet. Und ich werde jetzt nicht hoffen, dass unsere amerikanischen Freunde uns daran hindern können, dass wir miteinander kommunizieren.“

    Geschichtsbewusstsein bei jungen Menschen wecken

    Auf die Sputnik-Frage, was junge Deutsche empfinden, wenn sie im Reichstag diese Inschriften auf kyrillisch sehen, antwortete Kubicki, der selbst kleine Schülergruppen, die ihn besuchen, gelegentlich durch den Reichstag führt, „das lässt zunächst einmal erstaunen, weil die meisten mit diesen Schriftzeichen relativ wenig anfangen können. Sie stellten mir die Frage, warum haben die Bauarbeiter Zeichen hinterlassen, und sie werden nicht abgewischt.“

    „Und wenn man ihnen dann erklärt“, so der Parlamentarier weiter, „dass das die Inschriften der russischen Soldaten sind, die Deutschland befreit haben und dies im Reichstag selbstverständlich dokumentiert haben, dass sie sich gefreut haben, dass sie es bis dahin überlebt haben und dass sie es für die Nachwelt hinterlassen wollten, dann wird ein bisschen Geschichtsbewusstsein geweckt. Denn wir wissen, je jünger Menschen sind, desto weiter weg sind die Geschehnisse von ihnen und desto weniger werden sie von ihnen berührt.“

    Deshalb sei es auch für das Geschichtsbewusstsein junger Deutscher wichtig, fügt Kubicki hinzu, „dass sie im Reichstag diese Inschriften sehen, dass sie erfahren, dass hinter all diesen Namen, in diesen Ortsbeschreibungen, einzelne menschliche Schicksale stehen. Das macht Geschichte noch begreifbarer, als wenn man nur die Zahlen und Daten nimmt. Und dann mag eine gewisse Betroffenheit entstehen. Das führt dann auch dazu, dass man sich als Deutscher wieder seiner Verantwortung, auch für die eigene Vergangenheit, bewusst ist, selbst wenn wir daran nicht teilgenommen haben.“

    Inschriften sowjetischer Soldaten auf den Wänden vom Bundestagsgebäude (Archivbild)
    Inschriften sowjetischer Soldaten auf den Wänden vom Bundestagsgebäude (Archivbild)

    Dann wäre eine besondere Verpflichtung dafür Sorge zu tragen, ist sich der FDP-Vize sicher, „dass erstens von deutschem Boden aus so was nie wieder geschieht und dass zweitens der Völker, die unter der deutschen Kriegsführung und der deutschen Besatzung besonders zu leiden hatten, darunter auch die russische Bevölkerung, mit etwas mehr Respekt gedacht werden muss, als es gelegentlich in den sozialen Medien heute, die sehr locker und flapsig daherkommen, der Fall ist.“

    Die Gefühlslage junger Deutscher sei es, dass es für sie Geschichte ihrer Großeltern, nicht mehr ihre eigene sei, urteilt der Abgeordnete. „Deshalb ist es für uns als Politiker der heutigen Zeit wichtig, darauf hinzuwirken, dass durch Zusammenkünfte gerade von jungen Menschen das Verständnis geweckt und intensiviert wird, dass man Freundschaften schließen kann, die auch Krisen überdauern. Wir haben jetzt gerade im deutsch-russischen Verhältnis die krisenhafte Situation erlebt. Trotzdem ist das Fundament, auf dem wir stehen, doch schon so stark, dass wir diese Krisen auch bewältigen können, auch wenn sie uns gelegentlich mehr beschäftigen, als sie uns beschäftigen sollten.“

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    Tags:
    Berlin, Sowjetunion, Erinnerungskultur, UdSSR, Zweiter Weltkrieg, Bundestag