17:47 19 September 2020
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    Ausgerechnet vor Managern, die täglich Werte schöpfen und Lieferketten etablieren, Arbeitsplätze schaffen, Profite in Firmen reinvestieren oder einfach vom Gewinn ihren Porsche kaufen, hat sich Philosoph Richard David Precht für ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgesprochen. Im Forum der deutsch-russischen Auslandshandelskammer sagte er, warum.

    Als „Experiment“ für das bedingungslose Grundeinkommen ist vor Kurzem in Finnland ein Feldversuch zu Ende gegangen, bei dem Arbeitslosen ein solches gewährt, das Modell aber keine Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt zeigte. Berichten zufolge soll dementsprechend keine allzu große Zufriedenheit hinsichtlich der gewonnenen Erkenntnisse herrschen.

    Westliche Industrieländer führen es ein

    Bei der Russlandkonferenz der deutsch-russischen Auslandshandelskammer zu den Auswirkungen der Coronakrise, machte Gegenwartsphilosoph Richard David Precht klar, dass seiner Ansicht nach allerdings eine „allgemeine Notwendigkeit des Grundeinkommens“ bestehe. Er gehe „davon aus, dass die meisten westlichen Industrieländer eines einführen werden – aber nicht in den nächsten fünf Jahren“, so Precht.

    Von dem „finnischen Experiment“ habe er jedoch „überhaupt nichts“ gehalten: „Wenn sie in Deutschland in der Mitte des 19. Jahrhunderts in einem bayerischen Dorf das Frauenwahlrecht im Experiment eingeführt hätten, dann wäre das krachend gescheitert. 

    Oder auch die Abschaffung der Sklaverei kann man nicht in einem Experiment auf einer einzelnen Baumwollplantage machen – bestimmte Dinge gehen nicht in Form von Feldversuchen oder Experimenten!“

    Gesellschaftlicher Umbruch und Künstliche Intelligenz  

    Das Modell „bedingungsloses Grundeinkommen“ würde aus anderen Gründen eingeführt, denn es sei die Antwort auf einen im Zuge eines kulturellen Wandels bevorstehenden Umbruch, zu dem er keine Alternative sehe: 

    Laut Precht steht eine gravierende Veränderung unserer Arbeitsmärkte bevor, wenn sehr viele Leute, die einfache Routinetätigkeiten erledigten, etwa Büroarbeit bei Versicherungen, bei Banken oder in Verwaltungen, ihre Arbeit verlieren, andererseits aber in den neu entstehenden Berufe aufgrund ihrer mangelnden Kompetenzen nicht arbeiten könnten.

    Die weiter voranschreitende Digitalisierung und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) würde die Entwicklung noch befeuern.

    Bei der KI sehe Precht, dass „sie uns von stupider Arbeit befreit und (...) die Möglichkeit eines großen medizinischen Fortschritts und großer Unterstützung in der Forschung“. Auf der negativen Seite hingegen sähe er „die Angst vor großer Überwachung“. Precht plädiert insofern für eine Grenzziehung: „Künstliche Intelligenz darf nicht dazu genutzt werden, über Menschen zu richten: Wenn KI der ‚Entscheider‘ darüber wird, wer leben darf (...) menschliche Lebensschicksale und menschlichen Lebenswert miteinander abwägt - diese Grenze sollten wir nicht überschreiten“ Als Negativ-Beispiele nennt Precht die Entwicklungen zum Autonomen Fahren in den USA und den Einsatz von KI bei Waffensystemen.

    „Der Strukturumbruch wird nur zu bewältigen sein, wenn die Menschen ein Grundeinkommen bekommen und die Unternehmen nicht mehr bedrohlich sind dadurch, dass sie Arbeitslose ‚produzieren‘. Das wird ein gewaltiger Kulturwandel sein und gewaltiger gesellschaftlicher Umbruch, zu dem ich keine Alternative sehe“, so Precht. Dieser Wandel sei aus zivilgesellschaftlicher Initiative möglich und die Politik könne dorthin getrieben werden.  Allerdings habe er „die Befürchtung, dass wir Crashs und Krisen wie die jetzige Corona-Krise brauchen, damit bestimmte Dinge (...) wirklich fühlbar werden und darüber auch zur Veränderung führen können“.

    Renten und das alte Umlagesystem – Wahlkampfthema der Zukunft

    Denn die Menschen, die arbeiten, würden irgendwann nicht mehr die große Anzahl der Menschen, die nicht arbeiten, finanzieren können – das sei vor allem dem demografischen Wandel geschuldet, dass diejenigen, die nicht mehr arbeiten, also diejenigen seien, die 90 oder 100 Jahre alt würden.

    „Damit wird unser Umlagesystem ohnehin ersetzt werden müssen und es wird vermutlich in den meisten Ländern der westlichen Welt auf eine Form des Grundeinkommens hinauslaufen“ und zudem denke er, „die Wahlkämpfe in zehn Jahren werden nicht in der Frage geführt ‚Grundeinkommen: ja oder nein?‘, sondern sie werden in der Frage geführt, welche Form des Grundeinkommens es geben wird.“

     

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    Tags:
    Finnland, Deutschland, Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK), Grundeinkommen