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    Die Bombenabwürfe der USA auf Hiroshima und Nagasaki vor 75 Jahren haben die Welt verändert und auf den Weg eines atomaren Wettrüstens gebracht. Welche geopolitischen Ziele haben die USA tatsächlich verfolgt? Univ. Prof. Dr. Heinz Gärtner vom International Institute for Peace (IIP Wien) im Sputnik-Interview.

    - War die amerikanische Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki wirklich notwendig, um den Zweiten Weltkrieg in Asien zu beenden, oder hätte sie vermieden werden können?

    Die japanischen Städte waren vor den Atombombenabwürfen durch konventionelle weithin zerstört. Der Krieg war verloren. Für den Kaiser waren die Zerstörungen durch die Atombombenabwürfe nur eine Fortsetzung der vorangehenden Flächenbombardements. Es war eine Frage der Zeit, wann Japan kapitulieren würde. Das wusste Präsident Truman. Es gab noch Uneinigkeit über die Bedingungen in der Friedenspartei in Japan und es ging noch vor allem um die Rolle des Kaisers nach der Kapitulation. Truman wollte die Bomben werfen und die Entscheidung war schon Mitte Juli 1945 gefallen.

    Vieles deutet darauf hin, dass Japan kapitulierte, weil die Sowjetunion den mit Japan 1941 geschlossenen Neutralitätspakt aufkündigte und am 8. August 1945 – zwischen den beiden Abwürfen am 6. und am 9. August – in den Krieg gegen Japan eintrat. Truman hatte angenommen, dass die Sowjetunion Mitte August einmarschieren würde.

    - Welche Ziele verfolgten die Vereinigten Staaten bei der Entscheidung über die Bombenabwürfe?

    Die Abwürfe der Atombomben auf japanische Städte dienten nicht nur der Beendigung des Zweiten Weltkrieges in Asien, sondern markierten auch den Beginn des Kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion. Sie sollten nicht nur auf das Kaiserreich, sondern auch auf die Sowjetunion psychologischen Eindruck machen. Man erhoffte sich einen anhaltenden, einschüchternden Effekt. Die Sowjetunion betrachtete die Abwürfe in der Tat auch als gegen sich gerichtete Aktion und begann, selbst an der Entwicklung nuklearer Waffen zu arbeiten.

    Am 26. Juli 1945 forderte Truman im Rahmen der Potsdamer Erklärung Japan zur sofortigen und bedingungslosen Kapitulation auf, was die Sowjetunion überraschte, bereitete sie doch gerade erst den Kriegseintritt für den 8. August vor, den sie noch US-Präsident Roosevelt auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 zugesagt hatte.

    - Welche Entwicklung von Ereignissen wäre möglich gewesen, wenn es keine Bombenangriffe gegeben hätte?

    Die Kapitulation wäre erfolgt. Wahrscheinlich wäre Japan vorerst gemeinsam mit der Sowjetunion verwaltet worden. Nach dem Vorbild Österreichs wäre ein Abzug aller ausländischen Truppen möglich gewesen. Japan hätte sich dann wie Österreich als neutral erklären können.

    - Am 14. August hat Japan kapituliert. Die USA hatten somit eine Invasion der japanischen Hauptinseln, die für den 1. November 1945 unter dem Codenamen „Operation Downfall“ geplant war, vermieden. Nach Annahmen der US-Armee hätte die Invasion mehreren amerikanischen Soldaten (bis zu einer Viertelmillion) das Leben gekostet. Sie, Herr Gärtner,  haben darüber in Ihrem Artikel geschrieben. Können die USA durch die Tatsache gerechtfertigt werden, dass das Leben der amerikanischen Militär- und Zivilbevölkerung damit gerettet wurde?

