19:50 24 November 2020
SNA Radio
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    86218
    Abonnieren

    In der islamischen Welt ist Aserbaidschan einer der am stärksten säkularisierten Staaten: einzigartig verweltlicht. Glaubensfreiheit hat seit 1992 Verfassungsrang in der Ex-Sowjetrepublik am Kaspisee. Doch ist es nur ein Lippenbekenntnis – auch gegenüber Muslimen? Eine Studie legt eine besondere Agenda nahe: Marketing und Machterhalt.

    Burkas oder auch nur einen Tschador hat die Verfasserin dieses Artikels bei ihrem letzten Besuch in Baku selten gesehen. In der aserbaidschanischen Öl-Metropole Vorderasiens werden ganzkörperverhüllte Touristinnen etwa aus Saudi-Arabien oder anderen muslimischen Ländern von den schicken Hauptstädterinnen zuweilen mitleidig oder gar als rückständig angesehen. Und das obgleich sie selbst Musliminnen sind: 98 Prozent der Bevölkerung Aserbaidschans geben an, muslimischen Glaubens zu sein, aber nur unter zehn Prozent üben ihn auch strikt zum Beispiel in der Fastenzeit aus – aus Tradition. In den vergangenen 30 Jahren stieg die Zahl der Moscheen im Land jedoch von 24 auf 2000. Die Freiheit, einem Glauben anzugehören und ihn nach Gusto zu praktizieren, wird als ganz selbstverständlich wahrgenommen. Nur eben gemäßigter – und das sei Konzept, zeigt ein neuer Bericht des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS).  

    Internationales Image und innerstaatliche Kontrolle

    Die Forscher machten einen besonderen Grund dafür aus, der nahelegt, es handele sich nur um vermeintliche Freiheit. Studienautorin Tsypylma Darieva untersuchte, wie der Staat auf wachsende religiöse Vielfalt reagiert: Während auf der internationalen Bühne das Image religiöser Diversität gepflegt würde, stünden vor allem religiöse Gruppen und Gemeinden, die mit globalen oder oppositionellen Einflüssen assoziiert würden, unter Kontrolle.

    Der moderne aserbaidschanische Staat betreibe die Trennung von Religion und Staat, zudem lasse er ein gewisses Maß an ethnischer und religiöser Pluralität zu. So würden etwa die wachsende Zahl weiterer muslimischer Gruppen sowie Christen und Juden anerkannt. Die staatlichen Behörden betrachten sich dabei als tonangebend, was Definition und Gestaltung des religiösen Lebens und seiner öffentlichen Ausübung anbelangt. Der Staat wolle dem Islam gewissermaßen seinen Stempel aufdrücken, wohl auch, um in der Region vom Westen als „Good Boy“ unter den „Bad Boys“ wahrgenommen zu werden. 

    Restriktiv gegenüber dem Islam selbst: Nur kulturelles Nationalerbe 

    Über die vergangenen zehn Jahre etwa hat die Regierung in Baku ihre moderate Religionspolitik gegenüber dem Islam durch einen restriktiveren Ansatz ersetzt, beobachtete die Wissenschaftlerin:

    „Nach Ansicht der Eliten soll der Islam als kulturelles Merkmal und Element von Aserbaidschans nationalem Erbe bewahrt werden und nicht als soziale Komponente und Teil des öffentlichen Lebens“, sagt Darieva.

    Strategien der Kontrolle: gemäßigt – beschränkt – nützlich

    Der Staat würde gegenüber Glaubensorganisationen drei Strategien anwenden, so der Report:  

    Erstens eine Strategie der Kontrolle des Glaubens und seiner Präsenz im öffentlichen Raum, insbesondere in Bezug auf neue „puristische“ muslimische Gemeinden und den oppositionellen Shia-Islam, der mit dem Iran in Verbindung gebracht wird.  

    Die zweite Strategie umfasse selektive Beschränkungen und Beobachtung nichttraditioneller Glaubensrichtungen mit grenzüberschreitenden Verbindungen wie sie etwa für die Zeugen Jehovas, evangelikale Kirchen, den Krishnaismus und den Baha’i-Glauben gelten. Laut Sozialanthropologin Darieva stehen diese des Öfteren unter dem Verdacht, langfristige politisch motivierte Ziele zu verfolgen, werden als Gefahr für die nationale Sicherheit betrachtet und gelten als schädlicher westlicher Einfluss auf landesübliche Traditionen.

