09:49 25 November 2020
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    Was zählt, wenn man eine Straße umbenennen will? Im niederbayerischen Metten waren es bei dem Vorstoß mit der George-Floyd-Straße - zu Ehren des in den USA gewaltsam ermordeten Afroamerikaners - vor allem die Kosten. Viel leichter ist es mit der Umbenennung eines U-Bahnhofs. Doch die BVG hat sich verrechnet und eine Antisemitismus-Debatte entfacht.

    So hat der Marktgemeinderat von Metten am Dienstag den Vorschlag eines kosmopolitischen Bürgers einstimmig mit 16:0 vorerst abgelehnt. Dem Bürgermeister Andreas Moser zufolge wäre eine Umbenennung aufwendig, zu teuer und ohne Bezug zum Ort. Sie hätte zudem zu viele Konsequenzen für die Anwohner gehabt und wäre für ansässige Betriebe ein „Super-Gau“ gewesen, sagte Moser dem Bayerischen Rundfunk. Dass Floyd in der Tat kein unbeschriebenes Blatt war und mehrmals wegen Drogendelikten, Diebstahls und bewaffneten Raubes im Gefängnis gesessen hatte, spielte bei der Entscheidung offenbar keine Rolle.

    Auch in Berlin plädierten die Antirassismus-Aktivisten im Juni für die Abschaffung der diskriminierend empfundenen Mohrenstraße - so weit ist es noch nicht gekommen. Doch nachdem am Eingangsschild des U-Bahnhofs Mohrenstraße in Berlin-Mitte ein Plakat mit der Aufschrift „George-Floyd“ aufgetaucht war, zeigte sich die BVG bereit, die gleichnamige U-Bahnstation umzubenennen. Die Wahl fiel auf die naheliegende Glinkastraße, die an den in Berlin verstorbenen russischen Komponisten Michail Iwanowitsch Glinka (1804-1857) erinnert. Vor gut einer Woche hatte eine BVG-Sprecherin die Idee angekündigt, es schien so gut wie entschieden - bis die Öffentlichkeit fast im Einklang explodierte: Glinka sei ein schlimmer Antisemit gewesen.

    Man habe nicht gesagt, man wolle jetzt eine Glinkastraße, rechtfertigt sich nun der BVG-Sprecher Jannes Schwentu gegenüber Sputnik. Man habe nur gemeint, man wolle keine Mohrenstraße mit diskriminierender Bedeutung mehr. 

    Zwar werden die U-Bahnhöfe im Vergleich zu den Bushaltestellen viel seltener umbenannt - wie etwa die Zinnowitzer Straße 2009 in das Naturkundemuseum. So etwas kann sich die BVG im Vergleich zu einer Straßenumbenennung auch gut leisten - die Rede ist nur von mehreren Tausend Euro Aufwand. Eine genaue Summe kann Schwentu allerdings nicht nennen - es sei sehr individuell. Man müsse die neuen Daten in das interne Computersystem einpflegen, die Fahrgastinformationen umgestalten, das Schild vor dem Eingang, die Hintergleisfläche und Fahrgastinformationsprodukte sowie die Liniennetze anpassen. „Wenn wir das machen - dann zum Fahrplanwechsel am Ende des Jahres“, sagt Schwentu. Man werde sowieso die U5 verlängern und zwei Bahnhöfe neu aufmachen, nämlich den Bahnhof Rotes Rathaus und den Unter den Linden - all die Kosten inklusive der Umbenennung würden dann zusammen berechnet. Über die Glinkastraße wolle man erst Gespräche mit allen Beteiligten wie etwa den Verbänden sowie nach der Absprache mit den Behörden führen. Eine öffentliche Abstimmung über den neuen Namen schließt Schwentu aus - genauso könnte die Station auch nicht nach Belieben Willy-Brandt oder George-Floyd-Straße heißen - die Orientierungshilfe sei ausschlaggebend.  

    In der Medienwelt fallen schnell Urteile

    Insgesamt wirkt die BVG in der Glinka-Debatte eher hilflos.  Im Nachhinein sei das Vorgehen der BVG bei der Namensänderung vielleicht „naiv“ gewesen, gab man zu, als die vielen kritischen Medienberichte zum Vorhaben aufgetaucht waren. Wollte man den Anschuldigungen gegen den russischen Komponisten etwas entgegenstellen, stützte man sich lediglich auf seinen Wikipedia-Eintrag - wo damals „noch nichts über die Antisemitismusvorwürfe gestanden habe“. Muss sich aber jetzt ein durchschnittlicher Leser, der sich eine unabhängige Meinung über Glinka bilden möchte, unbedingt auf diese fehlerhaften unzuverlässigen Müllkästen stützen? 

