12:04 03 August 2020
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    Selten gewährt die „Bild“ externen Journalisten Einblicke in Redaktionsalltag und Chefetage. Dem britischen "Guardian" ist dies nun gelungen: In einem breit recherchierten Artikel kommen neben Chefredakteur Reichelt auch „Bild“-Kritiker zu Wort. Das Portrait zeigt die politische Agenda der Zeitung und den tiefsitzenden Hass gegenüber Russland.

    Es ist kein Geheimnis, dass die "Bildzeitung" und ihr Chefredakteur Julian Reichelt einen tief verwurzelten Russlandhass pflegen und schüren. Dem Guardian-Autor und Historiker Thomas Meaney ist es nun in einer breit angelegten Recherche gelungen, seltene und persönliche Einblicke in die Redaktion zu erlangen. So etwa, wenn Reichelt über Russlands Präsidenten Putin sinniert:

    „Er will unsere deutschen Institutionen schwächen […] Weil er weiß, dass er in einem Stück-Scheiße-Land lebt – dass er sein Land zur Scheiße gemacht hat.“

    Und dies ist nur ein Zitat von vielen, die Guardian-Redakteur Meaney in seinem jüngsten Artikel anführt. Da auch „Bild“-Kritiker wie Stefan Niggemeier von „BILDblog.“ oder Journalist Günter Wallraff zu Wort kommen, gelingt ein aussagekräftiges Portrait über das Blatt und seine Macher.

    Der Artikel beginnt mit einer skurrilen Szene: Meaney begleitet Reichelt in seiner über die Autobahn rasenden Mercedes S-Klasse zu einem Auswärtstermin. Der Chefredakteur der auflagenstärksten Tageszeitung besucht eine Gruppe von Feuerwehrleuten in dörfischer Kulisse, um mit ihnen über Beruf und Alltag zu plaudern. Reichelt inszeniert sich als Mann aus dem Volk, der sich die Nöte und Sorgen „seiner“ Leser zu eigen macht. Doch schnell wird klar: Reichelt will mit seinem Blatt vor allem Nöte und Sorgen der Deutschen befeuern und fördern.

    Ein politischer Kniefall?

    Der britische Journalist macht in seinem Artikel darauf aufmerksam, dass zahlreiche Politiker hierzulande vor der „Bild“ einen Kniefall üben: Von Ludwig Erhard über Helmut Kohl und Gerhard Schröder bis hin zu Ursula von der Leyen. Der Ehemann der Kanzlerin erhalte gar 10.000 Euro pro Jahr für einen Vorstandsposten in der gemeinnützigen Friede Springer-Stiftung. Zu den Kernverpflichtungen der Redaktion zählt Meanly:

    „Pro-USA, Pro-Nato, Pro-Israel, Pro-Austerität, Pro-Kapital, Anti-Russland, Anti-China.“

    Die „Bild“-Weltanschauung bestehe darin, linke Forderungen als totalitär darzustellen und sich rechte Ansichtsweisen einzuverleiben. Die AfD sei für Reichelt aber tabu, ihre Funktionäre nennt er „Dummköpfe“. Stattdessen wolle der Chefredakteur die Partei dadurch „zerstören“, indem man für ihre Wähler neuen Platz im ehemaligen politischen Mainstream des Landes schaffe. Mit anderen Worten: „Bild“ will Unionsparteien und FDP nach rechts rücken.

    Eine gnadenlose Analyse

    Die Analyse der bunten "Bildzeitung" fällt dem britischen Journalisten leicht: Skandale für die Titelseite, Angstmacherei, Russen-Bashing, Dollar-Kurs. Besonders absurd findet Thomas Meaney die Berichte von Reichelt-Schützling Paul Ronzheimer. Der „Bild“-Auslandskorrespondent posiere regelmäßig entweder vor einem brasilianischen Waldbrand, dem venezolanischen Oppositionsführer oder vor Straßenkämpfen in Hongkong. Das Ziel dabei sei es, den Lesern das Gefühl zu geben, eine Zeitung von globaler Präsenz zu lesen.

    Kinderwunsch: Bild-Chef

    In persönlichen Gesprächen mit Reichelt erfährt Meaney, dass Reichelt bereits seit jungen Jahren davon träumte, bei der "Bildzeitung" zu arbeiten. Verwundert habe er den 1980 in Hamburg geborenen Chefredakteur gefragt, woher dieser Ehrgeiz stamme. Die Antwort:

    "Ich wurde in eine Journalistenfamilie hineingeboren. In unserem Haushalt war Axel Springer ein Held und Heinrich Böll ein Feind."

    Die „Bild“ habe in all den Jahren in drei wichtigen Fragen richtiggelegen: Der Unterstützung Israels, der Unterstützung der USA und der Überzeugung, dass die Wiedervereinigung gelingen werde. "Bild"-Kritiker und „BILDblog.“-Autor Stefan Niggemeier wird in dem britischen Artikel zitiert, Reichelt habe nach seiner Übernahme des Chefpostens in seiner Redaktion Positionen gegen Putin, pro Nato und pro Israel abgesteckt, die weit über den deutschen Standard hinausgingen. Der Großteil des Inhalts der Zeitung sei jedoch ein sich ständig verändernder Versuch, die Unzufriedenheit der Bevölkerung auszunutzen.

