08:02 14 August 2020
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    Das letzte Hochschulsemester verlief in Deutschland anders als sonst: alles lief digital. Dabei kamen nicht nur auf die Studierenden, sondern auch die Dozierenden viele Herausforderungen zu. Sputnik hat in einem exklusiven Interview einen Dozenten der Universität Heidelberg über die Zukunft der Online-Lehre befragt.

    Das Sommersemester 2020 veränderte den Lehralltag aller Beteiligter massiv. Durch die Einschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus beschlossen deutsche Universitäten und Hochschulen, das Semester ausschließlich digital durchzuführen. Innerhalb weniger Wochen musste die gesamte Infrastruktur der Hochschulen geändert werden, um möglichst vielen Leuten den erleichterten Zugang zu einem digitalen Semester zu ermöglichen. Dies stellte nicht nur die Welt der Studierenden auf den Kopf: Auch die Dozierenden standen vor neuen Herausforderungen.

    Nun blicken viele Dozenten zurück und versuchen, die Wirksamkeit der Online-Lehre auch für künftige Semester zu evaluieren. Martin Thunert, Politikwissenschaftler und Amerika-Experte der Universität Heidelberg, ist jedoch der Überzeugung, dass er auch aus dieser schwierigen Zeit Vorteile ziehen kann. So betont er in einem Interview mit Sputnik immer wieder, dass er den Präsenzunterricht nicht glorifizieren will.

    Eine Frage der Möglichkeit

    Der Diskurs in Deutschland über den sogenannten Fernunterricht werde oft sehr polarisierend dargestellt. Was dabei öfter schnell aus den Augen verloren gehe, sei der Kontext, in welchem dieses digitale Semester überhaupt entstand. „Mein Maßstab ist nicht, was wäre, wenn es kein Virus gebe. Der Maßstab muss sein: Die Krise ist da, und wir müssen darauf reagieren“, sagt Thunert.

    Innerhalb nur weniger Wochen änderten Techniker und Logistiker die gesamte Infrastruktur, um ein solches Semester zu ermöglichen. Dabei realisiere man dann, dass eine solche Umstrukturierung vor zehn oder 15 Jahren nicht möglich gewesen wäre. Auch an der Universität Heidelberg seien viele Vorbereitungen erst wenige Tage vor dem Beginn der Vorlesungszeit getroffen worden. Die technischen Standards, welche heute unser Alltagleben dominieren, seien eine große Voraussetzung für die Durchführung des Fernunterrichts gewesen.

    Thunert fasst es folgendermaßen zusammen: „Natürlich fehlt in manchen Situationen die Atmosphäre eines Seminarraums und die direkte Debatte – keine Frage. Aber ich beteilige mich nicht gerne daran, zu sagen, wie schlimm das alles ist, sondern bin froh, dass wir mittlerweile auf dem Stand der Technik sind, um an diese 100-prozentige Überwechslung ins Digitale überhaupt denken zu können.“

    Nicht alles muss weg

    Auch wenn die meisten Lehrkräfte und Dozierenden davon ausgingen, dass der Präsenzunterricht wiederkommt, so hätte man doch Vieles gelernt. Es stünden nun weitere Wege zur Verfügung, mit denen man arbeiten könne. So könne sich Thunert beispielsweise gut vorstellen, Formate wie Vorlesungen künftig digital anzubieten. In diesem Sinne müssten „Vorlesungen, die im Präsenzunterricht so gehalten werden, dass die Leute einfach ihr Skript vorlesen oder dieses mit Powerpoint illustrieren, nicht unbedingt in Präsenz gemacht werden.“ Gerade alternativ zum Ausfall einer Sitzung sei ihre Aufzeichnung ein guter Kompromiss.

    Auch für Sprechstundenverabredungen könne so eine einfache und flexible Lösung gefunden werden. Durch eine Videosprechstunde könne man sich die Reise ersparen, und auch die Terminvereinbarung sei leichter, da auch Randzeiten anvisiert werden könnten.

    Künftiger Umgang mit Benachteiligten

    Doch die digitale Lehre hätte auch ihre Macken. Gerade Studierenden, die finanziell oder logistisch nicht in der Lage seien, sich am digitalen Semester zu beteiligen, müsste geholfen werden. Thunert hätte gemerkt, dass nicht jeder Student die gleichen technischen Voraussetzungen erfüllen konnte: So mussten beispielsweise gewisse Studierende über das Smartphone an den Seminaren teilnehmen. „Da müsste auch die Universität schauen, dass Studierende, die das nicht von ihrem Wohnort aus machen können, vielleicht in die Räume des Rechenzentrums hingehen können – unter Beachtung der Abstandsregelung“, so Thunert.

    Ebenfalls treffe dies die internationalen Studenten stark. Viele durften ihre Reise nach Deutschland im Sommer gar nicht erst antreten. Diejenigen, die sich in Heidelberg befanden, hatten jedoch wenig, was sie im fremden Land tun konnten. Die gesamte Infrastruktur sei eingeschränkt bis gar nicht nutzbar gewesen: Sowohl die Mensen, die Studierenden-Cafés wie auch die Bibliotheken waren geschlossen und der Austausch mit anderen Studierenden fand ebenfalls nur virtuell statt. In diesem Sinne sieht Thunert das digitale Semester für den Studentenaustausch als „fatal“ an.

    Faire Prüfungen?

    Ein heikler Punkt in der Debatte um den Fernunterricht besteht bei den Prüfungen. Das Durchführen von fairen Prüfungen sei kaum machbar, schreibt die Professorin Elisabeth Stern im „Zukunftsblog“ der ETH Zürich (Eidgenössische Technische Hochschule). „Für eine dauerhafte Qualitätssicherung unserer Bildungsinstitutionen sind zuverlässige Prüfungen unabdingbar“, erläutert Stern im Beitrag des „Zukunftblogs“.

    Weiterhin schreibt Stern: „Entscheidungen, die auf nicht belastbaren Prüfungssituationen beruhen, führen zu zwei möglichen Fehlern in unserem Bildungssystem: Man wählt entweder ungeeignete Personen aus oder man weist eigentlich geeignete Personen zurück. (…) Sehr viel wahrscheinlicher wird allerdings der erste Fall: Schülerinnen und Schüler oder Studierende erhalten die Bescheinigung, dass sie ein Lernziel erreicht haben, obwohl sie eigentlich nicht die nötige Qualifikation mitbringen.“

    Auch Thunert sieht die Prüfungen als einen problematischeren Aspekt im Fernunterricht. Man könne zwar mündliche Prüfungen oder Hausarbeiten problemlos durchführen, doch bei den schriftlichen Präsenzprüfungen sei es tatsächlich schwieriger. Nur wenige Universitäten hätten nämlich die Ressourcen, Präsenzprüfungen mit den geltenden Regelungen durchzuführen. Damit verbunden wäre auch ein größerer Zeitaufwand. Auch sei es rechtlich nicht unproblematisch. Hält also Sars-CoV-2 noch einige Semester länger an, so „ist der Handlungsbedarf groß“, konkludiert Thunert.

    Das komplette Interview mit Martin Thunert zum Nachhören hier: 

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    Tags:
    Coronavirus, Professor, Lehre, Hochschule, Universität