13:27 06 August 2020
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    Aus Osteuropa werden Frauen und Kinder – meist gegen ihren Willen – nach Deutschland geschleust, wo sie in Bordellen landen. Ex-Polizist Manfred Paulus kritisiert das in seinem neuen Buch „Menschenhandel und Sexsklaverei“. Die Ukraine ist aufgrund politischer und wirtschaftlicher Krisen „ein Tummelbecken“ für Gruppen der Organisierten Kriminalität.

    Der frühere Kriminalhauptkommissar, Polizist und Ermittler im Bereich von Menschenhandel und Zwangsprostitution, Manfred Paulus, hat seine beruflichen Erfahrungen in einem neuen Buch verarbeitet. Es trägt den Titel „Menschenhandel und Sexsklaverei: Organisierte Kriminalität im Rotlichtmilieu“ und ist im Frühjahr auf dem deutschsprachigen Buchmarkt im Verlag „Promedia“ in Österreich erscheinen. Das Werk verlangt dem Leser oder der Leserin einiges ab, beleuchtet es doch die erschreckenden Probleme moderner Sex-Sklaverei, Menschen- und Frauenhandel sowie Sexarbeit und Prostitution unter Zwang.

    Sputnik berichtete bereits am Samstag darüber und stellte das Buch vor.

    Darin betrachtet der Autor und Ex-Polizist verstärkt den osteuropäischen Raum. Laut ihm ein Operations- und „Transit“-Gebiet für Gruppen der Organisierten Kriminalität, die im Bereich Frauen- und Menschenhandel, Zwangsprostitution, Zuhälterei und auf ähnlichen illegalen Feldern tätig sind.

    Osteuropa sei dabei nicht nur ein wichtiger „Zulieferer“ für Deutschlands Bordelle und Rotlichtlokale, schätzt Ex-Kriminalkommissar Paulus ein. Sondern generell eines der wichtigsten Tätigkeitsfelder und Regionen für organisierte kriminelle Banden überhaupt. Der Kriminalkommissar a. D. hat über 30 Jahre Fälle im Bereich von Menschenhandel, Prostitution unter Zwang und Organisierter Kriminalität ermittelt und gelöst. Dieser große Erfahrungsschatz floss in sein neues Buch mit ein.

    Ukraine: „Transitland“ für Deutschland im Menschenhandel

    Beispiel Ukraine: Ein ideales Tummelbecken für Menschenhändler und andere Kriminelle aufgrund dortiger politischer, wirtschaftlicher, geopolitischer, sozialer sowie ethnischer Probleme und Verwerfungen. Der Autor spricht von einem „geschundenen Land“ und hofft, dass es Präsident Wladimir Selenski „in eine bessere Zukunft führen kann“.

    Was den Frauen- und Kinderhandel angehe, sei „die Ukraine ein sehr bedeutsames Rekrutierungs- und Transitland zugleich. Wo solche Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen wie im Osten des Landes wüten, blüht auch das Organisierte Verbrechen: Korruption, Zwangsarbeit, (...) bewaffnete, terroristische Gruppen, illegaler Waffen- und Drogenhandel, (...) illegaler Organhandel, sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern.“ Die Heimat zu verlassen, um einer ungewissen Zukunft „im Westen“ entgegen zu sehen, erscheine deshalb vielen jungen Ukrainerinnen und Ukrainern als die „einzige Alternative“.