    Damals wurde von Truman der militärische Grund der Abwürfe hervorgehoben. Er schrieb in seinen Memoiren "Years of Decision" (S 419): „Ich betrachtete die Bombe als eine militärische Waffe und ich hatte niemals irgendwelche Zweifel, dass sie verwendet werden sollte.“ Vorrangig zivile Ziele wären schon damals völkerrechtswidrig gewesen. Aus heutiger Sicht stellen die Genfer Protokolle von 1949 und 1977 klar, dass Zivilisten kein legitimes militärisches Ziel sein dürfen. Die zivilen Opfer von Hiroshima und Nagasaki sind in jedem Fall unverhältnismäßig in Beziehung zu den militärischen Zielen.

    - Warum wollten die USA verhindern, dass die Sowjetunion in den Krieg mit Japan eintritt?

    Auf Anregung des japanischen Kaisers im Mai 1945 hatte Stalin vorgeschlagen, dass Japan von den USA und der Sowjetunion gemeinsam verwaltet werden sollte. Ein enges Vorgehen der USA mit der Sowjetunion hatte auch der US-Botschafter in Moskau, Harry Hopkins, angeregt, was allerdings in Washington ignoriert wurde. Die Atombombenabwürfe verhinderten die Umsetzung des Planes. Die USA hatten Befürchtungen, dass die Sowjetunion Gebietsansprüche geltend machen könnte. Das hätte zu einer Teilung wie in Deutschland und dann in Korea führen können.

    - Wie haben sich der Bombenabwürfe auf die internationalen Beziehungen und das Wettrüsten ausgewirkt?

    Nach intensiven Bemühungen führte die Sowjetunion bereits vier Jahre später, im August 1949, ihren ersten erfolgreichen Atomtest durch. Die atomare Aufholjagd der Russen führte auf amerikanischer Seite schließlich zur Entscheidung, eine Wasserstoffbombe (Fusionsbombe) zu entwickeln, die eine vielfach höhere Sprengkraft aufweisen kann als Bomben, die auf dem Prinzip der Kernspaltung beruhen (Fissionsbombe). 1952 zündeten die USA die erste derartige Bombe (Operation Ivy) mit einer Sprengkraft von mehreren hundert Hiroshima-Bomben. Stalin dürfte allerdings die politische Bedeutung der Nuklearbombe nicht hoch eingeschätzt haben. Er betrachtete sie offenbar eher als „etwas, womit man Leute mit schwachen Nerven in Schrecken versetzen kann“. Dennoch zog die Sowjetunion bereits ein Jahr nach der Operation Ivy mit einem Test einer eigenen Wasserstoffbombe (RMS-6) mit den USA gleich.

    • Crewmitglieder des US-Bombers B-29 Enola Gay, die am Atombombenabwurf auf Hiroshima beteiligt war
      Crewmitglieder des US-Bombers B-29 "Enola Gay", die am Atombombenabwurf auf Hiroshima beteiligt war
      © REUTERS / U.S. Army Air Forces / Handout
    • Atompilz über Hiroshima nach dem Bombenabwurf
      Atompilz über Hiroshima nach dem Bombenabwurf
      © REUTERS / U.S. Army Air Forces / Library of Congress / Handout
    • Hiroshima nach dem Atomschlag am 6. August 1945
      Hiroshima nach dem Atomschlag am 6. August 1945
      © REUTERS / U.S. Air Force / Handout
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    © REUTERS / U.S. Army Air Forces / Handout
    Crewmitglieder des US-Bombers B-29 "Enola Gay", die am Atombombenabwurf auf Hiroshima beteiligt war

    Der bipolaren Struktur des Kalten Krieges entsprach im militärischen Bereich die Abschreckungspolitik der beiden Weltmächte. Man nannte die Strategie der „gegenseitigen vollständigen Vernichtung“ auch „Mutual Assured Destruction“ (MAD) oder auch „Gleichgewicht des Schreckens“. Sie sollte den potenziellen Feind überzeugen, bestimmte Aktionen in seinem eigenen Interesse zu vermeiden. Da das Konzept die Vernichtung des Feindes durch einen einzigen Angriff impliziert, führte die Abschreckungsstrategie während des Ost-West-Konflikts zu einem nuklearen Aufrüstungsprozess, dessen Umfang letztlich eine 40-fache Zerstörung der Welt ermöglicht hätte. Um diese zu vermeiden, wäre eine vollständige nukleare Abrüstung notwendig.