    Es waren allerdings auch die „Bild“-Zeitung, die „Berliner Zeitung“ oder der „Tagesspiegel“. Auch die „Jüdische Allgemeine“ hat den Komponisten angeprangert. Da schreibt etwa die Autorin Judith Kessler ohne Berufung auf Quellen, Glinka habe unter anderem den Pianisten Anton Rubinstein als „zu jüdisch“ oder als „frechen Zhid“ attackiert - wobei „Zhid“ im Russischen als ein abfälliges Wort für „Jude“ gekennzeichnet wird. Auch soll Glinka samt den anderen offenbar ebenso antisemitisch eingestellten Komponisten die Russische Musikalische Gesellschaft von Rubinstein etwa als „Zhid-Musikverein“ diffamiert haben. In „The Guardian“ bezeichnete der Historiker Jan Claas Behrends von der Humboldt-Universität die Oper Glinkas „Fürst Cholmski“ zwar als antisemitisch, räumte aber ein, dass der Antisemitismus in der damaligen Zeit weit akzeptiert gewesen sei. Kaum hat jemand erwähnt, dass Glinka dabei lediglich die Musik zum Libretto des Dramatikers Nestor Kukolnik schrieb. 

    Auch hat Sputnik mit Unterstützung der Glinka-Experten in den zahlreichen russischsprachigen Dokumenten keine Aussagen wie „frecher Zhid“ oder „Zhid-Musikverein“ gefunden. In einem privaten Brief Glinkas an den Astronomen Wassili Engelhardt kam aber die komplexe Beziehung zum musikalischen Bahnbrecher Rubinstein zum Ausdruck, indem Glinka schrieb: „Zhid Rubinstein hat sich verpflichtet, Deutschland mit unserer Musik vertraut zu machen, und einen Artikel geschrieben, in dem er uns alle vermasselt hat.“

    „Auch haben wir Wagner fast hinter uns gebracht“

    Komplex ist ebenso die Etymologie des spätslawischen Wortes „Zhid“, die selbst der große russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski in seinen Tagebüchern unter dem Titel „Die jüdische Frage“ betonte. „Werde ich nicht deswegen des ‚Hasses’ beschuldigt, dass ich manchmal einen Juden einen ‚Zhid’ nenne?“, so Dostojewski. „Aber erstens hätte ich nicht gedacht, dass es so beleidigend wäre, und zweitens habe ich das Wort ‚Zhid’ <..> immer nur mit Bezug auf eine bekannte (gemeinschaftliche) Idee benutzt wie ‚Jude, Judentum, das Königreich der Juden’ und so weiter. Hier ist ein bekanntes Konzept, eine Richtung gekennzeichnet, das für das Jahrhundert charakteristisch war. Sie können über diese Idee streiten, nicht damit einverstanden sein, aber sich nicht durch das Wort beleidigen lassen“.

    Der israelische Künstler Mark Shechtman schrieb seinerseits ironisch-satirisch zum kritischen Gedicht des Dichters Naum Sagalovsky „Andante cantabile“ über den offensichtlichen Antisemitismus der russischen Größen wie Pjotr Iljitsch Tschaikowski, es bliebe nur zu entscheiden, ob die Musik Tschaikowskis noch in Israel aufgeführt werden dürfte.  „Und die von Franz Liszt ebenso - der war ja ein feuriger Antisemit. Neben ihm scheint Pjotr Iljitsch ein Zionist zu sein. Und die von Chopin - man sagt, er hat sich einmal geweigert, in einem Saal zu spielen, in dem die Juden waren. <..> Auch haben wir Wagner fast hinter uns gebracht.“ Der nächste Vorschlag an die BVG heißt: Auch den Wikipedia-Eintrag des Namensgebers der Haltestelle U-Bahnhof Richard-Wagner-Platz auf Antisemitismusvorwürfe gegenchecken.

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    Tags:
    Antisemitismus, Rassismus, George Floyd, BVG, Fjodor Dostojewski