    Trotz dieser widrigen Umstände kann die ukrainische Polizei immer wieder Erfolge vermelden. Paulus nennt im Buch einen „spektakulären Erfolg“ der Kriminalpolizei der Ukraine, die „in der Vergangenheit mehrfach verschleppte ukrainische Frauen und Mädchen in westlichen Puffs aufspüren und diese – in Zusammenarbeit mit den jeweils zuständigen Diensten in Deutschland, Österreich, der Schweiz (...) – aus den Klauen ihrer Ausbeuter befreien konnte. Den Tätern, Menschenhändlern und Zuhältern drohen in der Ukraine (...) drastische Strafen.“

    Österreich und Ungarn: Das Schicksal der Roma

    Da das neue Buch im Wiener Verlag „Promedia“ erschienen ist, ließ es sich der Autor nicht nehmen, die geografischen Räume Österreich, Ungarn und Balkan in Bezug auf das Problem Menschenhandel eingehender zu beleuchten. Dabei geht er verstärkt auf die als Roma bekannte dortige ethnische Gruppe ein. Die Roma werden in vielen Fällen immer noch als Menschen zweiter Klasse diffamiert und herabgewürdigt. Der Weg vieler Roma-Mädchen hin zur Prostitution sei deshalb kurz, bedauert Paulus.

    Die Alpenrepublik Österreich sei „die Nahtstelle zwischen Ost und West“, schreibt er in seinem Buch. Auf dem Straßenstrich in Wien seien die meisten Kinder „Angehörige der auf dem Balkan lebenden Minderheiten (allen voran der Roma). Sie zeugen (...) von einem menschenverachtenden Umgang mit Kindern in unserer zivilisierten, modernen Welt.“

    Ein Blick in das östliche Nachbarland: „Prostitution ist in Ungarn seit 1999 erlaubt“, schreibt Paulus. „Dennoch ist sie (...) häufig verboten. Denn es gibt Vorschriften, nach denen Prostitution im Umkreis von 300 Metern von Schulen und Kirchen nicht stattfinden darf. (...) Die Polizei aber setzt sich zumeist großzügig über diese Ordnungsvorschriften hinweg. Die Folge davon: Es gibt in Budapest Wohnungsprostitution, Massagesalons, Striptease-Lokale (...) Straßenstriche, wobei zahlreiche Roma-Frauen und -Kinder an Bahnhöfen und vielen anderen belebten (Touristen-) Orten ihre Körper anbieten (müssen).“

    Bulgarien und Rumänien: „Viele Frauen mit bulgarischem Pass in deutschen Bordellen“

    Das Buch blickt auf weitere Länder in Osteuropa und berichtet über „illegale Migrationsbewegungen aus und über Bulgarien nach Westeuropa. Bulgarische Einzeltäter (...) haben schon vor Jahren die lukrativen Geschäfte mit der ‚Ware Frau' entdeckt und sind bis heute in hohem Maße auf dem Feld des Menschenhandels und der sexuellen Ausbeutung von (nicht nur) bulgarischen Mädchen und Frauen aktiv.“ Auch in Deutschlands Bordellbetrieben und auf deutschen Straßenstrichen besäßen viele Frauen einen bulgarischen Pass.

    Ähnlich sehe die Lage in Ländern wie Albanien, Georgien oder Moldawien aus. Dennoch gibt es laut Paulus auch Lichtblicke und Hoffnungsschimmer. Aktuell sei in Rumänien „eine Gegenbewegung spürbar. Intensive Kontakte und reger Erfahrungsaustausch zwischen rumänischen PolizistInnen und KriminalistInnen und deren Kollegen in Dänemark und Schweden führen dazu, dass die Praktiken und Erfahrungen der Nordländer (wie Schweden, Anm. d. Red.) in die Überlegungen der rumänischen Politik und in die Arbeit der rumänischen Polizei und Justiz einfließen.“ Dabei geraten gegenwärtig verstärkt Zuhälter und Menschenhändler ins Visier der rumänischen Fahnder und Ermittler.

