08:23 01 Dezember 2020
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    Ex-Kriminalkommissar Manfred Paulus hat im österreichischen Verlag „Promedia“ ein neues Buch herausgebracht: „Menschenhandel und Sexsklaverei“. Es weist auf ein meist unbemerktes Problem mitten in unserer Gesellschaft hin: Zwangsprostitution und der „Handel“ mit Frauen und Kindern. Das Werk schildert Schicksale und nennt Hilfsangebote.

    Mit seinem neuen Buch „Menschenhandel und Sexsklaverei: Organisierte Kriminalität im Rotlichtmilieu“ (erschienen bei „Promedia“ in Wien, 2020) hat der frühere und langjährig erfahrene Kriminalkommissar Manfred Paulus ein lesenswertes und informatives Werk auf den deutschsprachigen Markt gebracht. Es erfordert allerdings beim Lesen starke Nerven, wirft es doch den Fokus auf ein schwach beleuchtetes und auch medial nur recht spärlich behandeltes Problem, das vor allem Frauen und Kinder betrifft. Sklaverei, organisierter Menschenhandel und Zwangsprostitution sind mit der Aufklärung oder durch moderne Gesetze bei weitem nicht verschwunden. Immer noch sind Millionen von Menschen in der Gegenwart betroffen oder bedroht von diesem Problem.

    Menschen- und Sex-Handel existiert bis heute – und zwar welt- und europaweit. Deutschland sei dabei eine „zentrale Drehscheibe und ein beliebtes Ziel“ für Kriminelle in diesem Bereich, so Ex-Ermittler und Autor Paulus in seinem Buch.

    Das Thema bleibt wohl ein großes gesellschaftliches Problem. Auch wenn aktuell Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) nachdrücklich härtere Strafen für Täter, die Kindesmissbrauch begehen, fordert.

    30 Jahre Erfahrungen als Ermittler: Kriminalfälle im Rotlicht-Milieu

    Paulus konnte beim Verfassen des Buches auf seinen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Als Erster Kriminalhauptkommissar a. D. hatte er früher mit der Organisierten Kriminalität zu tun, die unter anderem mit dem Betrieb von „Rotlichtlokalitäten“ Geld verdient. Der Autor kann auf 30 Jahre nationale und internationale Erfahrung bei Ermittlungen von Fällen im Bereich Menschenhandel und Rotlichtkriminalität zurückblicken. Er lehrte unter anderem an der Hochschule für Polizei in Baden-Württemberg. Der ehemalige Polizist ist in der Präventions- und Aufklärungsarbeit tätig und arbeitet mit verschiedenen sozialen Organisationen in Südost- und Osteuropa zusammen, die betroffenen Frauen und Mädchen einen Weg aus der – meist unter Zwang erzeugten – Prostitution anbieten.

    Kurz gesagt: Es sei ein in weiten Teilen kriminelles Milieu, „in das der Autor seine Leserinnen und Leser entführt, eine beängstigende Reise in die Welt des Frauen- und Kinderhandels, die von Gewalt beherrscht ist“, so der Klappentext des Buches.

    Die „Waren“ Frau und Kind

    Kriminelle Netzwerke und Strukturen, europäisch organisiert, sowie wirtschaftliche und soziale Schieflagen in Herkunftsländern – beispielsweise bei zur Prostitution gezwungenen Frauen aus Osteuropa, die in der Bundesrepublik ihre Dienste anbieten müssen – begünstigen und organisieren dem Ex-Ermittler zufolge den illegalen Handel mit der „Ware Kind und Frau“. So nennt der ehemalige Kommissar den hochkriminellen „Handel“ mit Menschen.