    - Bedeutet das Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 die Vorbereitung zu neuen Kriegen?

    Es gab während des Kalten Krieges immer wieder Krisen, die gerade noch nicht die Schwelle zur militärischen Auseinandersetzung erreicht haben. Die gefährlichste war die Kuba-Raketenkrise 1962, als die Sowjetunion auf Kuba Raketen stationieren wollte, die die USA als Bedrohung ansahen. Bedrohliche Krisen waren weiters die Berlin-Krisen 1948-1949 und 1958-1961 sowie die Suez-Krise 1956 (zwischen den westlichen Verbündeten). Die Kriege haben die Schwelle der Spannungen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen überschritten. Im Ost-West-Kontext waren das der Korea-Krieg (1950-1953) und der Vietnam-Krieg (1963-1975). Diese Kriege waren Versuche, auch außerhalb Europas Einflusssphären zwischen der Sowjetunion und den USA, zwischen Kommunismus und dem Westen abzustecken. Die Grausamkeiten im Vietnamkrieg waren Ursache einer breiten Anti-Kriegsbewegung im Westen. Er gilt aber bis heute als potenziell warnende Analogie für eine Eskalation von Kriegen, die die Politik nicht mehr kontrollieren kann oder will. Der Krieg der Sowjetunion in Afghanistan von 1979 bis 1989 brachte eine Verschärfung der Ost-West-Beziehungen, nachdem seit Beginn der siebziger Jahre eine Periode der Entspannung eingesetzt hatte.

    - Können die Atommächte sich über eine vollständige nukleare Abrüstung einigen, wenn ein solches Treffen stattfindet, wie Präsident Putin vorgeschlagen hat?

    Die Nuklearwaffenstaaten sollen vorerst die Verpflichtungen des Atomwaffensperrvertrages (NPT) erfüllen, der in Artikel VI fordert, ernsthafte Verhandlungen zur vollständigen Abrüstung zu führen. Diese Verpflichtung wurde nicht umgesetzt und Nuklearwaffen wurden ständig modernisiert. Sie wurden kleiner gemacht, wodurch sie immer mehr zu Kriegsführungswaffen wurden. In weiterer Folge sollten sie sich am Vertrag zum Verbot von Nuklearwaffen (TPNW) orientieren. Am 7. Juli 2017 beschloss eine Konferenz der Vereinten Nationen mit 122 Stimmen ein rechtlich bindendes Verbot von Nuklearwaffen. Allerdings nahm kein Nuklearwaffenstaat und kein NATO-Verbündeter teil (außer den Niederlanden, die dagegen stimmten). Der Vertrag drückt die Besorgnis über die humanitären Konsequenzen eines Nuklearwaffeneinsatzes aus und fordert die völlige Vernichtung von Nuklearwaffen.

    Univ. Prof. Dr. Heinz Gärtner ist Lektor an den Universitäten Wien und Krems sowie Vorsitzender des Beirates des International Institute for Peace (IIP) sowie des Beirates Strategie und Sicherheitspolitik der Wissenschaftskommission des Österreichischen Bundesheeres. Bis Ende 2016 war Heinz Gärtner wissenschaftlicher Direktor des Österreichischen Instituts für Internationale Politik. Er hatte zahlreiche internationale Forschungsaufenthalte und Gastprofessuren. Er publizierte zahlreiche Bücher und Artikel zu Fragen der USA, der internationalen Sicherheit, Abrüstung und Rüstungskontrolle. U. a. ist er Autor des Buches „Der Kalte Krieg“, marixwissen, 2017.

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    Tags:
    USA, Atomschlag, Nagasaki, Hiroshima, Japan