    Die dritte Strategie, eine strategische Kooptation, bestünde darin, dass jene Konfessionen, die Aserbaidschans Image international befördern können, strategisch zugelassen werden. Dazu zählten insbesondere das Judentum, die Russisch-orthodoxe Kirche, die evangelisch-lutherischen Kirchen und der Katholizismus. Die Gottesdienste vom traditionellen lutherischen über den klassischen Pfingstgottesdienst bis zu dem neo-charismatischer Bewegungen zeige die Bandbreite.

    „Ich muss sagen, dass wir sehr gute Beziehungen zu allen anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften haben. Wir haben ökumenische Beziehungen zu Muslimen. Manchmal treffen wir uns zwischen Imamen und Priestern. Manchmal werden wir vom staatlichen Komitee für die Arbeit mit religiösen Organisationen, dem staatlichen Komitee für religiöse Fragen und dem Zentrum für Multikulturalismus in Baku zu gemeinsamen Feiern und Diskussionen zusammengebracht“, wird Pfarrer Gotthard Lemke von der Evangelisch-Lutherischen Erlösergemeinde in Baku zitiert

    Toleranz als Markenzeichen – „von oben verordnet“ 

    Doch Toleranz sei in Aserbaidschan ein von oben verordnetes Verwaltungsinstrument, so der Report. Es soll die nationale Einheit befördern, indem ethnische und religiöse Vielfalt anerkannt wird. Von einer Rückkehr zu sowjetischen religiösen Konstellationen könne man dabei allerdings nicht sprechen, es handelt sich um etwas Neues: 

    „Die Regierung inszeniert ein multikulturelles Image, um das internationale Ansehen Aserbaidschans zu erhöhen, wohl um sich von anderen islamischen Staaten, etwa im Mittleren Osten und arabischen Raum, abzugrenzen,“ so Darievas Einschätzung.

    Es sei wahrscheinlich, so die Wissenschaftlerin, dass Aserbaidschan auf der globalen Bühne als „guter Junge“ unter den „bösen Jungen“ des Nahen Ostens positioniert werden soll, um „seinen Islam“ von anderen Spielarten deutlich zu distanzieren.

    Glaubens-Steuerung und Wunschgebilde „richtiger“ Islam  

    Aserbaidschan versuche autoritär, Religiosität aus dem öffentlichen Raum zu tilgen und gleichzeitig eine eigene „richtige“  Version des Islam im Kontext seiner gesellschaftlichen Glaubens-Pluralität zu schaffen. Es trete so zu Tage, dass der Staat Religion als politische Herausforderung, gar als Bedrohung ansehe, da er die Fäden in der Hand halten will.

    Diese Politik umfasse Versuche, sunnitische und schiitische Traditionen zu einem nationalen Erbe zusammenzuführen, sowie die Ernennung religiöser Führer durch staatlich geförderte Institutionen, die zentralisierte Renovierung von Moscheen und Kirchen, die Einführung monatlicher Einkommen für religiöse Führer und den obligatorischen Religionsunterricht. Während der Staat die neue Politik der Toleranz feiere, indem er die Legende vom friedlichen Zusammenleben von Muslimen, Christen und Juden in Aserbaidschan fördere, so der Report, seien einige Gebetshäuser Ziel seiner restriktiven Kontrolle und Verfolgung.

    In den kommenden Jahrzehnten werde das Land vor politischen und sozialen Herausforderungen stehen, um den Islam als Teil des nationalen Erbes des Landes im Kontext einer wachsenden religiösen Pluralität neu zu definieren, prognostiziert Darieva.

    Die Frage sei dabei, wie effektiv Aserbaidschans restriktive Politik und Kooptationsstrategie etwa bei der Regulierung islamischer Untergrundbewegungen sein werden.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Überschüssiger US-Militärschrott zu vergeben: Greift Berlin diplomatisch ein oder günstig ab?
    US-Zerstörer verletzt Russlands Grenze – Verteidigungsministerium
    Peter Altmaier und „Rühr-Mich-Nicht-An“ im Bundestag: Was deutsche Politiker belästigt
    Tags:
    multikulturelle Gesellschaft, Islam, Studie, Aserbaidschan