    Im Jahre 2003 „waren es bereits 12.300 bis 24.700 Frauen, die nach Deutschland gehandelt und der Sexindustrie zugeführt wurden. Demnach ist die deutsche Prostitutionsgesetzgebung – klar erkennbar – eine Einladung für Menschenhändler. Eine Studie der London School of Economics von 2015 bestätigt das.“ Die Wissenschaftler dieser Studie kamen demnach „zu dem Schluss, dass überall dort, wo Prostitution gesetzlich legalisiert ist, vermehrt mit Menschen gehandelt wird. “

    Teilweise erschütternde Schicksale junger Frauen und Mädchen im Rotlichtmilieu schildert das Buch. Der Ex-Polizist greift dabei auf Ermittlungsergebnisse und Fallakten von Strafverfolgungs- und Justiz-Behörden zurück. Auch zitierte Polizei-Befragungen ehemaliger oder aktiver Prostituierten sowie selbstgeführte Interviews mit betroffenen Frauen und Opfern lassen sich darin finden. Aufgrund dieser Einzelfälle und Beispiele liest sich sein neues Buch spannend und beunruhigend zugleich.

    Für 3000 Euro verkauft und zur Prostitution gezwungen

    Osteuropa sei nicht nur ein wichtiger „Zulieferer“ für Deutschlands Bordelle und Rotlichtlokale, sondern generell eines der wichtigsten Tätigkeitsfelder und Regionen für organisierte kriminelle Gruppen, schätzt Ex-Kriminalkommissar Paulus ein.

    In seinem Buch wird der Fall der jungen Frau Maja aus der rumänischen Hauptstadt Bukarest geschildert. Sie wuchs in „ärmlichsten Verhältnissen“ auf und sah das dubiose Angebot eines Fremden, in den Westen zu gehen, um dort zu kellnern oder ähnliche Jobs auszuführen, „als die Chance ihres Lebens“. Doch es kam alles anders.

    „Eines Tages wurde sie für 3000 Euro verkauft und von anderen Männern nach Deutschland gebracht. Ihre Hoffnung, dass es ihr dort bessergehen würde, erfüllte sich nicht. Sie wurde in einer Wohnung im Saarland gefangen gehalten, immer wieder verprügelt und vergewaltigt. (...) Dann brachte man sie in ein schmuddeliges Hinterhofbordell.“ Dort musste sie Freier empfangen. Aber dann „gelang es ihr, einem Freier das Handy zu klauen. Sie wählte 110 und lotste in einem Kauderwelsch aus Rumänisch, Englisch und Deutsch die Polizei in das versteckte Bordell. (...) Gegen ihre Zuhälter wurde ein Ermittlungs- und Strafverfahren eingeleitet.“ Maja, die momentan wieder in Rumänien lebe und Kontakt zu ihren Eltern habe, müsse daher „bis heute in einem Versteck“ leben.

    Der Ex-Ermittler erinnert an vielen Stellen in seinem Werk an die Tatsache, dass die entführten, gekidnappten, überredeten oder „freiwillig mitgegangenen“ Frauen und Mädchen – die in deutschen Bordellen ein trauriges Dasein fristen – nicht nur aus dem osteuropäischen oder südeuropäischen Raum stammen. Anschaulich schildert er teils brutale Schicksale junger Mädchen und Frauen, die aus Nigeria oder Thailand kommend in Deutschland in den Fängen ihrer Zuhälter oder „Lover Boys“ gestrandet sind. Und dort entweder in offiziell zugelassenen Bordellen oder in widerrechtlichen „Hinterhof-Etablissements“ zum Geschlechtsverkehr mit Freiern gezwungen werden.

    „Die meisten Prostituierten arbeiten unter Zwang“

    Der frühere Polizist betont in seinem Buch an vielen Stellen, dass die häufig von Frauen im Milieu behauptete „Freiwilligkeit“ in den meisten Fällen kaum Bestand in der Realität habe. Diese vermeintliche Freiwilligkeit „ist oft nur vorgetäuscht“, schreibt Paulus in seinem Buch.

    „Ich übe diesen Beruf freiwillig aus, mein Zuhälter beschützt mich nur vor aggressiven oder zahlungsunwilligen Kunden“, so ein häufig gehörter, aber sehr naiver bzw. durch Gewalt oder emotionalen Druck erzeugter Spruch vieler Prostituierten, die das laut Psychologen auch aus Selbstschutz sagen.