    Eine weltpolitische Agenda

    Auf internationaler Ebene schließe sich "Bild" den Forderungen prominenter deutscher konservativer Liberaler an, die für Deutschland eine führende Rolle in der Weltpolitik einfordern. Der ebenfalls in dem britischen Artikel zitierte Politologe Albrecht von Lucke erkennt in dieser Thematik aber auch einen Schlingerkurs der "Bildzeitung":

    „Sobald deutsche Truppen irgendwo stationiert sind, selbst auf der humanitärsten Mission, die man sich vorstellen kann, wer wird als Erster aufschreien, wenn die ersten Männer im Krieg fallen? Wer wird verlangen, dass die Soldaten zurück nach Hause kommen und dass alles ein Fehler war? 'Bild'.“

    Dies sei dieselbe Mentalität, wie wenn bayrische AfD-Politiker zunächst dagegen wetterten, dass ein Bierfest in Rosenheim wegen Corona abgesagt wurde, danach aber die Stadt für den Anstieg von Covid-19-Fällen verklagen. Die Bereitschaft, schnell und populistisch mit Geopolitik zu spielen, mache „Bild“ laut von Lucke gefährlicher denn je.

    Der Freiheitsbegriff der „Bild“

    Ob Außenpolitik, Boulevard oder Umwelt, Reichelt spart nicht mit der eigenen Meinung. In einem persönlichen Gespräch habe der Chefredakteur dem britischen Journalisten zum Thema Tempolimit anvertraut, dass er dadurch das grundlegende deutsche Freiheitsideal beeinträchtigt sehe. Das Recht, innerhalb bestimmter Regeln tun zu können, was man wolle:

    "Es wachen jetzt zu viele Deutsche auf, um festzustellen, dass sie plötzlich Nazis sind, wenn sie Fleisch essen und ihr Auto lieben."

    In einem Atemzug nennt Reichelt die deutsche Linke, die Mitbürger als Kriminelle bezeichne, die nicht gerade auf ihre Lieferung des nächsten Tesla warteten. Doch seine private Meinung wolle Reichelt nach eigenen Aussagen zurückstellen, falls dies von Nöten sei. So etwa bei dem von ihm favorisierten Kandidaten auf den CDU-Vorsitz, Friedrich Merz. Dessen Linie unterstütze Reichelt zwar, doch liefere Merz in „Bild“-Interviews Angriffsfläche, so werden dies nicht verheimlicht.

    Putin als Feind Nummer 1

    Als Thomas Meaney „Bild“-Chef Reichelt schon einmal im letzten Sommer in seinem Büro getroffen habe, habe er über seine bevorzugten Feinde gesprochen. In dem aktuellen Artikel heißt es, Reichelt habe Russlands Putin an dieser Stelle als Ersten genannt:

    „Er will unsere deutschen Institutionen schwächen und sich in unsere Wahlen einmischen. Du weißt, warum? Weil er weiß, dass er in einem Stück-Scheiße-Land lebt - dass er sein Land zur Scheiße gemacht hat - und deshalb möchte er, dass andere Länder auf sein Niveau kommen.“

    Unterbrochen worden sei das damalige Gespräch dann aber laut Meaney, als ein Redakteur in Reichelts Büro stürmte und von dem plötzlichen Tod des Porsche-Chefs Ferdinand Piëch berichtete. Reichelts Gesicht habe sich aufgehellt, als von einem Herzinfarkt in einer Pizzeria die Rede war: „Das ist fantastisch, eine Pizzeria!“ habe der Chefredakteur gejubelt. Zu Reichelts Ärger stellte sich letztere Information später jedoch als falsch heraus.

    Machtmensch Reichelt

    Das Fazit des langen und breit recherchierten Artikels des "Guardian" lautet: Reichelts Überzeugung sei es, dass niemand in Deutschland wisse, wie man Macht wirklich nutze und einsetze. Weder die Politik,noch andere Medien. Auf die Frage des Redakteurs Meaney, wie es die "Bildzeitung" bei diesem Thema halte, habe Reichelt lächelnd erwidert:

    „Mit 'Bild' ist es umgekehrt.“

    Der 40-jährige Julian Reichelt ist eine umstrittene Figur, selbst im Springer-Aufsichtsrat. Die gefallene Auflage konnte er nicht stoppen, wenngleich Millionen Menschen die „Bild“ mittlerweile auch online lesen. Den Zeitgeist hat Reichelt aber verstanden: Polarisieren, propagieren, polemisieren. Dabei stören ihn auch Rügen des Deutschen Presserats nicht. Der "Guardian" notiert, Reichelt agiere stellenweise wie ein Kampfpilot, der Champagner ins Cockpit geschmuggelt habe. Eine gefährliche Mischung.

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    Tags:
    Russland, Recherche, Portrait, The Guardian, Julian Reichelt, Bild