15:14 21 September 2020
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    Ist das rasche Vorgehen des Clubs Telekom Baskets Bonn gegen den Spieler Joshiko Saibou eine berechtigte Reaktion auf dessen fehlerhaftes Verhalten oder eher ein Fall für die deutsche „Cancel Culture“? Das Urteil ergibt sich aus mehreren Faktoren, wie etwa ein Vergleich mit dem „corona-leichtsinnigen“ Tennisspieler Alexander Zverev zeigt.

    Der Basketball-Nationalspieler Joshiko Saibou bekommt in den letzten Tagen auf Instagram viel Unterstützung, aber auch Kritik. „Ganz nieder hängt die Meinungsfreiheit leider, lass dich nicht unterkriegen, du bist ein Ehrenmann“, schreibt etwa der Nutzer maikregner. „Für mich ein großer Skandal. <...> Ich bedanke mich für Ihren Einsatz für die Demokratie“, so der Nutzer Michael Schwarz. Dagegen der Nutzer Pierre Apache: „Ich hätte dich auch rausgeschmissen. Wer Vereinbarungen im Arbeitsvertrag (wiederholt) so mit Füßen tritt, muss anschließend nicht den ehemaligen Chef als Gegner der Meinungsfreiheit darstellen.“

    „Schlag ins Gesicht der Meinungsfreiheit“?

    Saibou wurde am Dienstag durch seinen Basketball-Club Telekom Baskets Bonn fristlos gekündigt, nachdem er am Samstag an der großen Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Berlin teilgenommen hatte. Der 30-Jährige verteidigte auf Instagram seine „polarisierende Meinung“ zur Pandemie und nannte den Beschluss einen „totalitären Schlag ins Gesicht der Meinungsfreiheit“. Der Verein dagegen argumentierte die Entscheidung damit, dass der Sportler wiederholt auf Social-Media-Kanälen seine Haltung zur Pandemie oder zum Virus an sich geäußert und am vergangenen Wochenende bei einer Großdemonstration auch praktiziert habe, indem er vorsätzlich gegen die bekannten Schutzregeln verstoßen habe. Für wiederholtes Verhalten soll etwa ein provokatives Instagram-Video Saibous vom 3. Mai unter dem Hashtag #AppellandenVerstand stehen. Da kritisiert der Sportler die staatlichen Corona-Maßnahmen. „Soll ich dir verraten? Du bist mitverantwortlich. Du <...> gibst das wieder, was Fernsehen, Zeitungen und die Politik dir sagen. <...> Selbst wenn du deine Menschenrechte verlierst. Selbst wenn Zahlen und Aussagen widersprüchlich sind. Hinterfrage nichts“, so seine Botschaft. Am Ende zieht sich Saibou eine Atemschutzmaske an. 

    „Einhaltung von Regeln zum Schutz aller“

    Der Geschäftsführer des Vereins, Wolfgang Wiedlich, erklärte seinerseits, dass man derzeit akribisch an Hygienekonzepten für die Zuschauer in der nächsten Saison arbeite. Man könne deshalb ein permanentes Infektionsrisiko durch Saibou gegenüber seinen Kollegen und anderen BBL-Teams im Wettkampf nicht verantworten. Weiter beharrte Wiedlich gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, es gebe im Verein keinen Maulkorb, sondern es gehe im Fall Saibou um die Einhaltung von Regeln zum Schutz aller. Schließlich hätten die Baskets Ende März fünf Infizierte, davon drei Erkrankte und eine Person auf der Intensivstation.

     Passt der Fall Saibou in die Debatte über die „Cancel Culture“, wo Menschen oder Werke aus dem öffentlichen Leben systematisch boykottiert, verbannt und annulliert werden, weil sie als falsch empfundene Positionen vertreten? Der Bewertungsansatz dürfte sowohl von der Klasseneinteilung als auch von der Sportart selbst abhängig sein, wie der Fall des Tennis-Stars Alexander (Sascha) Zverev zeigt. Der 23-jährige deutsche Multimillionär russischer Herkunft ist weltweit Nummer sieben und deutsche Nummer eins, hat dabei schon wenigstens zweimal gegen die Corona-Auflagen öffentlich verstoßen - mit dem medialen Echo als Zulage. Zuerst mischte er sich etwa Mitte Juni bei einem Showturnier in Serbien und Kroatien ohne Abstand unter das  Volk - und feierte gemeinsam mit den anderen, infolgedessen positive Corona-Fälle registriert wurden. Er entschuldigte sich, wollte in die selbstauferlegte Quarantäne - und wurde dann eine Woche später wieder auf einer rauschenden Party gesichtet. Ein „Doppelfehler“, „Egoismus“, „absolute Katastrophe“ - vieles wurde ihm von den Kollegen vorgeworfen, und dabei blieb es, es folgten keine beruflichen Strafen. Allerdings ist Zverev auch anders als Saibou nicht mit den umstrittenen Äußerungen zu Corona aufgefallen - dafür bricht er aber bei Corona-Fragen die Interviews ab. 

    Kündigung juristisch angreifbar

    Juristisch gesehen dürfte der Fall Saibou fraglich sein, dem Arbeitsrechtler Oliver Simon von der Kanzlei CMS Hasche Sigle zufolge sogar angreifbar. „Aufgrund der aus Presseveröffentlichungen bekannten Umstände kommen aus arbeitsrechtlicher Sicht Zweifel an der Haltbarkeit der fristlosen Kündigung auf“, sagte Simon am Mittwoch gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Neben einem „an sich geeigneten wichtigen Grund in Form einer groben Verletzung arbeitsvertraglicher Pflichten“ müsste diese noch „stets verhältnismäßig“ sein. Grundsätzlich bedürfe es einer Pflichtverletzung aus dem Arbeitsverhältnis heraus. Die Teilnahme an einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen habe zunächst einmal nichts mit seiner Tätigkeit als Profisportler zu tun. 

    Saibous Freundin, die Weitspringerin Alexandra Wester, ist mit den kritischen bis verschwörerischen Äußerungen zur Pandemie viel öfter im Netz unterwegs. Die beiden waren auch auf den Fotos von der Samstagsdemo zu sehen - ohne Masken und Abstand zu anderen Menschen. Doch anders als ihr Freund sollte Wester noch keine beruflichen Konsequenzen hinnehmen, abgesehen davon, dass der Deutsche Leichtathletikverband (DLV) sich von ihren Äußerungen distanzierte. Mittlerweile hat sich auch der Deutsche Basketball Bund (DBB) vom missbilligten Sportler distanziert. Der DBB-Chef Ingo Weiss sieht dabei im Gegensatz zum Verein keinen Grund für ein mögliches Aus von Saibou aus der Nationalmannschaft. In den sozialen Netzwerken wie Twitter kursiert immer öfter der Alternativvorschlag, auch der Verein hätte Saibou statt einer fristlosen Kündigung erstmal eine 14-tägige Quarantäne auferlegen können.

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