    „Terre des Femmes“ und „SISTERS“: Wo erhalten Betroffene Hilfe?

    Der Autor nennt im Buch mehrere seiner Meinung nach gut aufgestellte sowie ernsthaft interessierte soziale und helfende Organisationen, die Mädchen und Frauen dabei unterstützen, sich aus der Prostitution zu befreien. Darunter „Esther Ministries“ in Stuttgart. Ein im Rotlichtmilieu tätiger Verein, der in der Kernarbeit Frauen beim Ausstieg hilft. „Die Betreuung Betroffener erfolgt durch Pädagoginnen und Sozialarbeiterinnen.“ Der Verein betreibe auch „Aufklärungs- und Präventionsarbeit an Schulen (...) und Kirchengemeinden. (...) So gelang es dem Verein beim aufsehenerregenden ‚Walk of Freedom' 2019 annähernd tausend Aktivistinnen zu aktivieren.“ Diese protestierten damals gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung.

    „SISTERS“ mit Standorten in Berlin und Stuttgart sei eine weitere Organisation mit Milieukenntnissen, „die in Zeiten, in denen der Staat kläglich versagt und Deutschland zur europäischen Drehscheibe des Frauenhandels geworden ist“, Hilfe anbiete. „Die Organisation ist angetreten, um zu verhindern, dass hunderttausende Frauen in der Armutsprostitution, getäuschte oder gewaltsam entführte Mädchen und Frauen aus Ost- und Südosteuropa (...) oder auch verzweifelte deutsche Frauen im Stich gelassen werden.“

    Der 1981 in Hamburg gegründete, gemeinnützige Verein „Terre des Femmes“ (TDF) engagiert sich seit Jahrzehnten gegen Genitalverstümmelung bei Frauen, gegen Zwangsheiraten, aber auch gegen Frauenhandel und Sexsklaverei. Paulus schreibt, TDF „unterstützt entsprechende Projekte – und zwar weltweit.“ Beispielsweise in Thailand, in Weißrussland oder in Bulgarien. „Die Organisation leistet in Deutschland eine umfassende Aufklärungsarbeit“, lobt der Ex-Ermittler. Langfristiges Ziel der „verdienstvollen und weltweit vernetzten“ Organisation sei eine „Gesellschaft ohne Prostitution“.

    Betroffene Frauen und Mädchen können sich ihm zufolge vertrauensvoll an diese und weitere im Buch genannte Organisationen wenden.

    „Der Befund des Buches macht betroffen, umso mehr, als Manfred Paulus aus langjähriger Erfahrung die Mängel und Schlupflöcher der (auch deutschen, Anm. d. Red.) Gesetzgebung kennt, die es Menschenhändlern und Zuhältern immer wieder ermöglichen, trotz oft erdrückender Beweislage straffrei zu bleiben“, heißt es weiter im Klappentext.

    Im zweiten Teil seines Buches beschreibt der frühere Kriminalhauptkommissar daher auch, welche politischen und auch rechtlichen Maßnahmen „zu ergreifen sind, um den Schwächsten und Schutzbedürftigsten in unserer Gesellschaft, jenen, deren Körper zur Ware geworden ist, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; auf dass die Hilfeschreie sexuell ausgebeuteter Frauen und Kinder nicht ungehört verhallen.“

    Teil 2 der Rezension zum Buch folgt am Sonntag. Dieser beleuchtet Osteuropa als „Zulieferer“ für Zwangsprostitution in Deutschland kritisch.

    Manfred Paulus: „Menschenhandel und Sexsklaverei: Organisierte Kriminalität im Rotlichtmilieu“, Promedia, 208 Seiten, Preis 19,90 Euro, ISBN: 978-3-85371-467-6, 1. Auflage 2020. Das Buch ist im Handel erhältlich.

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    Tags:
    Sklaverei, Frauenhandel, Menschenhandel, Zwang, Prostitution