10:08 04 Dezember 2020
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    Was reicht heutzutage schon, um im Netz einen Shitstorm zu ernten oder etwa gelöscht oder ausgeladen zu werden? Der Kabarettist Dieter Nuhr dürfte gerade eine neue Erfahrung abgehakt haben – diesmal für ein Statement über die Wissenschaft. Der Vorfall dürfte nur Teil eines größeren Phänomens sein.

    „Wissenschaft bedeutet nicht, dass man zu hundert Prozent sicher ist, sondern dass man über genügend Fakten verfügt, um eine begründete Meinung zu haben“, sagte Nuhr für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zu deren hundertjährigen Jubiläum. „Weil viele Menschen beleidigt sind, wenn die Menschen ihre Meinung ändern - nein, nein, das ist normal“. Wissenschaft sei gerade, dass sich die Meinung ändere, wenn sich die Faktenlage ändere. Wissenschaft sei keine Heilslehre, keine Religion, die absolute Wahrheiten verkünde. „Wer ständig ruft - folgt der Wissenschaft - der hat es offensichtlich nicht begriffen. Wissenschaft weiß nicht alles, ist aber die einzige vernünftige Wissensbasis, die wir haben - deshalb ist sie so wichtig.“

    Das hat Nuhr in einem Audioblog für die DFG gesagt - nicht mehr und nicht weniger. Die Veränderlichkeit der politischen Entscheidungen in der Corona-Krise dürfte seine Worte nur stützen - siehe die Masken-Diskussion am Anfang und den Gesundheitsminister Jens Spahn mit seinem „Wir haben jeden Tag dazugelernt, es gab viel Unbekanntes“. Doch viele Abonnenten der DFG haben darin offensichtlich einen neuen Seitenhieb gegen Greta Thunberg und die Klimabewegung gesehen, denn wohl die bekannteste Botschaft der Klimaaktivistin heißt: „Hört auf die Wissenschaft“.

    Und Dieter Nuhr - na ja, der hat in der Vergangenheit schon ziemlich viel Shitstorm wegen seiner kritischen bis abartigen Äußerungen über Thunberg bekommen. Einst wurde ihm sogar vorgehalten, die 16-Jährige mit Hitler verglichen zu haben. Für das Missverständnis musste sich die Zeitung anschließend entschuldigen. Doch seine “Fans“ sind längst da – und die sind nachtragend.

    Wissenschaftsfeind oder Freigeist?

    Es reichte diesmal also für das Netz schon, dass die DFG einen wie Nuhr hat überhaupt zu Wort kommen lassen. Letztendlich gab die Gemeinschaft der Empörung in den Kommentaren nach und entfernte das Videostatement von der Kampagnenwebsite. Man nehme die Kritik wahr, kommentierte der Verein auf Twitter, wo das ursprüngliche Statement, anders als auf der Seite, noch steht. Das Vorgehen löste noch mehr Unmut aus.

    Nun wird der DFG faktisch vorgeworfen, vor einzelnen Abonnenten eingeknickt zu sein, ohne die Entscheidung begründet zu haben.

    „Welche Kritikpunkte und Hinweise haben Sie denn davon überzeugt, dass es ein Fehler war, Dieter Nuhr bei Ihrer Kampagne mitwirken zu lassen?“, fragte etwa der NZZ-Journalist Marc Felix Serrao in den Kommentaren auf Twitter, unterstützt von mehr als 900 Likes, die DFG und bekam keine Antwort. „Werden alle Forscher demnächst erst einmal im Hinblick auf ‘richtige Gesinnung’ hin durchleuchtet, bevor ihre Forschungsergebnisse publiziert werden?“, fragt etwa die Nutzerin Sigrid Werner. Der Nutzer „eastascentfashion@yahoo.com“ räumte ein, die Ausladung von Nuhr zeige nur, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland nur noch „eine Farce“ sei. Es fanden sich auch diejenigen, wie etwa der FAZ-Journalist Christian Schwägerl, die die Löschung des „AfD-Argumentes von der ideologiegetriebenen ‘Klimareligion’“ begrüßten.

    In einem Welt-Interview erklärte die DFG später, dass es bei ihrer Entscheidung weniger um Nuhrs Statement gehe, sondern um die wissenschaftliche Haltung, für die er an anderer Stelle stehe. Der Satiriker selbst wehrte sich gegen die Kritik. „Man etikettiert mich - völlig abwegig - als wissenschaftsfeindlich, damit meine Stimme diskreditiert wird“, so Nuhr gegenüber der „Welt“. Er sei kein Wissenschaftsfeind, sondern wolle nur, dass der Begriff Wissenschaft nicht missbraucht werde, um eine absolute Wahrheit zu proklamieren, die nicht mehr hinterfragt werden dürfe. Mit Blick auf Greta Thunbergs Haltung zur Wissenschaft meinte Nuhr, diese suggeriere nur eine wissenschaftliche Lösung für das Problem des Klimawandels da, wo es viele Lösungsvorschläge gebe.

    Ein Fall für deutsche „Cancel Culture“?

    Auch bemängelte Nuhr, dass eine produktive Diskussion heutzutage nicht mehr möglich sei, da die „Cancel Culture“ kritische Stimmen wie seine zunehmend mundtot mache. Es werde immer häufiger denunziert statt argumentiert, was nicht mehr merkwürdig, sondern alarmierend sei.

    Den englischen Begriff „Cancel Culture“ hat etwa Jens Berger für die „Nachdenkseiten“ treffend zusammengefasst als ein Phänomen, wenn etwa Menschen oder Werke aus dem öffentlichen Leben systematisch boykottiert, verbannt und annulliert werden, weil sie als falsch empfundene Positionen vertreten, die die heilige Dreifaltigkeit von Gleichheit, Diversität und Inklusion verletzen. Das ist wohl die politische Korrektheit in ihrer radikalsten Form. Zu den neuesten Protesten gegen die Folgen der „Cancel Culture“ und eine angeblich eingeschränkte Meinungsfreiheit gehört etwa der Brief von 150 Intellektuellen, darunter Joan Rowling und Noam Chomsky, zur Unterstützung offener Debatten und gegen die willkürliche Diffamierung von Andersdenkenden.

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    Tags:
    Fridays For Future, Klimawandel, Meinungsfreiheit, Greta Thunberg, Dieter Nuhr