    Ex-Ermittler Paulus erinnert an vielen Stellen in seinem Werk an die Tatsache, dass die entführten, gekidnappten, überredeten oder „freiwillig mitgegangenen“ Frauen und Mädchen – die in deutschen Bordellen ein trauriges Dasein fristen – nicht nur aus dem osteuropäischen oder südeuropäischen Raum stammen. Anschaulich schildert er teils brutale Schicksale junger Mädchen und Frauen, die aus Nigeria oder Thailand kommend in Deutschland in den Fängen ihrer Zuhälter oder „Lover Boys“ gestrandet sind – und dort entweder in offiziell zugelassenen Bordellen oder in widerrechtlichen „Hinterhof-Etablissements“ zum Geschlechtsverkehr mit Freiern gezwungen werden.

    „Schwedisches Modell“ als Vorbild für Deutschlands Politik

    Die deutsche Gesetzgebung in Bezug auf (Zwangs-) Prostitution ist ihm zufolge noch nicht ausreichend. Damit würden Frauen im Milieu nicht zufriedenstellend geschützt. Im Buch plädiert er deshalb dafür, dass sich die deutsche Bundespolitik am „Schwedischen Modell“ orientieren sollte.

    Schweden beschloss Ende der 1990er Jahre mehrere Gesetzesvorhaben zum Schutz von Frauen und Prostituierten. Seitdem werden sowohl Aktivitäten im Rotlicht- und Sexarbeiter-Milieu als auch sexuelle Handlungen ohne gegenseitiges Einverständnis innerhalb einer Ehe, Partnerschaft sowie unter Bekannten oder Fremden hart unter Strafe gestellt. 1998 trat das schwedische Gesetzespaket „Frauenfrieden“ („Kvinnofrid“) in Kraft. Im Rahmen dieser Gesetzesreform wurden die Bereiche Prostitution und Sex-Kauf kriminalisiert. Prostitution in Schweden ist seitdem nicht mehr legal, Freier unterliegen der Strafverfolgung.

    Dieses auch „Skandinavische Modell“ genannte Projekt war laut Ex-Polizist Paulus ein voller Erfolg für die schwedische Politik und vor allem für die Schwedinnen. Das Land in Nordeuropa habe seitdem die Problemfelder Prostitution und Frauenhandel weitestgehend im Griff, so seine Einschätzung. Im Gegensatz zu vielen Ländern Ostereuropas.

    „Der Befund des Buches macht betroffen, umso mehr, als Manfred Paulus aus langjähriger Erfahrung die Mängel und Schlupflöcher der (auch deutschen, Anm. d. Red.) Gesetzgebung kennt, die es Menschenhändlern und Zuhältern immer wieder ermöglichen, trotz oft erdrückender Beweislage straffrei zu bleiben“, heißt es im Klappentext des neuen Buches. Im zweiten Teil gehe der frühere Kriminalhauptkommissar daher auch darauf ein, welche politischen und auch rechtlichen Maßnahmen „zu ergreifen sind, um den Schwächsten und Schutzbedürftigsten in unserer Gesellschaft, jenen, deren Körper zur Ware geworden ist, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; auf dass die Hilfeschreie sexuell ausgebeuteter Frauen und Kinder nicht ungehört verhallen.“

    Manfred Paulus: „Menschenhandel und Sexsklaverei: Organisierte Kriminalität im Rotlichtmilieu“, Promedia, 203 Seiten, Preis 19,90 Euro, ISBN: 978-3-85371-467-6, 1. Auflage 2020. Das Buch ist im Handel erhältlich.

    Zur Person: Paulus war früher Erster Kriminalhauptkommissar und kann auf drei Jahrzehnte nationaler  und internationaler Erfahrung in Ermittlungen von Fällen im Bereich Menschenhandel und Rotlichtkriminalität zurückblicken. Er lehrte unter anderem an der Hochschule für Polizei in Baden-Württemberg. Der ehemalige Polizist ist diesbezüglich in der Präventions- und Aufklärungsarbeit tätig und arbeitet mit verschiedenen sozialen Organisationen in Südost- und Osteuropa zusammen.  

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    Tags:
    Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Ukraine, Osteuropa, Sklaverei, Zwang, Frauenhandel, Menschenhandel, Prostitution